Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 100 (24.12.1885)
- Date
- 1885-12-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- Herat 1× ep/1047496
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Chuschan, ebenso auch in der östlich von hier gelegenen Stadt Maimeuc leben mehrere Jndcnfamilicn: dieselben nnterstehen jedoch inegcsanunt dem hiesigen Rabbinate und haben sic auch an unsere Gemeinde eine Ausgabe (drrzb nenn) zu entrichten. Ferner unterstehen dem hiesigen Rabbinate auch jene Judenfamilien, die in den zwischen hier und Merw gelegenen Dörfern wohnen. Politisch gehören nun diese Dörfer seit 188:! zu Rußland, in religiöser Hinsicht werden sie aber als der hiesigen Gemeinde einverleibt, betrachtet. Die Umgangssprache der Inden hier ist das Persische, doch ist auch das Türkische unter denselben stark verbreitet. Letztere Sprache ist nämlich die vorherrschende in den jenseits des Amu-Darja bis zur chinesischen Grenze gelegenen Provinzen und Ländern, mit denen die hiesige Geschäftswelt lebhafte .Handelsbeziehungen unterhält. Dagegen ist das Arabische den hiesigen Inden förmlich eine Terra incognita, da diese Sprache hier weder gesprochen noch gelehrt wird. Auch das sogenannte Puscht», welches die zweite Landessprache Afghanistans und unter der ländlichen Bevölkerung hier verbreiteter als das Persische ist, wird von den hiesigen Juden nicht gcpstcgt. Die Bewohner der Provinzen und Stadt .Herat sind nämlich durchwegs Perser, wenn sie auch schon in Betreff des Glaubens von ihren Stammesgcnossen in Persien stark abwcichen, da sie insgcsammt Sunniten (Bcfolger der mündlichen Lehre) sind, die weder ihre Nationalität noch ihre schöne und wohlklingende Muttersprache, die das Französische des Orients genannt wird, anfgeben wollen, lind ganz so wie Mnhamedaner sind auch die Juden hier Volker Begeisterung für die persische Sprache, welche vorn Kaukasus bis an die äußerste Südspitze Indiens gesprochen und verstanden wird und die daher nächst dem Chinesischen die weitverbreitetste Sprache Asiens ist. In den hier bestehenden zwei Synagogen wird daher nur in persischer Sprache gepredigt und in dieser Sprache werden auch in den Schulen hier die heilige Schrift und die nwdr *pg (Sprüche der Väter) vorgetragcu. Da die Herater iin Allgemeinen auf einer höheren Bildungsstufe, sit venia verbo, stehen als ihre Nachbarn, die Perser, die Bclndscheu, die Afghanen und die Turkomcnen, so überragen auch die Inden hier ihre Glaubcnsbrnder in Persien an Wissen und Bildungseifcr und sehen sie daher sorgfältig darauf, daß ihre Kinder ihre Muttersprache correct sprechen und schreiben sollen. In jedem vornehmen jüdischen Hause hier findet man eine kleine persische Bibliothek und der Mnley (Rabbiner) hier citirt oft in seinen Predigten diesen oder jenen persischen Dichter. Ein eigenes Judcnviertcl, wie in Teheran oder Bokhara, gibt es hier nicht und wohnen daher die Juden in der ganzen Stadt zerstreut. Ihr Hauptcrwerb ist selbstverständlich der Handel, zumal die Einfuhr von englischen Maaren aus Indien, die sie auch nach Central-Asien weiter versenden, indcß wird auch die Teppich- und Ledererzeugung sehr stark von ihnen betrieben. Ueberhanpt sind fast alle Handwerke unter den Juden hier vertreten. Im großen Bazar hier befinden sich jetzt: acht jüdische Tcppichhändlcr, zehn Uhrmacher, vier Gold- und sechs Waffenschmiede, dann fünf Seiden- und acht Klcidcrhändlcr. Auch gibt cs hier fünf jüdische Acrzte. Dieselben haben selbstverständlich keine Universität besucht und verdanken sie ihr ganzes medizinisches Wiste» dem Privatunterrichte mit der damit verbundenen Praxis. So wird hier der Sohn eines Arztes gewöhnlich wieder ein Arzt und nicht selten «.'acht sich auch der Diener eines Arztes nach einigen Jahren selbständig und promovirt sich mit Nachsicht aller Rigorosen und Taxen zum Arzte l.Hekim.) Der berühmteste jüdische Arzt hier ist zur Zeit der Hakim Samuel, von dem, sich nicht nur viele Notable der Stadt, sondern sogar auch deren Frauen und Töchter behandeln lassen. Die Herater Frauen, deren Schönheit einen Weltruf genießt, ziehen cs nämlich vor, sich von einem jüdischen als von einem persischen Arzte behandeln zu lassen, da sic jenem ein größeres medizinisches Wissen Zutrauen als diesem und dann wissen sie sehr wohl, daß der Jude verschwiegen ist, während der persische Arzt, der gewöhnlich zugleich auch Bader und Raseur ist — fast jeder persische Arzt hier hat zugleich auch einen Nascurladcn im Bazar, was den Juden nicht gestattet ist — nur zu gerne von seinen Patienten schwatzt, wobei nur zu oft die Körper-, Toilette¬ oder Boudoirgeheimnisse derselben den Gegenstand der Unterhaltung bilden müssen. Sämmtliche fünf jüdischen Aerzie sind aber zugleich auch Apotheker (Attar) und Dank dieser ihrer Doppelstellung erfreuen sie sich auch eines recht behäbigen Wohlstandes. Hakim Samuel ist sogar ein mehrfacher Hausbesitzer und nennt er auch einen großen Viehstand sein eigen. Was dann die sociale Stellung der Juden hier anbelangt, so betrachten Negierung und Bevölkerung dieselben nur als. geduldet und haben sie daher gar keine Rechte, dafür müssen sie aber bedeutendere Lasten als ihre mohamedanischen Mitbürger tragen. Nur vorn Waffendienste sind sie befreit, weil die Regierung die Glaubenseinheit in der Armee bewahrt wissen will. Unser Emir, Abdurrahmcn Khan, besitzt zwar eine weltmännische Bildung und weiß auch sehr wohl, daß die Juden