Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-12-03 · Heft 94 (3.12.1885) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 94 (3.12.1885)
Date
1885-12-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449591--23327-2512998
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1602 publicum. Die Direction kennt und liebt dieses unermüdliche Auditorium von Studenten, Kunst- Elcviuncn und bildungslnstigcu Haudelsbefliffcucn, dos stundenlang in 5iälte und kläffe vor dem Eintrittsthor harrt, um sich's dann den Abend über in der tünsterisch durchwärmten Athmosphäre des Burgtheaters wohl geschehen zu lassen. Die Direction kennt und liebt auch die Neigungen dieses Galcricpubliknms für sogenannte „schwere Stuck," und beinahe jcben Sonntag gibt es auf dein Michaelerplatze ein classischcs Stück. So auch gestern. Man gab „Nathan der Weise." Dicht gefüllt waren die Galcrienwon den andächtigen enthusiastischen Sonntagsbcsnchern. Aber mitten unter ihnen befand sich ein bedenklicher Herr, ein gestrenger Kritiker des Dichters des „Nathan." Einige Stellen waren dem Besucher gegen seine „Gesinnung" und er that das Scinigc, um dieselbe laut zu bethätigen. Wir thun am besten, die Sache an der Hand des Dramas, so bewegt, wie sie sich abspielte, zu schildern. Erster Aufzug. Fünfter Auftritt: Klosterbruder: Er schließt daraus, Daß Eott zu großen, großen Dingen Euch Muß' ansbehalten haben. Tempelherr: Ja, zu großen! Ein Juden mädchen aus dem Feu'r zu retten.... Hier stört den Dialog auf der Bühne eine tiefe Baßstimme vom vierten Stock: „Na, das is aber was rechts, hätt' er lieber bleiben lassen sollen, der Tempelherr!" Das Pnblicnm war einen Augenblick verdutzt und zischte dann den Nnhestörer energisch nieder. Der Herr fah denn auch dem weiteren Verlauf der Dinge auf der Bühne einigermaßen niedergeschlagen zu. Als aber der Tempelherr dem weisen Nathan um den Hals fiel» wurde der Bierbaß im vierten Stock wieder entrüstet und rief laut ein „Pfui Teufel! hinunter. Einige kräftige Verehrer Lessing's beantworteten diese „Gesinnilngstüchtigkeit" damit, daß sie unter allgemeiner Zustimmung den mißrathenen Besucher des Burgtheaters an die Luft setzten. (Nellzeit.) Rußland. Aus Warschau, 26. November, schreibt man der „Voss Ztg.": Große Entrüstung hat bei der hiesigen Bevölkerung folgender Vorfall, welcher sich in den dunklen Gefängnißräumen der hiesigen Eitadelle ereignet hat, hervorgernfen. Dieser Tage wurde der Vorstand der hiesigen Synagogen-Gemeinde von der Gefängniß-Jnspektion der Eitadelle benachrichtigt, daß ein israelitisches 17 jähriges Mädchenaus Wolhynien, welches vor einiger Zeit wegen Verdachtes der Theilnahme an den Bestrebungen der Umsturzpartei internirt worden war, ihrem Leben durch Erhängen in der Zelle ein Ende gemacht habe. Der genannte Vorstand traf sofort Anstalten und ließ die Leiche des Mädchens behufs Beerdigung auf dem israelitischen Friedhofe aus dem Gefängniß holen. Da die Leiche an verschiedenen Körperthcilen arge Verletzungen an sich trug, so wurden Sachverständige herzugezogen, durch welche konstatirt wurde, daß an dem armen Mädchen Schändlichkeiten und verschiedene Torturen vorgenonlmcn worden waren. Ob das Mädchen sich dann in seiner Verzweiflung selbst erhängt hat, oder von anderen Personen aufgehangt worden ist, hat sich allerdings nicht fcststcllcn laffen. Der Staatsanwaltschaft ist davon sofort Anzeige gemacht worden. Feuilleton. YeyaölliNrl. Erzählung von Friedrich Rott. XVIII. „Wollen Sie nur gefälligst cintrcten, die gnädige Frau wird sicherlich sehr bald hier sein. Die alte Exccllenz von Mergentheim ist im Salon, aber sie ist schon aufgestanden und das Abschiednehmen hat bereits begönnen." * Diensteifrig öffnete die Zofe die Thür des s. g. kleinen Salons und Stcinhart trat ein. Es war ein unfreundlich kühler Septembertag, das Helle Feuer, das dort im Kamin loderte, verlieh dem freundlichen Raum ein ungemein trauliches Ansehen. Steinhart, als langjähriger Freund des Hauses, ließ sich nngenirt in der Nähe des Feuers nieder. „Die reichen Leute haben es doch gut," murmelte er, sich behaglich auSftrcckend und die Füße der prasselnden Flamme entgegen haltend, „aber sie versteht auch, es Andere gut zu machen, ihr Herz ist wie Gold. — Bin aber neugierig, ob sie schon die Lectüre benützt hat, die ich ihr neulich schicken mußte. — Ah!" rief er, indem er ein aufgeschlagenes Buch von dem Kaminsims herunternahm, „das gehört ja auch dazu, sie scheint in Wirklichkeit bereits begonnen zu haben — wenn sie das fortsetzt, so —" Er begann zu lesen, das Buch fesselte seine Aufmerksamkeit, so daß er kaum gewahrte, daß er noch längere Zeit allein blieb. Endlich ging die Thür ans, die Dame des Hauses trat in das Zimmer. . „Verzeihung, lieber Herr Steinhart, daß ich Sie so lange habe warten laffen," rief sie, dem Freunde die Hand entgcgenstrcckend, „aber die alte Baronin von Mergentheim hat sich heute nicht von mir trennen können."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.