Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 94 (3.12.1885)
- Date
- 1885-12-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1599 bic Leuchten der Reform thätig und haben unter großem Lärm Resolutionen das Licht der Welt erblicken lassen, die zeigen, wie weit ihre (Gelahrtheit geht, wie frivol und heuchlerisch diese Männer mit dem ihnen anvertrauten Gut, Lehrer der Religion Gottes zu sein, umgehen. Die verschiedensten Theile Amerikas waren vertreten und nur Ncw-Aork war ziemlich schlecht repräseutirt, wenngleich der treibende Faktor in Pittsburg Dr. Köhler aus New-Nork war. Der schlaue Diplomat Dr. Gotthcil aus New-Aork glänzte durch Abwesenheit. Wenn man nicht dabei ist, kann man immer thun, was man will, ohne sich gebunden zu haben; das ist schlau und am Wenigsten Schaden bringend. — Der ehemalige „Bochur" der rantr zu Janikau in Böhmen, der jetzige amerikanische Papst Dr. Wise eröffncte die Versammlung und ertheiltc sofort Dr. Köhler das Wort, der eine seiner bekannten, langathmigcn Reden hielt, worin er Eingangs gleich den Gedanken von sich wies, „nach Palästina zurückkehrcn zu wollen." Man hat dort sicher nach ihm auch kein Verlangen. Das; der zweite Satz seiner Rede „Altes den nationalen Charakter (oder wie er cs auch nennt orientalischen Charakter) des Judenthnms Betresscndc" auszumerzen, ihm vom Herzen kommt, ist leicht zu glauben. Man hätte aber nie gedacht, das; er fähig wäre, schon im dritten Satz eine der Hauptfragen des ganzen Hanptreform- Rabbincrthums, die Geldfrage zu betonen; denn die Empfehlung „einer einheitlichen Regelung der Hciraths- und Bcerdigungscercmonicn" als einen Cardinalpunkt dc< Judcnthums an die Spitze einer Rede, die den Glanzpunkt der Versammlung bilden sollte, zu stellen, ist denn doch zu plump. So etwas sollte Herrn Dr. K. nicht passiven; es ist immer besser etwas Diplomatie, die K. von Wise, Sonnenschein lernen sollte; allzu früh das wahre Gesicht gezeigt, ist weder klug noch nützlich. „Einheitliche Reform des Gottesdienstes, Ausmerzung verschiedener Stellen im Pentateuch" und andere seiner bekannten Lieblingsthcmata, eine „Zurückweisung aus Afrika überkommener Barbareien" bildeten weitere Punkte seiner Rede, die mit dem Hinweise schloß, die Rabbiner sollten „das anszustcrbendc Feuer der Religion anzufachen versuchen." Ich weiß nicht, was man zu solcher demagogischen Redeweise eines Mannes sagen soll, der die entgegengesetztesten Dinge in einem Athemzug zu vertheidigen versteht. Doch diese Rede ist ja nur der Vorläufer der angenommenen Resolutionen, die weiter unten folgen und bei deren Besprechung dieser Erguß mitbeleuchtet werden soll. Nachdem Köhler geendet, begannen die Berathungcn der hohen Körperschaft, die darin gipfelten, wie man am Meisten abschaffen kann, ohne dem Rabbinerthum zu stark an den Kragen zu gehen. So klug sind die Herren, daß dem Volke sich doch auch einmal die Frage aufdränge» könnte, wozu sind die Rabbiner nöthig, wenn das Meiste abgeschabt und die ganze Religion in wenigen Phrasen gipfelt? Das; die Herren, mögen sie sich noch so winden und drehen, mögen sie noch so schlaue Rcsolntioncn fassen, bald da angelangt sind, wo ihre Schafe den Gehorsam verweigern und sie dahin verweisen, wo sic hingchören, wird jedem Unparteiischen klar und dies möge man auch im Auge behalten, wenn man die Resolutionen liest. Nach langer Debatte wurden Resolutionen angenommen, welche das positive Judenthum vollständig aufhebcn; cs wurde „beschlossen," daß die „wundersamen Erzählungen" der Bibel nur den Anschauungen der damaligen Zeit Rechnung trügen, das; nur „die moralischen Gesetze" bindend, das; die Speise-, ehelichen Reinheits-Gesetze, SchaatneS 21*. eher dazu angethan seien, die geistige Erbauung zu hindern, als zn fördern; der persönliche Messias, die Rückkehr nach Palästina, die Wiederherstellung des Dienstes im heiligen Tempel wurden als „abgeschasst" bezeichnet, ebenso wurde die einstige Wiedercrstchung der Todtcn, Himmel und Hölle k. „abgcschasst". Dagegen wurde ein „neues Dogma" beliebt, nämlich die socialistische Propaganda, „die Probleme zu lösen, welche durch die Kontraste und Nebel der gegenwärtigen Organisation der Gesellschaft entstanden sind." Es ist eigentlich zu viel verlangt, von dem Leser die Beachtung dieses „Pittsburger Ediktes" zu verlangen; allein ich glaube, das; das nothwendig ist, um zu bemessen, wie viel Heuchelei und Frivolität zu seiner Geburt nöthig waren, Es ist interessant, zu beobachten, wie sehr die Herren sich fürchten, dem Publikum dies wahre Gesicht zu zeigen. Drehungen und Wendungen, Sophisterei und Wortklauberei müssen herhalten, um das Wenige, was von der Religion übrig bleibt, in einem angemessenen Gewände zu präsentiren. Die Herren haben es dabei vortrefflich verstanden, ihr wahres Gesicht zu verbergen, das dein tiefer Blickenden jedoch nicht verborgen bleibt! Diese Männer stellen sich vor das Volk hin, preisen erst „das Jndenthmn, das die höchste Auffassung der Gollesidcc repräscntirt," loben die heilige Schrift und dergl. mehr in den hochtönendsten Phrasen, um in einem Athemzug wenige Zeilen später die frivolsten Angriffe auf die obersten Gesetze und Lehren des Judenthums zn machell. Entweder halten diese Demagogen das