Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 96 (10.12.1885)
- Date
- 1885-12-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1642 Sic hielt einen Augenblick inne, fuhr aber gleich darauf in wiederum steigender Erregung fort. „Deute ist mir eine Bestätigung der Verheißung jener Religion geworden, in der ich geboren bin, die mir aber trotzdem unbekannt ist. — Dennoch bin ich überzeugt von ihrer Wahrheit und werde sic fortan halten in all ihren Gesetzen und Lehren, in denen ich mich unterrichten lassen werde." „Gott segne Sie für diesen Entschluß," rief Steinhart, „Sie wissen, wie lange ich ihn ersehnt." „Das weiß ich," erwiedertc sie, „wollte Gott, ich hätte Ihnen früher gefolgt, cs wäre vielleicht Vieles anders." Steinhart zuckte die Achseln. „Werden Sie mir helfen?" fuhr sie bittend fort, „werden Sie mich unterrichten? — werden Sie mir sagen, was ich thun und was ich lassen muß?" „Mit unaussprechlicher Freude. Clementine, wenn Sie wüßten, wie sehr Ihr Entschluß mich beglückt —" Sie blickte lächelnd zu ihm auf. „Ich möchte gleich heute mit der Ausführung meines Entschlusses beginnen. Können Sie mir nicht sagen, was ich heute noch thun könnte?" „O gewiß. Enthalten Sie sich für heute jeder Fleischspeise, und morgen — Sie werden Ihren Daushalt vollständig ändern müssen — denn die jüdische Religion begnügt sich nicht mit Gottesdienst im Gotteshause, den Gottesdienst im eigenen Dause stellt sie ungleich höher. — Doch davon morgen mehr, heute ist es wirklich spät, meine Frau wird nicht wissen, wo ich so lange bleibe. — Wissen Sie was, Elementine? Ich schicke morgen Vormittag meine Frau zu Ihnen, die kann Ihnen bei Ihrem gesegneten Vorhaben ungleich besser rathen als ick. Für heute schlafen Sie wohl, gnädige Frau." Er blickte sie innig mit einer gewissen Zärtlichkeit an. . „Laut sage ich zu Ihnen, gnädige Frau, im Innern meines Herzens, nenne ich Sie mein Kind." Sie hatte die Hand ergriffen, die er ihr bot und che er es hindern konnte, hatte sie dieselbe rasch an ihre Lippen gedrückt. Er zog sie hastig wie erschreckt zurück. „Gnädige Frau! — dieser Barbarismus! „Ist der Ausdruck innigster Verehrung der Tochter für den Vater." — Ein Jahr war verstrichen, seit Eduard Kornfeld der Heimath entflohen, nahezu ein Jahr seit er in New-Iort unter dem Namen Steinhart als Gepäckträger fein Leben fristete. — Sei» Leben fristete, ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, denn sein Verdienst war durchaus nicht unbedeutend. Allein er lebte so karg als möglich, denn er hielt, was er sich gelobt, er sparte Dollar zu Dollar in der Hoffnung, dereinst ersetzen zu können, was sein Vater veruntreut und sich hiedurch die Rückkehr in die Heimath zu ermöglichen. Denn er sehnte sich unaussprechlich nach seiner Mutter, nach den Geschwisterii und — nach der Geliebten durfte er sich nicht mehr sehnen, er sagte sich das tagtäglich, denn sie war sicher längst einem Andern angetraut — und dennoch — Oft freute er sich der schweren anstrengenden Arbeit, die ihm das Denken nahezu unmöglich machte und die ihn so sehr ermüdet, daß ihn der Schlaf sofort übermannte» sobald er sein Lager aufsuchte. Doch zuweilen empfand er die Anstrengung, an die er nicht von Jugend auf gewöhnt war, als schwere, nahezu erdrückende Pein und sehnte die Zeit herbei, zu der er jiii kleines Kapital werde erspart haben, um dapelbe dann durch Handel rascher zu vervielfältigen und so rascher sein Ziel zu erreichen. Vorläufig lag jedoch auch diese Zeit noch in weiter Ferne. In der großen volkreichen Stadt hatte er zwar rasch Bekanntschaften mancher Art gemacht, lange Zeit jedoch hatte er keinen Menschen gefunden, dem er sich inniger hätte anschließcn mögen. Da gewahrte er eines Freitag Abends kn der Synagoge, die er besuchte, einen jungen Mann, dessen Züge ihm auffallend bekannt erschienen, und doch wußte er sich nicht zu erinnern, wo er denselben je getroffen, aber mit seltsamer, nahezu unwiderstehlicher Gewalt fühlte er sich gezwungen, den jungen Mann zu betrachten, der seinerseits nicht zu ahnen schien, daß er Gegenstand besonderer Beachtung, denn er hatte sich auch nicht ein einziges Mal der Richtung zugewandt, in der Eduard sich befand. Als dieser nach beendigtem Gottesdienst seine Wohnung aufsuchte, hatte er noch immer das seltsam fascinirende Angesicht des Unbekannten vor Augen. — Wo hatte er es nur gesehen? — er konnte sich nicht darauf besinnen — und dennoch wußte er mit Bestimmtheit, dieses Antlitz war ihm nicht fremd — diese gebogene Nase, diese großen schönen Augen mit dem sanften, treuen Blicke — sie hatten einst auf ihn geblickt, als er aus schwerem Schlaf erwacht war. Aber wo? — wo? — Er lag bereits auf seinem Bette und sann noch immer, und sann bis der Schlaf ihn überwältigte. — Doch es war kein rechter Schlaf, es