Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 97 (14.12.1885)
- Date
- 1885-12-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1655 „Gib jedem Tag seinen Lohn, indem dn stets das Gottcsgcbot erfüllest, welches ihm gebührt. Versäume nicht, deinen Arm und dein Haupt mit den Tephillin zu schmücken, dein Gewand mit den Schaufäden zu versehen, nach der Sättigung deinem Gotte zu danken und vor jedem Genüsse, Ihn zu preisen; vernachlässige an keinem Tage das Studium der heiligen Lehre; bete an jedem Tage dreimal in heißer Andacht und treibe deine Geschäfte in Fleiß und Redlichkeit. Kommen besondere Tage, die besondere Gebote und Verbote mit sich bringen, wie der Sabbat und die Feiertage, so versäume nicht, die heiligen Vorschriften derselben, die Mazzoth am Peßachseste, die Hütte, den Fcststrauß und die Freude am Hüttenfcste, den Schofar am Tage des Gerichts, die Kasteiung, die Buße und die Rückkehr am Versöhnungsfeste. treten vby tan s<bi o, las; an keinem Tage deines Lebens die Sonne der Gottesfurcht und der Liebe zu Gott nutergehcn, las; keinen Tag deines Lebens durch Sünde und Schuld verfinstert werden, das; er nicht ausgestoßen werde dereinst aus der Reihe der Tage, die hintrctcn dürfen vor den Thron des Wcltenschöpfers; denn dann würde er nicht ein Fürsprecher für dich, sondern ein Ankläger werden 'ra ,mi ba yby Nip’ Nbi Ncn *p damit er nicht gegen dich rufe znm Ewigen, da an ihm die Sünde haftet, da du ihn befleckt durch deine Schuld. Ein weiser Mann hat die Bemerkung gemacht, das; das Wort meb „zn sterben" mit denselben Buchstaben geschrieben wird, wie das Wort bien „gestern." So heißt es auch im Buche Hiob (15. 8. V. 9.) :y\a ’bj? U’D’ bs '2 ,jru xbi bien rs „Wenn unser Leben zu Ende, so gleicht cs dem rasch entschwundenen Gestern, das dahingegangen, ohne das; wir cs merkten; denn dem Schatten, der über die Erde hinflicgt, gleichen unsere Tage." w!»* bien ’D, nur das Gestern besitzen wir jru nb\ da wie ja nicht wissen, was das Heute bringt; und das Gestern ist nicht mehr da, die Gegenwart ist nur ein flüchtiger Moment, und verholen ist die Zukunft. Daher sollen den flüchtigen Moment der Gegenwart wir auszuuützcn suchen, ihn erfüllen mit gottgefälligen Thatcu, damit dereinst auch unsre Tage vor Gottes Thron treten und Zeugnitz oblegen können von allem Gutem, das wir vollbracht. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Würzburg. Tie seit fünf Jahren schwebende Rabbinerangelegenheit dahier, hat endlich ihren Abschluß gefunden, indem durch Allerhöchste Entschließung des kgl. Staatsministeriums vom 25. Rov. d. I. (2«s Foliostarkcn) die am 21. Dez. v. Js. erfolgte hohe Rcgicrnngsentschlicßnng, nach welcher die am 13. Mai 138» stattgehabte Wahl des Herrn Distrikts-Rabbiners Nathan B a m b e r g e r als eine definitive anerkannt wurde, die allerhöchste Bestätigung erhielt. Berlin, 9. Dezember. Heute Mittag wurde der verstorbene Stadtverordnetenvorsteher Dr. Stratzmann unter einer ergreifend großartigen Thciluahme der Bevölkerung zu Grabe getragen. Die Trauerfeierlichkcitcn nahmen ihren Anfang im großen Festsaale des Rathhauses, wo u. a. ein Vertreter des Kronprinzen, der Polizeipräsident, Mitglieder des Reichstages und Abgeordnetenhauses, die Mitglieder der Stadtvcrsammluug und viele Deputationen anderer Körperschaften sich eingcfundcn hatten. Nachdem der Oberbürgermeister Dr. v. Forkenbeck eine herzinnige Ansprache gehalten hatte, schilderte Geh.-Rgth Prof. Dr. B i r ch o w in ergreifender Rede das thatenrcichc Leben des Dahingcschicdcncn, seine Berdicste um das Vaterland und um die Residenz. Hieran schloß sich ein zündendes Abschicdswort des Stadtverordneten Ludwig Löwe, indem er die allgemeine Menschenliebe des Verblichenen pries, die keinen Unterschied des Bekenntnisses kannte. In ihr allein, so fnhr der Redner fort, erkannte und erfaßte er sein Judcnthum. „Da entwickelte sich zu seinem und der ganzen gesitteten Welt Erstaunen jene traurige Bewegung, deren letztes, wenn auch vielfach verdecktes Ziel war, den einzelnen Menschen und die zahlreiche Klasse solcher Menschen um deswillen zurückzusctzcn und zu verfolgen, weil sie Inden waren. In diesem Moment erwachte in dem ehrenfesten Manne das Gefühl der Solidarität mit seinen vielfach minder günstig gestellten Lcidcnsgcnossen, und mit der echten Tapferkeit des Mannes stellte er sich in Reih und Glied, um den unberechtigten Ansturm abzuwchren, von welchem er auch eine Schädigung des ganzen Volkswohlstandes erwartete. In diesem Kampfe hat er treu ausgeharrt auf seinem Posten, zuvörderst seiner Natur nach milde abwehrend, dann aber als ein tapferer Soldat kämpfend für die höchsten Güter des Lebens. Es war ein tragisches Geschick für den human den-