Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 98 (17.12.1885)
- Date
- 1885-12-17
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1680 Feuilleton. Jüdische Ackcrtittu-Col'oittcn. Es war in den ersten Jahren der Regierungszeit Aterandcr's I., als durch die jüdische Bevölkernng Rußlands ein idealer Wunsch ging, der überallhin in die jüdischen Kreise den Emancipations-Gedankcn trug und den heißen Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit, nach einem menschenwürdigeren Dasein erweckte, als es bis dahin den Inden Rußland bcschiedcn gewesen. Was waren die Juden damals? Waren sic Schacherer und Wucherer, wie sie cs in Deutschland gewesen? Sie trieben allerdings auch in hervorragender Weise Handel, daneben aber alte nur denkbaren Handwerke, Gewerbe und Industrie. Diese eigcnthümliche Erscheinung findet darin ihre Erklärung, daß in Polen und Rußland der Landadel zur ausschließlichen Herrschaft gelangte, daß er den Handel und das Handwerk verachtete und nichts dagegen hatte, wenn die nnterdrücklen Elasten sich diesen'Berufen znwandtcn. Von dieser Freiheit hatten die Juden den umfassendsten Gebrauch gemacht. In Deutschland war cs umgekehrt gewesen: neben dem Adel herrschte auch das Bürgerthum, und dieses schloß die Inden von allen „anständigen" Gewerben, von Handel und Handwerk ans, worauf sie zur Friftnng ihrer Existenz mit hoher obrigkeitlicher Erlaubnis; Schacherer und Wucherer werden mußten. Die ungeheure Niehl zahl des russischen Volkes bestand ans Bauern, und dieser Mehrzahl ähnlich, mit ihr Eins zn werden, das war zur Zeit Alexauder's der leitende Gedanke in der jüdischen Bevölkerung. Am Himmel der russisch jüdischen Literatur flammte damals manch' glänzendes Gestirn auf, das den jüdischen Parias prophetisch eine glückliche Zukunft verhieß. Einer der bahnbrechenden Schriftsteller dieser Epoche war I. B. Lewinsohn, zu dem auch die heutigen Inden Rußlands noch wie zu einem „leuchtenden Stern" zurück schauen. Er trat mit glühender Begeisterung für die Gründung jüdischer Ackerban-Eolonien ein und bewies ans der Heiligen Schrift und dem Talmud, daß die hervorragendsten Männer der jüdischen Geschichte zur Elasse der Ackerbauer gehört hatten. Er zeigte, wie alle mosaischen Gesetze dem Ackerbanleben angepaßt seien, wie die jüdischen Gesetzgeber bestrebt gewesen, den Ackerbau zn fördern. Er erinnerte an die bekannte Vcrthcilnng von Grund und Boden, die dazu geschaffen war, die Inden an das Land und seine Bearbeitung zu fesseln, sie als ackerbautreibendes Volk zu erhalten. Die Moral des Volkes, Segen und Fluch, Reichthum und Armuth zeigte er als mit dem Ackerbau verknüpft, und als das Muster einer hochgesittetcn Frau nach Salomo die wirthschaftliche, die an ihrem Felde, an ihrer Arbeit hängt, nicht aber eine Fra», die Handel treibt . . . Es verblieb nicht bei schönen Worten und frommen Wünschen; die Juden wußten auch zu handeln. Der Schriftsteller, der Gelehrte, Leute, die ein ganzes Leben voll geistiger Arbeit hinter sich hatten, zögerten nicht, dem Volke mit gutem Beispiele vorauzugehcn, selber zum Pflug zu greifen und ihre Felder zu bestellen. Man sah sie ackern, Vieh- und Bienenzucht treiben, in den Wäldern Holz schlagen, kurz alle landwirthschastlichen Arbeiten verrichten. Ihr Beispiel wirkte den» auch zündend, und in vielen der Gouvernements, die den Inden bis dahin verschlossen gewesen, entstanden jüdische Arbciter-Eolonien, in Ncu-Rnßland, in Kiew, Volhynien, Podolien, in Polen, in Weiß- und Kleinrußland, in Kaukasien und Trans-Kaukasien. Es macht einen merkwürdigen Eindruck, wenn man unter den jüdischen Dorf-"und Eolonicnameu im Gouvernement Cherson die Namen Sedeh-Menncha, Feld der Ruhe, des Glücks, der Seligkeit, oder Rahar tow, guter Fluß, oder gar Kraelewka findet, der Welt andeutend, daß die Inden hier bei schwerer Arbeit ihr Lcbcnsideal gefunden. Ein rastlos gehetztes Wild, hatten sie jubelnd das heißerschnte Asyl begrüßt, das sich ihnen hier erschloß, und dankbar den Dörfern, welche unter ihrer Hand erstanden und ihnen ein gesichertes Heim verhießen, Namen gegeben, welche den Empfindungen entsprachen, die sie beseelten. Im Jahre 1858 betrug die Zahl der Juden, die sich in Polen mit Ackerbau beschäftigten, 28,391. Im neuruffischen Gebiete (Cherson, Jekaterinolaw n. s. w.) gab es im Jahre 1859 35 jüdische Ackerban-Eolonien mit dem großen jüdischen Bevölkernngs-Contingente von 26,396 Personen. In dem Gouvernement Kiew, Bolynien, Podolien existirten im Jahre 1879 im ganzen 56 Ackerban-Eolonien, die voll 20,665 Inden bearbeitet wurden. In Weißrußland und Kleinrußland befanden sich ebenfalls ganze Landausiedtungen im Betriebe von Juden. Hiezu treten noch die jüdischen Landwirthe in Kaukasien und Transkaukasie». Man wird nicht zu hoch greifen, wenn man die gcsammte jüdische landwirthschaftliche Bevölkerung in Rußland und Polen auf circa 1OO,OO0 veranschlagt. Diese Ziffern werden manchen Leser überraschen: demjenigen jedoch, der die große Bewegung kennt,