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Der Israelit · 1885-12-31 · Heft 102 (31.12.1885) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 102 (31.12.1885)
Date
1885-12-31
Page
– (sequence 11)
Language
German
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17 Ui hatten daselbst Verwandte und freunde, denen sie Nachrichten von sich zukommcn lassen wollten. bs kam ihnen dies schwer genug an. Da cs in Jerusalem, in Folge des gänzlichen Mangels an Handelsverkehr mit (Europa keinerlei Post gab, so mussten die Briefe durch einen Boten nach Bcyruth gesendet werden, von wo sie in einem einzigen Paquct nach Odessa, nnd von dort nach Wilna geschickt wurden. In ganz Jerusalem fand sich nämlich nicht Einer, der auch nur eine Adresse in einer anderen als der hebräischen Sprache schreiben konnte; daher mutzten die Briefe, welche nur mit hebräischen Adressen versehen, nach Wilna gesendet werden, wo die Gemeinde ihre Beförderung an ihren Bcftlmmungsort veranlagte. Auch das Gewerbe lag damals sehr darnieder. Europäische Schuhmacher, oder wenigstens solche, die eine bequeme und wohl geformte Schuhbeklcidung machen konnten, gab cs nicht. Man war gezwungen, die arabischen rothe Schuhe zu tragen, die damals noch auf der ersten Stufe ihrer Ausbildung standen. Das obere Leder war mit Faden genäht und die Sohle zngeklebt, so das; sie nach mehrtägigem Gebrauch absicl. Die Meisten zogen cs daher vor, Holrschnhe zn tragen, die aber einen anderen Rachthcil hatten. Sic waren schwer nnd wurden es noch mehr im Winter durch den Koth der Strassen, so dass es zu einer mühseligen Arbeit gehörte, in der Regenzeit, eine Strasse zu passiren. Ebensowenig gab es Tischler, die im Stande gewesen, auch nur einen einfachen Tisch oder irgendwelche Stühle hcrzustellcn. Man verrichtete, ans der Erde sitzend, alle Handarbeiten und nahm in derselben Stellung, die Speisen zu sich. Durch die Abwesenheit von Tisch nnd Stuhl und aus Mangel an guter Beleuchtung, erhielt das Innere selbst der deutsch-jüdischen Wohnungen, einen orientalischen Anstrich und gewährte zugleich einen elenden Anblick. Das Petroleum war unbekannt und man bediente sich zur Beleuchtung der Wohnungen, des Olivenöl», welches in irdenen Gefässen gebrannt wurde. Was die Tracht der Afchkcnasim. zu jener Zeit anbclangt, so trugen die Männer die alte, scphardischc Tracht, die heute ganz verschwunden ist und selbst von den Scphardim nicht mehr getragen wird. Aus dem Kopfe trug man einen hohen, runden und Harle» Hnt, der mit einem großen Tuch umwickelt war und Kawuk hieß (nicht zu verwechseln mit dem Turban). Diese Hüte wogen mehr als ein Pfund nnd wurden Winter und Sommer getragen. Man hielt sic theucr, weil sic eine Erinnerung an das Unglück der Brüder in Spanien waren, und schrack vor der Hitze des Sommers nicht zurück, wo die Hüte unerträglich sein mussten. Die Kopfbedeckung der Frauen war ebenso sonderbar wie die der Männer und hieß Ehalebi. Sie bestand ans einem grossen Tuche, welches dicht über den Augen so um den Kopf geschlungen war, dass die Ohren bedeckt waren. So war die jüdische Gemeinde durch die Tracht wie durch die Sprache nnd die Religion von der übrigen Bevölkerung geschieden: aber nie hatten sich die mohamedanischen Mitbürger eine Unduldsamkeit oder auch nur eine Beleidigung gegen die kleine, unansehnliche und schutzlose Gemeinde zn Schulden kommen lassen. Die kleine jüdische Gemeinde (die Afchkcnasim, d. i. deutscher Abkunft zählten im Ganzen gegen 800 Seelen, die Scphardim. d. i. spanisch-portugiesischer Abkunft noch viel weniger) von Andersgläubigen umgeben, fühlte sich sicher. Sie war unbehelligt in der Verrichtung ihrer Gebete wie in der Ausübung der Eercmonien, und ihre Tracht erregte keinesweges Spott und Hohn. Das Gefühl der Sicherheit war so mächtig, dass die Afchkcnasim sich von den Scphardim trennten, da sie der gegenseitigen Hilfe nicht mehr bedurften. Die Scphardim besaßen eine kleine Synagoge, deren Erbauung sie in die Zeit Rabbi Jochanan den Sakai's zurückführten. Diese Synagoge besteht noch jetzt irnd wird besonders an Feiertagen viel besucht. Die Aschkenasim (oder Peruschim) hatten ein kleines Bethans auf dem Hofe des Hauses, welches Rabbi Jchuda Hachassid von Regensbnrg*) gegründet hatte: und ein zweites Bethans, von Rabbi Akiba Lehren ans Amsterdam gegründet. Tie Gemeinde Pernschim lebte damals ausschliesslich von Almosen (Ehaluka) ihrer barmherzigen Brüder Europa's. Doch konnten sie damals nicht so schnell wie heute in den Besitz derselben gelange». Die Almosen wurden nach Amsterdam und von dort nach Wilna geschickt. Die Gemeinde Wilna beförderte sic einmal im Jahre durch einen eigens zu diesem Zwecke angestelltcn Boten (Schcliach) nach Odessa. Die Odessaer Gemeinde schickte das Geld mit einem Boten nach Eonstantinopel, wo es endlich von einem aus Jerusalem geschickten Boten in Empfang genommen nnd nach der heiligen Stadt gebracht wurde. Bevor der Jerusalemer Bote nach Eonstantinopel abging, wurde dessen bevorstehende Abreise in der Syoagogc bekannt gemacht, damit Jeder, der Briefe oder irgend etwas nach der Heimath senden wollte, sich beeilen sollte, sie dem Äo- *) Anm. der Red.: Beruht wohl auf einem Inthnm.

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