Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 98 (17.12.1885)
- Date
- 1885-12-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1674 bccftcm Tische zwei schwere, silberne Kandelaber, obgleich cs noch Heller Tag war, denn Elementine hatte gehalten, was sie gelobt. Mit dem Feuereifer, der sie bei allen ihren Unternehmungen kcnnzcichnetc, hatte sie die jüdische Religion und deren Gesetze kennen gelernt und hielt ein jedes mit unverbrüchlicher Gewissenhaftigkeit. Sie hatte sie übrigens auch schon gehalten, noch bevor sie dieselben gründlich gekannt, denn auf Steinharts Rath hatte sie eine fromme, jüdische Haushälterin eugagirt, die nicht nur die Wirthschaft zu beaufsichtigen hatte, sondern auch verpflichtet war, ihre junge Herrin auf Alles aufmerksam zu machen, was diese etwa übersehen würde. Es hatte vor ungefähr einem halben Jahre nicht geringe Sensation erregt, als cs bekannt worden, daß die gefeierte und vielfach verlästerte schöne Frau ihren Haushalt nach altjüdischcm Brauch einrichtete. Man hatte die Köpfe geschüttelt, hatte auch dahinter mehr Laune als aufrichtige Frömmigkeit gesucht, selbst von Seiten ihrer religiösen Glaubensgenossen. Clementine hatte jedoch nie Werth auf das Urthcil der Menge gelegt, cs kümmerte sic daher auch jetzt nicht, was mau von ihr sprach. Sie hatte gewünscht, Steiuhart möge sie täglich zu einer bestimmten Stunde unterrichten. Das hatte dieser jedoch für überflüssig erklärt, er wolle sie für die Woche mit zweckmäßiger Lektüre versehen und an jedem Sabbat, das, was sic gelesen, mit ihr dnrchsprechcn. „Aber es wäre sicherlich besser, wenn Sie mich täglich unterrichten würden," meinte Elementine, „geben Sie eine Ihrer Stunden auf." „Liebe, gnädige Frau, ich lebe vom Unterricht." „Das weiß ich, aber es ist doch einerlei, ob Sie die Bezahlung für Sprachunterricht oder für Religionsuntericht erhalten." Steinhart schüttelte den Kopf. „Da sind Sie im Jrrthnm. Es wäre mir unendlich peinlich, wenn ich mir die Unterweisung, die ich Ihnen so gern erthcile, bezahlen lassen sollte. Freilich, wenn es sein müßte, so würde ich meine diesbezüglichen Scrupel überwinden. Aber wie bereits erwähnt, cs ist unnöthig. Aus den Werken, die ich Ihnen senden werde, so wie aus denen, die ich Ihnen bereits gesendet habe, können Sie unendlich viel lernen. Und überdieß erhalten Sie allwöchentlich den „Israelit," das über den ganzen Erdenrund verbreitete Centralorgan für das orthodoxe Judenthum." In ihm werden Sie stets die hehrsten Lehren geistvoll erläutert finden, die trefflichste Anleitung für Ihr gesegnetes Vorhaben." „Aber ich möchte auch hebräisch beten," erklärte Elementine, „das kann ich doch nicht allein lernen." „Etwas schwerer allerdings. Doch wenn cs sich um nichts anders handelt, was Ihnen in dieser Beziehung abgcht, so läßt sich dies leicht ersetzen. Meine Bertha hat nicht nur ihre jüngeren Geschwister lesen, sic hat sie auch die täglichen Gebete übersetzen gelehrt. Wenn es Ihnen gefällig ist, kommt Bertha täglich von der Schule aus zn Ihnen, um Sie im Hebräischen zu unterrichten." Frau von Kleefeld war einverstanden und Bertha selbstverständlich überglücklich über ihr neues Amt. Tagtäglich stolzirte sie seitdem mit ihrer Schulmappe unter dem Arm zu ihrer großen Schülerin, ans deren überaus rasche Fortschritte sie sich nicht wenig zu Gute that. Elementine hatte die Kleine außerordentlich lieb gewonnen, in jedem Zuge ihres lieblichen Gcsichtchens, in jeder Bewegung ihres graziösen Figürchens erinnerte sie an den Vater, den die junge Frau so hoch verehrte. Auch das Unterrichtstalent hatte die Kleine von dem Vater geerbt, Clementine staunte oft über die Klarheit, mit der das Kind sich auszudrückcn wußte und über ihr Berständuiß der täglichen Gebete. Aber diese Gebete ihre große Schülerin übersetzen zn lehren, das hielt sie für durchaus überflüssig, sie empfahl Elementine jedes Gebet zuerst in deutscher Sprache zu lesen und dann hebräisch zu beten; sie hätte diese Methode auch beim Unterricht ihrer jünger» Geschwister auwenden wollen, aber das hätte Papa nicht zugegeben, hätte aber damals nur gesagt, für kleine Kinder tauge das nicht. Elementine befolgte den Rath ihrer kleinen Lehrerin und gelangte in Wirklichkeit überaus rasch zum Verständniß der Gebete. Steiuhart hatte ihr gleich in den ersten Tagen das epochemachende Werk „Jisroels Pflichten in der Zerstreuung" zum Selbstunterricht übergeben und gleichzeitig eine Anzahl Jahrgänge der bekannten Monatsschrift von demsclbeu Verfasser. Elementine verbrachte jetzt den größten Theil ihrer Zeit mit der Lektüre dieser Werke. Und je mehr sie las, desto mehr begeisterte sie sich für die darin enthaltenen Lehren und je mehr sie diese Lehren kennen lernte, desto höher stieg der Mann in ihrer Ächtung, der sie um dieser Lehren willen verschmäht hatte. Sie hatte, wie bereits erwähnt, eine religiöse Haushälterin eugagirt. Gleich am ersten Abend als ihr Gatte sie von Clemcntinens Entschluß in Kenntniß gefetzt, hatte Frau Steinhart's praktischer