Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-12-17 · Heft 98 (17.12.1885) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 98 (17.12.1885)
Date
1885-12-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449595--23407-2513082
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

feit der Bewegungen und gestatten zugleich einen Blick in die Erziehung«- und Lehrthätigkcit der Schule. Die Einftndirnng der Knaben wrnde von dem Lehrer, der auch den Prolog verfaßte, in den Literatur- und einigen Abendstunden in verhältnißinäßig sehr kurzer Zeit vorgenommen. Das Interessanteste bei der Sache ist, daß die besten Talmndschnler auch die besten Darsteller waren, ein weiterer Beweis dafür, daß das Talmudstudinw. und allgemeine Bildung sich nicht gegensetig ansschließen, sondern sich fördern und ergänzen. Heute den achten Tag Ehannka fand in dem gleichen Saale ein zweites Fest, statt, das ein Menschenfreund den Schülern und Schülerinnen der Israel. Volksschule gab. Die Bühne war entfernt, und dagegen drei Reihen Tische und Stühle ausgestellt, an welchen zweihundert Schüler freudestrahlend Platz nahmen und mit Chocoladen, Kaffee und Kuchen bcwirthet wurden. Nachdem dieselben den ihnen Vorgesetzten leckeren Sachen.nach Herzenslust zngesprochen, wurden abwechselnd Gesänge und Gedichte heiteren und ernsten Inhalts von den Kindern unter Leitung ihrer Lehrer und Lehrerinnen vorgetragen. Hieran schloß sich die Bertheilnng der Geschenke an sämmtliche Kinder an. Diese Geschenke waren ans besonderen Tischen aufgelegt und zeichneten sich durch Gediegenheit und praktische Verwendbarkeit aus. Solche waren mit großer Sorgfalt unter Berücksichtigung drr Bedürfnisse eines jeden Kindes nach Bcrathnug mit den betreffenden Lehrern ausgewühlt. Den aufmerksamen Wirth machte der edle Spender selbst, unterstützt von seiner Familie. Die freudige Bewegung spiegelte sich ebenso auf dessen Antlitz, wie auf den Gesichtern der fröhlichen und beglückten Kinder ab. Mögen solche vom reinsten jüdischen Wohlwollen getragenen Feste sich noch viele Jahre wiederholen. Breslau, 7. Dezember. Ueber die Motive der A n s w e i s u u g schreibt die „Breslauer Zeitung", ein Blatt, das über die Tragweite der Regiernngsmaßregeln sich e'm Urtheil erlauben darf, folgenden bemerkenswertheu Artikel: Wenn bisher die Ansicht verbreitet wurde, daß die Tausende von Existenzen vernichtenden Auswcisungsmaßregeln in nationalem Interesse ergriffen wurden; wenn diese Ansicht sowohl im preußischen Abgeordnetenhanse durch den Minister von Puttkammer als auch im deutschen Reichstage durch den Reichskanzler Fürsten Bismarck ausdrücklich genährt worden ist, so hat der jüngste Sonntagsleiter der „Schlesischen Zeitung" mit frappirendcr Offenherzigkeit dargelegt, daß den Ausweisnrtgsmaßregcln zum großen Theil confesstonellc Motive zu Grunde liegen. Die cntgegenstehendcn, von hervorragender Stelle ansgegebeneu Versicherungen werden durch jenen Artikel unumwunden desavouirt. Die „Schlesische Zeitung" weist in längerer Ausführung nach, daß sich die Ausweisungen als in erster Linie gegen das Jndeuthum gerichtete Maßregeln charakterisiren.' Trinmphirend constatirt sie in der bei ihr stereotyp gewordenen Wendung, daß das, was sie „schon vor Jahren" als nothwendig gefordert habe, nunmehr endlich von der Negierung in Scene gesetzt worden sei. Und sie ist über die gegen dasJudenthnm ergriffenen Gewaltmaßrcgeln so entzückt, daß sie verrät!), tvas bisher noch nirgends mit solch offenbarer Schadenfreude, ja, was bisher überhaupt noch nicht verrathen war. nämlich, daß schon vor einer Reihe von Wochen sich die Zahl von über die Grenze zurückgewiesenen ausländischen Inden „auf die respectablc Ziffer von 5000" — sage fünftausend — belaufen habe. Fünftausend Ausgcwiesene, zum Theil vernichtete, zum Theil in ein namenloses Elend gestürzte Menschen! Hat die „Schles. Ztg." eine Ahnung von dem Uebermaß von Herzeleid und Jammer, der in diesen dürren Worten constatirt wird? Doch nein, die „Schles. Ztg." nennt solche Bethätigung menschlichen Mitgefühls „sentimentale Regungen." Wer möchte den Sonntags-Leitartikelschrciber der „Schles. Ztg.", der dergleichen vom satten Tische aus kalten Herzens in die Welt hineinschreibt, um diese Gesinnung beneiden?... Wir aber sind neugierig, was jetzt die Negierung antworten wird, wenn ihr wiederum entgegengehalten wird, daß die Answeisungsmaßregeln trotzdem, trotzdem und alledem, einen confessionelleu Character haben? Wird jetzt, nachdem die Intentionen der Negierung mit solcher Offenheit von einem ihr so treu ergebenen Organ klar gelegt sind, noch irgend ein Vertreter dieser Regierung nuternehmen können, die Behauptung, daß die Ausweisungen ans confessiouclle Unduldsamkeit znrückzuführen seien, als eine „frivole Insinuation" zu bezeichnen? Wormditt (Ostpreußen.) Ein trauriges Geschick hat den hiesigen Lehrer und Prediger Faust betroffen. Derselbe, ein geborner Preuße, hat bei Gelegenheit seiner Anstellung vom Minister des Innern die Zuschrift erhalten, daß für ihn als preußischen Staatsangehörigen eine.besondere Genehmigung nnnöthig sei. Trotzdem wurde er aus gewiesen, weil weder er noch seine Eltern naturalisirt sind worden. Der Unglückliche, Familienvater von sechs kleinen Kindern, mußte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.