Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 98 (17.12.1885)
- Date
- 1885-12-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1679 ff in Amt sofor t niedcrlcgcn und mußte das preußische Staatsgebiet verlassen!! Wohm? — Minder», 9. Tccbr. Die „Mind. Ztg." bemerkt im Anschluß an die Notiz, daß der ans den 9. Dcccmbcr angesetzte Dermin znr Verhandlung der Klage gegen den Redakteur P. Leonhardy wegen Beleidigung des Herrn Hofprediger Stöcker aufgehoben sei: „Wie bekannt, handelt cs sich um einen un» von zuverlässiger Seite zngegaugenen Brief aus Halberstadt, in welchem die Stellung Stöcker'« gegenüber seiner Mutter besprochen war. Obwohl es für uns keine angenehme Arbeit war, in den internsten Familienangelegenheiten hernmznstöbern, so gebot uns doch der Selbsterhaltungstrieb, in Halberstadt, Hatte, Magdeburg unsere Ermittelungen in der rücksichtslosesten Weise vorzunehmen. Wir haben uns Mühe gegeben, Material zu sammeln und wir sind bei dieser Arbeit, was wir hier lobend anerkennen wollen, von den verschiedensten Seiten aufs Wärmste unterstützt worden. Das vorhandene Material wird nicht allein genügen, den von uns verlangten Beweis der Wahrheit zu führen, nein, das Material wird im Stande sein, auch nach anderer Richtung hin auf Herrn Stöcker eine wohlthuendc Wirkung zu üben." Aus Glfaff-Lothringe». Seit etwa 6 Tagen, so meldet die „Lothr. Zeitung", ist ans Knrzcl der dortige israelitische Vorsänger, Herr Wurmser, spurlos verschwunden. Am Morgen des 30. v. M. kleidete derselbe sich an und verließ das Dorf ohne Geld, ja sogar seine Taschenuhr ließ er zu Hause. Man vcrmuthcte, daß derselbe sich zu seinen Verwandten im Elsaß begeben habe, was sich jedoch nicht bestätigt hat. Es wurde nunmehr befürchtet, daß Herr Wurmser in Folge eines Unfalls seinen Tod in der Nied gefunden haben könne. W. Oestcrr.-Uugar.Monarchie. Wien. Anfangs April dieses Jahres kam in der Nacht ein junges Mädchen, nur nothdürftig gekleidet und in ein großes Tuch gehüllt, zum Polizei- Eommiffariate Landstraße und erzählte in größter Aufregung, daß es, im Bette liegend, von der Tochter seines Ditnstgebers, des in der Apostelgasse wohnhaften jüdischen Fabrikanten M. Ehrlich, mit einem scharfen Messer überfallen und am Halse leicht verletzt worden sei; durch eineu Sprung aus dem Fenster habe es sich vor dem offenbar sicheren Tode gerettet, und den Schutz des Polizei -Eommissariats nehme cs auf Rath des Dienstvermittlungs-Bureau- Jnhabers Johann Sanermann in Anspruch, in dessen Behausung es sich geflüchtet habe. Am Halse des Mädchens, welches sich Marie Lisch ka nannte, fand der amtirende Polizei-Beamte zwar allerdings eine Wunde, allein er konnte sich des Gedankes nicht erwehren, daß die ihm eben mitgetheiltc Attentats- Geschichte eine Erfindung sei. Er unterzog deßhalb Marie Lischka einem strengen Verhöre, in dessen Verlaufe sich das Mädchen in viele Widersprüche verwickelte. Da der Beamte die Ueberzengnug gewonnen, das; die ganze Geschichte erlogen sei, wurde gegen Marie Lischka nunmehr die Strafamtshandlung wegen Betruges durch Irreführung der Behörden eingeleitet. Der erwähnte Johann Sauermann, Kammerdiener und Dicnstvcrmittlnngs-Bureau-Jnhaber benützte diese ihm anfgetischte Attentats-Geschichte zu antisemitischen Zwecken. Er schrieb einen Artikel mit der Ueberschrift: Brauchen die Juden Eh ristenblnt?", und versuchte es, denselben in einigen hiesigen Journalen zu veröffentlichen. Dieser Versuch mißlang wohl, allein Herr Ehrlich, welcher von dem Inhalte des Artikels Kenntniß erlangt hatte, strengte gegen Sauermaun eine Ehrenbeleidigungs- Klage an. Die Verhandlung hierüber, welche am 28. Mai vor dem Bezirksgerichte Landstraße stattfand, wurde, wie wir seinerzeit berichteten, auf Antrag des klägerrischen Anwalts, Dr. Phillip Neu man'», abgebrochen und der Act dem Landesgerichte abgetreten, weil nach der Anschauung des Richters die Handlungsweise Sauermann's den objectiven Thatbcftand der Aufreizung gegen eine Religions-Genossenschaft begründete, und deßhalb wurde auch die Verhandlung gegen Marie Lischka vertagt. Das Landesgericht erblickte jedoch in dem Vorgänge Sauermann's nicht das vorerwähnte Delict, und so wurde denn heute die Verhandlung beim Bezirksgerichte Landstraße zn Ende geführt. Marie Lischka mußte, da sie kein Wort Deutsch spricht, mittelst eines czechischen Dolmetsches vernommen werden. Sie hielt ihre bei der Polizei gemachten Angaben vollkommen aufrecht und war selbst dann zu keinem Geständnisse zu be-' wegen, als ihr die craffesten Widersprüche nachgelviesen wurden. Der Gerichtsarzt Dr. Haschek und der Polizei-Bezirksarzt Tr. Hagel gaben ihrer llcberzcugnng Ausdruck, daß Marie Lischka sich die Wunde selbst zngefügt habe. Die Verhandlung endete damit, daß der Richter Marie Lischka zu drei Wochen, Johann Sauermaun zu 14 Tagen Arrests vernrtheilte.