Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 95 (7.12.1885)
- Date
- 1885-12-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2446951-2449503-2449592--23351-2513023- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1625 Familiennamen der Inhabers der Schule tragen; 5. in jeder Schule muß ein besonderes Buch auslicgen, in welchem Personen, welche das Schnllokal besuchen, Bemerkungen eintragrn können." Afrika. Alexandrien."). Fünf Jahre werden es her sein, da traf ich auf der Fahrt von Tripolis nach Malta auf dem Deck des Dampfers mit einem Scherif (Abkömmling des Propheten Mohamcd) aus Kauka, der Residenzstadt des Sultanats Bornn im Sudan, zusammen, der eben die „Hadsch (Wallfahrt)" nach Mekka lunchte, und suchte ich sogleich dessen Bekanntschaft zn machen, was mich übrigens gar keine Mühe, sondern blos drei egyptischc Piaster (mrgcfähr eine Viertel Mark) kostete, die ich ihm offen als ein Almosen verabreichte und die derselbe auch ohne irgend wie beschämt zu sein, mit einem Schwall von Dankesworten und Segenssprüchcn für mich und meine Familie entgegen nahm. Die Enkel Mohamed's thun zwar ganz stolz auf ihre Abstammung vom Stifter des Islam, der nach ihrer Ansicht auch die Schlüssel zum Paradiese in Händen hat; ihr Hochmuth geht jedoch iud)t immer so weit, um zugleich auch eine ihnen verabfolgte milde Gabe znrückznweiscn. Ich erkundigte inich dann bei meinem Hadschi (Pilger), von woher er komme, lvelche Beschäftigung er treibe und wie die üblichen Begrüßungsfragen dann schon lauten. Er Lhcilte mir nun mit, er heiße Achmed Ben Hussein Nazis, sein Vater sei Kadi (Richter) in der Stadt Jakuba, wo er auch in der dortigen Medreffeh (theologischen Schule) Rhetorik und Altarabisch (die Landessprache im Sudan ist das Hanssa) vortragc. Er selbst sei Imam (Vorbeter) in einer Moschee in der Stadt Kauka, die er vor anderthalb Jahren verlassen habe, um ein altes Gelübde einznlöscn und als Pilger nach den beiden heiligen Sädtcn Mekka und Medina zu wallfahrten. Auf der Reise durch die Sahara ~ nach der Hafenstadt Tripolis sei er nun in der Stadt Ghat (dieselbe liegt am Saume der zum Paschalik Tripolis gehörenden Provinz Fczzan, gehört aber nicht zum osmanischen Reiche, sondern ist eine gänzlich unabhängige Stadt, die von einem Scheikh mit Beihilfe einiger Notablen regiert wird) erkrankt und habe sich auch dem Tode nahe gekühlt. Ein Kaufmaim, Namens Mustapha, habe ihn nun mitleidsvoll ins HanS genommen und liebevoll gepflegt, so daß er bald wieder genas. Eines Tages habe er nun bemerkt, daß fein Hausherr und Pflegevater *) Nachdruck verboten. in einem Buche las, das mir ihm gänzlich rnrbekanntcn Eharaktcrcn geschrieben war. Dieser habe ihm dann vertraulich mitgetheilt, das; er eigentlich kein Araber und auch kein Moslim, sondern von jüdischer Herkunft und Religion sei. Seine Voreltern hätte:: bald nach dem Tode des Königs Snleiman (Salomo) Jerusalem verlassen, und seien nach Ghat ansgcwandert, wo die Inden damals große Goldbcrgiverke besaßen, um sich hier niederzulasscn und die Goldschmicdckunst zu betreiben. Das Buch, das er nun lese, sei die Tawrat (Thora), deren Sprache er indes; nur schwer verstehe. Arrch noch andere Inden wohnen in Ghat; sic wagen es jedoch nicht, sich öffentlich zur Lehre Mnsa's (Mosis) zu bekennen aus Furcht, sic könnten ermordet werden. Sic bekennen sich daher öffentlich zum Islam, seien aber insgeheim Inden. Sie besuchen die Moscheen und beten daselbst mit den Gläubigen: zu Hause haben sie aber ein eigenes dazu bestimmtes Gemach, wo sic dem Mnsa und dem KönigeSuleimau Opfer (?) darbringcn und dann nach der Vorschrift ihrcrVätcr zu Gott beten. Mustapha habe ihn dann beschworen und ersucht, von dem ihm hier Mitgetheilten nie etwas, wenigstens solange er in Ghat und Tripolitanien weilen werde, verlauten zn lassen, er könnte sonst großes Unglück über die Inden in dieser Stadt bringen. Er, der Scherif, habe ihm nun diese Bitte zngesagt und dieselbe bis auf den heutigen Tag auch getreulich gehalten. Er glaube jedoch jetzt keine Sünde zu begehen, wenn er mir, der ich doch auch Jude bin — ich hatte am selben Tage auf dem Schiffe in pSrn und rr^2 gebetet — über meine Glaubensgenossen in Ghat einige Mitthcilnngcn mache. Im Gegenthcile, er hoffe sogar ein gottgefälliges Werk zu begehen, wenn er die Aufmerksamkeit der Juden des Abendlandes auf die jüdische Eolonic in Ghat, die in ärmlichen Verhältnissen lebt, lenke, da ihr eine pccnniäre Unterstützung von Außen her sehr erwünscht käme. Ich merkte sogleich, daß mein Scherif ein etwas zu phantastischer, gesprächiger Kailtz sei und beargwöhnte ihn auch, daß er mir durch seine Mitthcilungeu neuerdings einige Piaster ans der Börse locken wolle. Ich nahm daher das eben Gehörte nur cum grano salis zur Kenntnis;. Später traf ich in Malta mit dem eben von einer Enroparcisc wieder zn seiner Gemeinde hcimkehrendcu Oberrabbiuer von Tripolis, Moses Hazan, zusammen, bei dem ich mich nun nach der angeblichen Inden - Colonie in Ghat erkundigte. Seine Antwort lautete, das; auch er der Meinung sei, daß ein Theil der Bewohner Ghats von Juden abstamme, und zwar von den Bisam rrraj; (zehn Stäm- ‘ men,) die also noch vor der Zerstörung des ersten