Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 98 (17.12.1885)
- Date
- 1885-12-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1675 Sinn dies als Nothwendigkeit erklärt. Sie hatte sich selbst bemüht, eine geeignete Persönlichkeit an*:« findig zu machen, hatte mehrere ihrer Bekannten dafür zu interessiren gewußt, so war der Neligionslchrer der israelitischen Gemeinde aus den Gedanken gekommen, ihr seine Schwägerin, eine alleinstchendc, religiöse Wittwe zu empfehlen. Nach allen Erkundigungen, die sie über dieselbe einzog, konnte sie sie iu Wirklichkeit als glückliche Acquisition bezeichnen; der freundliche Leser wird ihr darin beistimmcn, denn es war Frau Leah Kohn, die wir in der norddeutschen Hafenstadt kennen gelernt, welche als Haushälterin in die Villa Kleefeld eknzog. Frau Kohn durfte übrigens gleichfalls ihr Engagement bei Frau von Kleefeld als glückliche Acquisition bezeichnen. Cleuieiitic ward von allen ihren Leuten nahezu vergöttert, und ihre Haushälterin bettachtete sie weit weniger als Dienerin, denn als Freundin. So wenig auch die ernste, ältliche Frau zu der jungen, lebensfrohen Dame zu passen schien, so hatte sich doch sehr bald ein überaus schönes, beinahe iittimes Verhältnis zwischen beiden gebildet. Frau rnohn nahm ihre Aufgabe sehr ernst, jedes kleinste Versehen, auch die geringste Achtlosigkeit brachte sie ihrer Herrin zu Bewußtsein, aber sie that es in so bescheidener, liebevoller Weise, daß Elementine sie nach jeder solcher Erinnerung nur noch höher schätzte. Es war in der s. g. Sabbaistunde. Die Kandelaber standen auf dem bereits weißgedeckten Tische. Um auch etwas zum Empfang des Sabbats vorzubreiteu, befestigte Elementine eigenhändig die Kerzen auf den Leuchtern, brannte dann jede einzelne Kerze an und löschte sie wieder, wie sie dieses vor dem eigentlichen „Anzünden" von Frau Kohn gesehen. „Haben die gnädige Frau Ihre Uhr schon aufgezogen?" fragte die Haushälterin. „Nein, wirklich, daran habe ich vergessen. Dank Ihnen, liebe Frau Kohn, daß Sie mich erinnert. Ich hätte sonst morgen den ganzen Tag nicht gewußt, was die Glocke geschlagen hat, und das hätte, unter Umständen, sehr bedenklich werden können." „Wäre wohl nicht so gefährlich gewesen," meinte lächelnd Frau Kohn, „die gnädige Frau wissen guch ohne Uhr, was die Glocke geschlagen hat." „Das kommt darauf an. Aber wo nur Herr Steinhart bleibt? — man wird sehr bald in die Synagoge gehen." „In fünfundzwanzig Minuten. Herr Steinhart pflegt zwanzig Minuten, bevor man in die Synagoge geht, zu Ihnen zu kommen, er wird daher wahrscheinlich in längstens fünf Minuten hier sein. Ich glaube, da kommt er schon, ich höre ihn auf der Stiege." „Nein," sagte Frau von Kleefeld, die den noch immer elastischen Schritt ihres Freundes kannte, „das ist nicht Herr Steinhart." Aber Frau Kohn glaubte cs dennoch, sie wollte ihm entgegeneilen und öffnete die Thür — aber Elementine hatte recht, es war nicht Herr Steinhart, es war einer ihrer eigenen Leute, der ihr auf silbernem Teller ein so eben eingelangtes Kabeltelegramm überreichte. Hastig griff Clementine danach und riß es auf. Es enthielt nur drei Worte. „Engagirt. Brief folgt." Sie stieß einen Schreiens und griff mit der Hand nach dem Herzen, es klopfte plötzlich so wild, so laut. „Um des Himmelswillen, gnädige Frau! was ist Ihnen?" rief Frau Kohn erschreckt. „Nichts," flüsterte Elementine, „gar nichts," und mit kreidebleichen Lippen lächelte -sie der Besorgten entgegen. Dann blickte sie wieder auf das Telegramm, las es nochmals und abermals als läge ein tiefer Sinn verborgen in den drei Worten. Frau Kohn schüttelte den Kopf und verließ das Zimmer, um gleich darauf mit einem Glase Wasser zurückzukehren. „Trinken Sie, gnädige Frau," bat sie, „Sie sind noch immer so bleich." „Dank Ihnen," entgcgncte Clementine, ihr freundlich zunickend und zwang sich das Glas zu leeren. Dann aber griff sie wieder nach der Depesche und las sie wieder und immer wieder lind schien vollständig zn vergessen, daß der Sabbat nahte. Aber Frau Kohn dachte für sie. Als es Zeit war, bot sie ihr ein Streichhölzchen dar. „Gnädige Frau, wenn es gefällig ist — es ist Zeit zum Anzünden." Elementine drückte ihr dankend die Hand, indem sie das Dargebotene nahm, um die auf dem Kandelaber befestigten Kerzen anzuzünden und den Segcnsspruch darüber zu sprechen. „Daß Herr Steinhart heute nicht gekommen ist; er pflegt es sonst nie zu versäumen, auf dem Wege zur Synagoge Ihnen guten Sabbat zu wünschen." „Vielleicht ist es ihm zu spät geworden," sagte Elementine, „oder" — Da klopte es leicht an die Thür und auf Frau von Kleefeld's „Herein" trat ihre kleine Lehrerin in das Zimmer. „Willkommen, liebes .Kind!" rief Elementine, ihr die Hand entgegeustreckend, „Dn kommst gewiß.