Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-12-10 · Heft 96 (10.12.1885) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 96 (10.12.1885)
Date
1885-12-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449593--23370-2513043
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1643 war mehr ein Schlummer, in dem seine erregte Phantasie den einmal eingeschlagenen Gedankengang fortsetzte. Ihn träumte, er läge wieder im Fieber in jenem Hotcl, in dem er die letzten Tage vor seiner Abreise aus Europa zugcbracht hatte, und die alte Leah Kohn neigte sich über ihn und legte einen kühlenden Umschlag auf seine pochenden Schläfen. Er stieß einen lauten Schrei ans und schlug die Augen auf. Und nun wußte er mit einem Mal, wo er jenes Antlitz gesehen, glich es doch Zug für Zug der sanften, wackern Frau, die ihn damals gepflegt. Nur war es selbstverständlich glatt und frisch, während das Antlitz der Frau Leah Kohn bereits welk und faltig war. Frau Kohn hatte, wie bereits erwähnt, trotz seines Drängens keine Bezahlung von ihm nehmen wollen, sie hatte ihn jedoch ersucht, wenn er ihren Sohn, der sich damals in Boston aufhielt, je treffen werde, demselben, falls er dessen bedürfen sollte, beizustehen. Sie hatte ihm auch ein Brustbild ihres Sohnes gegeben, damit er denselben wo möglich erkennen könne. Es duldete ihn nicht länger im Bette. Die Kerze, die er des Sabbat wegen nicht hatte löschen können, brannte noch. Nasch erhob er sich, er mußte sich Gewißheit schaffen, mußte das Bild, das ihm Frau Kohn übergeben, wenigstens einmal betrachten. Er hatte es bald gefunden und staunte nun, daß er nicht sofort an jenes Bild sich erinnert, als er den betreffenden jungen Mann gesehen, glich es demselben doch Zug für Zug. Stciit Zweifel, er hatte den Sohn seiner treuen Pflegerin gesehen; wenn es ihm nur gelingen würde, denselben wiederzufinden? Er hatte ihn bisher nirgend getroffen, auch nicht in der Synagoge, die er an jedenl Sabbate besuchte. Ob er ihn morgen dort treffen würde? — Er verbrachte eine unruhige Nacht, als sähe er einen! Ereignisse von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit entgegen, und mußte dann selbst über seine Erregung lächeln, kannte er doch denjenigen nicht, nach dessen Begegnung er sich sehnte. Aber er sehnte sich nach einen! Menschen, mit dem er sympharisiren könne, und er kannte die Mutter, der der Sohn im Aeußercn glich, da konnte er wenigstens hoffen, daß derselbe ihr auch im Denken und Empfinden gleichen werde. Er hatte sich nicht getäuscht. Herrmann Kohn war in jeder Beziehung der würdige Sohn seiner Mutter. Eduard traf ihn wiederum in der Synagoge und beim Hinausgehen redete er ihn an. Die jungen Leute lernten einander schätzen und bald verband sie die innigste Freundschaft. Herrmann Kohn arbeitete bei eine«! Schneider, der den Gesellen stückweise zahlte, , nnd daher nicht viel dagegen einzuwenden hatte, daß einer derselben am Sabbat feierte. Eduard war, wie bereits erwähnt, Gepäckträger und oft klagte er dem Freunde, daß er der fortdauernden Kraftanstrengung sich nicht gewachsen fühle und sich nach einer andern Beschäftigung sehne. Beide hatten diese Angelegenheit wiederholt besprochen, waren jedoch bisher zu feinem Resultat gelangt. Eines Abends, es war schon ziemlich spät und Eduard eben im Begriffe sich nieder zu legen, als er an seiner Thür klopfen hörte. „Ich bin's," rief die Stimme seines Freundes, „bitte, lassen Sie mich hinein!" Eduard beeilte sich der Aufforderung zu entsprechen. „Willkommen, lieber Kohn! was verschallt mir zu dieser ungewohnten Stunde das Vergnügen?" „Verzeihung, wenn ich störe. Sie wollten vcrmnthlich schon zu Bette gehen. Doch, das schadet nichts. Ich habe da eben im „Herald" eine Annonce entdeckt, die ich Ihnen absolut heute noch bringen mußte. Morgen früh hätte mir die Zeit dazu gefehlt, und Sie müssen sich gleich morgen, und zwar noch in den Vormittagsstunden um den betreffenden Posten bewerben, damit Ihnen, womöglich, keiner zuvorkommt." „Sie sind sehr, sehr gütig", erwiederte Eduard, „ich habe die Annoncen-Lektüre längst aufgegeben, denn bei den vielen Posten, die ich hätte erlange» können, überall war der Sabbat das Hinderniß. Nnd vermuthlich. —" „Aber bei diesem ist das nicht der Fall", fiel Herrmann hastig ein, „darum bin ich trotz der vorgerrückten Stunde noch hergerannt, obgleich ich wußte, daß Sie von der anstrengenden Tagesarbeit ermüdet, der Ruhe bedürftig sind. Aber da, lesen Sie, lesen Sie." Eduard nahm das Blatt und las die bezeichnete Annonce. „Tüchtiger Correspondent, der deutschen und französischen Sprache mächtig, wird sofort engagirt in einem Droguengeschäft, das am israelitischen Sabbat und Feiertagen geschlossen ist. Wo — sagt die Expedition des „Herald". m „Nun, was sagen Sie dazu? bin ich nicht ein Glückskind, daß ich diese Annonce entdeckt habe?" „Sie sind der echte Sohn Ihrer Mutter", entgegnete Eduard, dem Freunde die Hand drückend, „wenn ich die Stelle erlangen könnte, ich würde es in Wirklichkeit als Glück betrachten und mich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.