Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 93 (30.11.1885)
- Date
- 1885-11-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449503-2449590--23310-2512980- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1586 vorgebcugt hatte. Zugleich ist dieser Antrag in völl- Foniniciicr ttebcrcinstinimung mit dem internationalen Rechte. Er lautete: „Jeder in Rumänien von Vater ans Sohn Geborne, der sich keines fremden Schutzes erfreut, ist ipso kaeto Rumäne". Es wäre eine Aufgabe für die jetzt in Constantinopel tagende Botschafter-Conferenz der Berliner Signatarmächte, auch der beispiellos traurigen Lage der Juden in Rumänien ein Augenmerk zu widmen, um im Interesse der Humanität und des verletzten internationalen Rechtes die von der königlich rumänischen Regierung dem Berliner Vertrag zugefügte Verletzung in irgend einer Art zu repariren." BeYaöililirt. Erzählung von Friedrich Rott. XVII. Trotz der aufrichtigen Theilnahmc des Wirthes und seiner Hausgenossen war die Rechnung gradezu enorm. Eduard erlaubte sich jedoch keinerlei Bemerkung darüber, denn einerseits fühlte er sich in Wirklichkeit den theilnehmcnden Leuten, die nach besten Kräften für ihn gesorgt hatten, zu aufrichtigem Dank verpflichtet, andererseits lag ihm daran, einen durchwegs freundlichen Eindruck zu hinterlassen, namentlich für den Fall, daß doch eine Aehnlichkcit zwischen ihm und dem steckbrieflich Verfolgten entdeckt werden sollte. Doch mit geheimer Angst sah er nahezu den vierten Theil seines Vermögens schwinden und hatte nun noch die kostspielige Ueberfahrt nach Amerika zu bestreiten. Das Kapital, das er hinüber in die neue Welt bringen würde, konnte kaum genügen, ihn einige Tage dort zu erhalten. Dennoch drang er auch in Frau Kohn, sich ihre Mühe bezahlen zu lassen, doch die wackere Frau konnte er hiezu nicht bewegen. Wenn er vielleicht ihren Sohn in Amerika treffen würde und es demselben Gott behüte! nicht gut gehen sollte, so möge er dem zahlen, was er ihr habe zahlen wollen. Eduard versprach es mit innigem Händedruck; zu reden vermochte er nicht, denn im selben Moment trat das Bild seiner Mutter so lebhaft vor sein inneres Auge, daß er sich hastig abwenden mußte, die Thräneu zu verbergen, die seinen Blick umflorten. — Seine Mutter! — seine arme, arme Mutter! — Ob auch sie sich nach dem .seinen Sohne sehnen würde, wie jene brave Frau da vor ihm? — und ob sie sich um ihn ängstigen würde? — Ach, ihr war der Trost versagt, ihm Grüße zu senden - wußte sie doch nicht einmal, wohin er sich gewandt. Doch mit Gewalt drängte er diese weiche Stimmung zurück, er wollte und mußte stark sein. Noch einmal drückte er seiner treuen Pflegerin beide Hände, schüttelte kräftig die Rechte des Wiühes und des wackern Jean und schritt dann lautpochenden Herzens, doch ruhig gemessenen Schrittes der Landmigsbrücke zu. Nur jetzt sollte er nicht erkannt werden! — nur jetzt nicht! — Er hätte am liebsten das Antlitz verhüllt, um sich vollständig unkenntlich zn machen. Doch Unbefangenheit heuchelnd, wandte er sich hier hin und dort hin, wie um den herrlichen Anblick, den der Hafen bot, zu bewundern. Und nun endlich, endlich hatte er das Fahrzeug erreicht, es war mir wenige Minuten vom Hotel entfernt, doch jede Minute hatte sich seiner aufgeregten Fantasie zur Stunde verlängert — aber er war nicht erkannt worden. Gott sei Dank! Noch wenige Minuten, dann begannen die Schaufelräder zu arbeiten, der schwimmende Koloß setzte sich in Bewegung — hoch hob sich die Brust des jungen Mannes, die größte Gefahr hatte er überstanden — Gott sei Dank! Gott sei Dank! Und all sein Denken, all sein Empfinden löste sich auf in innigem, unaussprechlichem Tank gegen Denjenigen, der ihn vor der Schmach bewahrt hatte, als gemeiner Verbrecher in die Heimath geführt zu werden, dessen Vaterhuld schützend ihn geleitet hatte auf den Weg zur Freiheit. Die Ueberfahrt ging ohne hindernden Unfall von Statten. Es mar ein sonnig Heller Morgen, als Amerika's Küste endlich sichtbar wurde. Die meisten Passagiere befanden sich auf dem Verdeck, unter ihnen Eduard. Da lag es nun vor ihm, das Land, in dem er sich eine neue Heimath schaffen wollte — und eine unnennbare Sehnsucht nach seiner alten Heimat!) erfüllte sein Herz. — Wenn er nur einen Blick hätte hinübersenden können zur Mutter und