Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 94 (3.12.1885)
- Date
- 1885-12-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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/ 1603 „Ergebener Diener, gnädige Frau," entgegnete Steinhart, indem er aufstand und sich grüßend verneigte. „Sie nehmen es hoffentlich nicht übel, daß ich mick indeffen häuslich hier niedergelaffen." „Ah, da haben Sie ja Ihr eigenes Buch. Nun, da waren Sie in bester Gesellschaft und haben vielleicht meine Anwesenheit nicht einmal vermißt." „Gnädige Frau haben bereits darin geblättert? „Gelesen, lieber Freund, gelesen. Allerdings noch nicht sehr viel, aber das Wenige hat bereits mein Interesse erregt, so daß ich mich öfters damit zu beschäftigen beabsichtige. Aber wissen Sie, was mich vorhin, als ich darin las, geradezu frappirt hat? — daß der Verfasser da beinahe wörtlich dagelbe sagt, was ich vor einigen Tagen einem geistlichen Herrn geantwortet habe." „Wirklich? — das würde mich sehr interessiren. Wenn ich vielleicht um gütige Mittheilung bitten dürste —" „Sie werden vielleicht davon gehört haben, daß Baron Mergentheim, der Sohn der alten Excellcnz sich sterblich in mich, oder beffer gesagt, in meine Millionen verliebt hat. Er schwört mir tagtäglich, er könne nicht ohne mich leben und droht, sich zu erschießen, werm ich ihn nicht erhöre- Auch feine Mutter inacht mir stark den Hof, sie findet gleichfalls seine Verbindung mit mir höchst wünfchenswerth. Doch bei ihrer streng kirchlichen Gesinnung dürste sie sich schwerlich entschließen, eine Jüdin als Schwiegertochter anzuerkennen; sie bemüht sich daher, mich zum Uc&ertritt zum Katholicismns zu bewegen. Da ihren Bemühungen allein dieses jedoch nicht gelingen will, so hat sie mich gebeten, mir ihren Beichtvater vorstellen zu dürfen, und dieser Herr erlaubt sich seitdem, mich zuweilen zu besuchen, mir die Segnungen der Religion der Liebe anzupreisen und die himmlische Seligkeit, die ihrer Bekenner im Jenseits wartet. Allzu häufig empfange ich ihn zwar nicht, aber ihn immer abweisen lassen, das mag ich auch nicht; er könnte sonst glauben, daß ich seine Uebcrredungskunst fürchte." „Und was haben Sie ihm geantwortet?" fragte Steinhart. Von Clementinens Lippen zuckte es schalkhaft. „Ich habe ihm erwidert, daß ich die Segnungen der Religion der Liebe durchaus nicht verkenne. Daß ich auch auf Treu und Glauben annehmen möchte, daß es einzig und allein Liebe, die in der Neuzeit die Brandfackel geschleudert in so viele jüdische Wohnungen, die die Juden verfolgt, gehetzt gleich wilden Thieren." „In den weitaus meisten Fällen war der Urgrund aller Judenverfolgungen allerdings Liebe" unterbrach mich der hochwürdige Herr. „Die Liebe des Gläubigen, der den Ungläubigen auch gegen dessen Willen des ewigen Heiles thcilhastig machen möchte — wobei ich freilich nicht in Abrede stellen will, daß hin und wieder einige nicht zu entschuldigende Ansschreitungcn vorgekommen sein mögen. — Allein der Urgrund war Liebe, reinste Menschenliebe." „Ich will dem nicht widersprechen", erwiderte ich „und will auch nicht in Abrede stellen, daß ich mich überglücklich schätzen würde, einer Religion anzugehören, deren Bekenntnis; die himmlische Seligkeit verbürgt. Aber ich müßte in Wirklichkeit Bürgschaft dafür haben. Denn himmlische Seligkeit nach dem Tode zu verheißen, das vermag ein jeder, da gewöhnlich keiner zurückkommt, um für die Wahrheit oder Lüge seiner Verheißung Zeugniß abzulegen. — Sobald es daher dem hochwürdigen Herrn gelingen würde, mir glaubwürdige Bestätigung jener Verheißung zu verschaffen, würde ich freudigen Herzens mich zn seiner Religion bekennen." „Prächtig! prächtig!" lachte Steinhart, „das haben Sie gut gemacht, gnädige Frau." „Urtheilen Sie", fuhr Elementine fort, „wie diese Zeilen mich frappiren mußten." Sie nahm das Buch, blätterte einen Augenblick darin und las:^ „Denn siehe, die himmlische Seligkeit nach dem Tode verheißen, das vermag auch die schamloseste Lüge des ersten besten Glaubens-Jmpostoren, da kommt keiner zurück, um für die Wahrhaftigkeit oder Lüge seiner Verheißungen Zeugniß'abzulegen." „Und Sie hatten dies vorher nicht gelesen?" „Keineswegs, ich habe es erst heute gelesen." „Das ist in der That erstaunlich. Haben Sie den Artikel zu Ende gelesen?" „Noch nicht, bei diesem Absatz bin ich durch den Besuch der Baronin unterbrochen worden." „So erlauben Sie, daß ich Ihnen weiter vorlese." Er nahm das Buch und begann. „Aber sprechen: „Wenn ihr meinen Gesetzen gehorchen werdet, „so gebe ich den Regen eures Landes in seiner Zeit, „Frühregen und Spätregen, und Du sammelst Dein „Korn und Deinen Most und Dein Oel, und auf „Deinem Felde gebe ich den Graswuchs für Dein „Vieh und Du issest und wirst satt. Läßt sich aber „euer Herz bethören und ihr weichet von meinen „Wegen und dienet andern Göttern und weihet euch