Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 102 (31.12.1885)
- Date
- 1885-12-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1739 ~ tragen Sic das im Ernst? — Wie gefällt Ihnen die strahlende Sonne, die Segen spendend, Licht und Wärme über den Erdball ergießt?" Hermann lachte laut auf. „Sie sind ein Poet, das hatte ich nicht gewußt. Aber Sie haben recht, meine Frage war ein Unsinn, Mrs. Trcfoil ist wunderbar schön." „Schön," wiederholte Eduard, „daran hatte ich in diesem Augenblick nicht einmal gedacht — aber es ist wahr, sie ist schön und aus jedem ihrer Worte spricht so viel Herzensgute, so viel Geist, so viel Anmuch und Liebenswürdigkeit — und zu dem Allen diese unverfälschte Frömmigkeit —" „In Acht nehmen, Freund! in Acht nehmen! — Meine Mutter hat mich gewarnt, — ich warne Sie." „Ach was!" lachte Eduard erröthend, „in die Sonne hat sich noch keiner verliebt." „Aber verbrannt hat sich schon Mancher an ihr." „An der Sonne?" „Nun, ja freilich." „Nonsens, Sie wollen mir Angst machen, aber ich lasse mich nicht so leicht in's Bockshorn jagen. Wann gehen Sie wieder hinaus?" „Morgen Abends, w. G., ich habe cs meiner Mutter versprochen." „Ich begleite Sie. DKs. Trefoil hat uns mit solch' aufrichtiger Herzlichkeit aufgefordert, sie recht fleißig Zu besuchen, daß wir nicht zu fürchten brauchen, zudringlich zu erscheinen. Erst, als wir schon im Begriffe waren, uns zu empfehlen, erwähnte Mrs. Trefoil, daß sie vor einigen Monaten sich in D.... aufgchalten. Sie willen, daß ich in D.... liebe Freunde und Verwandte habe, vielleicht kennt Mrs. Trefoil einige von ihnen, ich will cs jedenfalls versuchen, mich nach ihnen zu erkundigen." Zn heiterster Stimmung legten die jungen Leute den Heimweg zurück und verabredeten gleichzeitig, wo sie sich am kommenden Abende treffen wollten, um wiedcrmn gemeinschaftlich zur Villa sich zu begeben. Und von da an kormte man sie tagtäglich in den Abendstunden zur Villa pilgern sehen, wo sie stets des freundlichsten Empfanges sicher waren. Hermann unterhielt sich meistentheils mit seiner Mutter, verbrachte auch manche Stunde allein bei ihr in ihrem Zimmer, während man Eduard stets in lebhaftester Unterhaltung mit Dtrs. Trefoil treffen konute. Hin uud wieder fand sich auch Mr. Jamesson mit seiner FamLie ein. Dieser heitere freuudschastliche Verkehr hatte bereits einige Wochäl gcdauett, als Mr. Jamesson eines Tages, es war in den spätem Nachmittagsstunden, in das Comptoir zu Eduard trat und diesen aufforderte, ihm in sein Privatzimmer zu folgen. Die Stirn des Geschäftsführers war i» tiefe Falten gezogen, er schien um eine Reihe von Jahren gealtert, so sorgenvoll hatte Eduard ihn noch nie gesehen. „Setzen Sie sich, Mister Steinhart," sprach er, als der junge Mann seiner Aufforderung gefolgt war, „habe da eben eine Nachricht erhalte», die mich gradezu consternirt. Da lesen Sie und rathen Sie, was da zu thun ist." Er schob bei diesen Worten einen entfalteten Brief, der auf dem Tisch lag, zu Eduard hinüber und schrittt dann, die Hände auf dem Rücken übereinandergekreuzt, unter wiederholtem Kopfschütteln im Zimmer auf und nieder. Eduard hatte den Brief gelesen, war jedoch noch immer nicht im Stande, die heftige Erregung des alten Herrn zu begreifen. Der Director einer Irrenanstalt in der Nähe von New-Aork theilte dem Geschäftsleiter des Hauses „Richard Trefoil and brother“ mit, daß einer seiner Pfleglinge, Robert Moor, entflohen, daß er zwar Alles aufgegoten habe, des Flüchtlings wieder habhaft zu werden, daß er jedoch bis zur Stunde keine Ahnung habe von dem Aufenthaltsorte des Irren. „Nun?" fragte Mr. Jamesson, indem er vor Eduard stehen blieb, „was ist da zu thun?" Der junge Mann zuckte die Achseln. „Ich verstehe weder Ihre Frage noch Ihre Aufregung, Mister Jamesson, — oder ist jener Robert Moor vielleicht ein Verwandter von Ihnen?" „Ach, ja so!" Mr. Jamesson schlug sich mit der Hand gegen die Stirn, „ich sagte es ja, die Geschichte hat mich so confus gemacht, daß ich nicht einmal daran gedacht habe, daß Sie zu jener Zeit noch nicht bei uns waren; von der unglückseligen Geschichte daher nichts wissen können. Ich muß sie Ihnen rasch erzählen, denn ich rechne in dieser Angelegenheit auf Ihren Beistand. Also vernehmen Sie." Er sprach rasch und hastig. „Robert Moor war ein fleißiger, tüchtiger Eomptoirist, von seinem fünfzehnten bis zu seinem zwanzigsten Jahre in unscrm Büreau beschäftigt. Er war von gutmüthtgem, jedoch häufig etwas excentrischcm Wesen. Vor vier Jahren hielt sich Mr. Trefoil mit seiner jungen Frau hier auf. Sie kennen Mrs. Trefoil und ihr liebenswürdiges, herzgewinnendes Wesen, für Jeden hat sie zu jeder Zeit ein freundliches Wort. Ihr Gatte hätte nicht nur ihr Vater, er hätte ihr Großvater sein können, dennoch lebte dieses ungleiche Paar in glücklichster