Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 101 (28.12.1885)
- Date
- 1885-12-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449503-2449598--23472-2513150- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1722 bcu größten Opfern gewahrt. Tic Verlegenheiten aber steigerten sich von Tag zu Tag. Am legten Sonntag wurde die mit Meisels befreundete Familie S p i r-'durch die jüngste Tochter Meisels um ein Viertel vor zwölf Uhr Nachts ans dem Schlafe geweckt. Das junge Mädchen erzählte mit fliegenden Worten: „Mein Later will sich erschießen, und Bertha und Ludwig sind entschlossen, mit ihm zu sterben'. Kommen Sie und retten Sie uns. Zch bin noch jung, ich mag nicht sterben!" Herr Spirü verfügte sich hierauf in die Wohnung Meisels und durch Bitten der jüngsten Tochter und Bemühungen Spirüs wurde der Plan zu dieser Schreckensthat vereitelt. In den letzten zwei Tagen gab auch die Jüngste ihren Widerstand auf und willigte ein, das Schicksal ihres Vaters und ihrer älteren Geschwister zu theilen. Mittwoch wurde das Dienstmädchen ausgeschickt und kehrte um dreiviertel ll Uhr nach Hanse zurück. Die Magd öffnete die Wohuungsthüre, und ein schrecklicher Anblich bot sich ihr dar. Aus dem Loden lagen der Reihe nach in großen Blutlachen Meisels und sein Sohn, ein zweitjähriger Jurist, bei der Thüre, und die ältere Tochter beim Fenster, während sich das jüngere Mädchen in einem Bette befand. Der Brief Meisels an die Polizei enthält unter Anderem den Passus: „Die That macht eine Motivirung derselben überflüssig." Diesem Schreiben sind nachfolgende» von den Kindern Meisels unterfertigte Zeilen beigefügt: „Wir haben diese traurige That nach gemeinsamer Verabredung ans freien Stücken verübt, weil wir ohne Ehre nicht länger leben wollen. Budapest am 15 Dezember. Bertha, Ludwig, Regina." Der Selbstmord dieser Familie hat in Ungarn die peinlichste Sensation hervorgerufen. Die unglücklichen Opfer erfreuten sich bei allen ihren Bekannten warmer Sympathien. Der Charakter Meisels wird allgemein gelobt. Intelligenz und Ehrlichkeit waren die Grundzüge seines Wesens und mit regem Pflichteifer und rigorosester Pünktlichkeit kam er allen Anforderungen in seinen verschiedenen Stellungen nach. „Eine Erklärung ist unnötlsig!" Das war sein letztes Adieu an diese Welt. Sterbende pflegen sonst die Wahrheit zu reden, aber dieser Ausspruch des Unglücklichen ist unwahr: eine Erklärung ist in der That nöthig, für ihn sowohl, als auch für seine jüdische Familie, in welche der Aermste durch seine Verzweiflungsthat eine Mutige Lücke gerissen, xb pi eine Erklärung ist nöthig seinem jüdischen Volke und der ganzen menschlichen Gesellschaft. Ein Mann bespricht seit Tageil, seit Wochen mit seinen Kindern einen entsetzlichen Selbstmord. Wie sollte eine solche Schreckensthat, bk sich gegen alle Gesetze der Natur auflehnt, ohne Erklärung bleiben? Der Ichudi soll aus dem Ungeheuern Frevel wenigstens eine Lehre ziehen, eine Lehre und eine Warnung, welche ihn abhalten soll von der abschüssigen Bahn, die zu dem Abgrunde führt, der diese beklagenswerthe Familie verschlungen. Mit unbestimmten Hoffnungen auf raschen und reichlichen Gewinn kam Meisels nach Budapest. Losgelöst von allen verwandtschaftlichen und Freundeskreisen, änderte er auch seine bereits erschütterte Gesinnungen in Bezug auf die Religion; nicht mehr stand er auf dem geheiligten Boden der Gotteslehre. Im Jagen nach den Gütern dieses Lebens änderte er auch seinen Familiennamen in „Egresi." So lange er sich behaupten konnte, vergaß er ganz an seiner jüd. Abstammung. Wie gut aber wäre diese Erinnerung in seiner Unglückszeit gewesen? Der Glaube ist ein ernster Begleiter, eine feste Stütze, an die Du Dich klammern kannst in Deinen Leiden, daß Du nicht verzweifelst; es erkennest: wpba jns» son „daß der Finger Gottes dies werden ließ." Wüst war es in seinem Herzen, kein Gottvertranen, keine Hoffnung, und das Resultat ein vierfacher Mord! Er wollte wie ein echter Romanheld sterben, und erschoß selbst seine von ihm vergötterten Kinder, „’ipi" n ,ro lsPim „Die aber, welche auf den Ewigen hoffen, werden verjüngt stets an Kraft." Jenö Horowitz. Prag, im Dezember. Am 26. d. feierte der rühmlichst bekannte Orientalist, Herr Professor Dr. S. I. Kämpf in Prag, sein vierzigjähriges Amtsjnbilänm als Kanzelredner. Der Jubilar wurde vor vierzig Jahren aus Mecklenburg - Strelitz, wo er als Kanzelredner und Pädagog fungirte, von der Prager Tempelgemeinde als Prediger berufen, in welchem Amte er bis auf den heutigen Tag die stets in Massen zuströmende Hörerschaft durch seine gediegenen Reden zu fesseln wußte. Als Schüler der Orientalisten Gesenius, Rüdiger u. A. that er sich bereits frühzeitig durch literarische Arbeiten auf dem linguistischen Gebiete hervor. Im Jahre 1850 habilitirte er sich an der Prager Universität als Linguist, 1859 wurde er zum Professor ernannt. Von seinen zahlreichen literarischen Produkten seien unter Anden» erwähnt: „Die Makamen Hariri's," „Nichtaudalusische Poesie andalusischer Dichter," „Entzifferung der Inschriften Mesa's und Eschnumazar's" und das „Hohe Lied", welches bereits ly. dritter Auflage erschienen ist. Von den zahlreichen Original-Dichtungen sei nur das Drama „Suleiman" hervorgehoben.