Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 93 (30.11.1885)
- Date
- 1885-11-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1587 m zu den Geschwistern und zu der Geliebten seines Herzens — wenn er nur hätte Nachricht von ihnen erwarten können. — Doch er wagte es nicht, ihnen Nachricht zu senden? konnte daher nimmer erwarten, Nachricht von ihnen zu erhalten. Nimmer! — nimmer! — Entsetzliches Wort! — tief wie das Meer, schaurig wie das Grab. Noch immer blickte er hinüber aus das Land, das näher und näher zu kommen schien, aber er sah es längst nicht mehr, sein Blick war nach Innen gerichtet. Hatte er denn in Wirklichkeit die Heimath verlaffeu ans Nimmerwiederkehr? — Nein, nein, Alles in ihm bäumte sich dagegen auf. Amerika ist das Land der Arbeit. Er hatte immer gehört, wer dort arbeiten wolle, könne Arbeit finden, nicht nur um sich zu erhalten, sondern auch um Neichthum zu erwerben. Und er wollte arbeiten vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, und nur das unumgänglich Nothwendigste wollte er genießen, um sich zu erhaltet!, alles Uebrige aber wollte er zurücklegen, um so viel zu ersparen, wie sein unglücklicher Vater der ihm anvertrauten Kasse entnommen hatte. Und so bald er so viel erlangt haben würde, wollte er es hinübersenden, und hoffte hierdurch freie Heimkehr sich zu erwirken. Das war sein Ziel, aber es war weit, sehrweit. Sein Geld reichte nicht hin, ihn auch nur eine Woche zu erhalten, und er hatte keinen Bekannten in demneuen Welttheil, und wenn er einen Menschen dort gekannt hätte, er hätte ihn nicht aufgesucht, denn er war entschlossen, den Namen beizubehalten, der ihm in dem Hafenplatz an der Wesermündung beigelegt worden war. Langsamen Schrittes, seinen leichten Koffer in der Hand, wanderte Eduard durch die volkreichen Sttaßen der mächtigen Handelsstadt. Es hatte ihn erhebliche Mühe gekostet, sich aller der dienstwilligen Hände unten im Hafen beim Landen zu erwehren, doch schließlich war es ihm geglückt, und ohne zu fragen erreichte er die innere Stadt. Nun mußte er aber doch fragen, doch hier scheute er es auch weniger, hier erhielt er wenigstens Antwort, ohne daß der Gefragte sich seines Koffers bemächtigen und ihn geleiten wollte. Er hatte bald ein billiges Logis gefunden, billig freilich nur nach amerikanischen Begriffen; doch es drohte in sehr kurzer Zeit sein ganzes Kapital zu verschlingen: er machte sich daher sofort daran, Arbeit zu suchen. Wie er das bewerkstelligen müffe, das war ihm selbst nicht recht klar. Obgleich in seinem Fach als Eomptoirisr sehr tüchtig, fehlte ihm von amerikanischen Geschäftsverhältniffen jegliche Kenntniß. Er durchstöberte vor Allem die Annoncen der Tagesblätter, um vakante Posten in Erfahrung zu bringen und dann schrieb er sofort eine entsprechende Anzahl Offertbriefe. Nach einigen Tagen erhielt er einige Anträge, die jedoch nur in der Aufforderung bestanden, sich den betreffenden Firmen vorzustellen. Es war die höchste Zeit. Obgleich er seit seiner Abreise von der Heimath ausschließlich von Brod gelebt hatte, bestand seine ganze Baarschaft nur mehr noch aus einem Dollar. Sobald es der Anstand erlaubte, machte er sich auf den Weg, jene Handlungshäuser aufzusuchen, die ihn eiugeladen hatten. Es waren keine bedeutende Häuser, doch er war entschlossen, jedweden Posten anzunehmen, mochte er noch so beschwerlich sein, noch so gering honorirt werden. Das erste Geschäft, in das er trat, war eine Weißwaarenhandlung. Das bescheidene, einnehmende Wesen des jungen Mannes gefiel dem Inhaber, und war derselbe nach kurzer Unterhandlung geneigt, ihn zu engagiren. Als Eduard jedoch die Bedingung stellte, ihm den Sabbat frei zu geben, wogegen er sich erbot, auf den siebenten Thcil des Gehaltes zu verzichten, da ward ihm hohnlacheud die Thür gewiesen, als würde er in's Tollhaus gehören. Und doch war die Firma eine jüdische. Ganz den gleichen Erfolg hatten seine sämmtlichen Besuche. Engagements wurden ihm geboten, wenn er den Sabbat enttoeihen wollte; wollte er ihn halten, so mochte er verhungern. Todtmüde, nahezu gebrochen, schtvankte er durch die Straßen, ziellos, planlos — wie lange, das wußte er selbst nicht. — Was sollte er beginnen? — er wußte es nicht, aber seine Lippen murmelten leise: „Auf Deine Hilfe, hoffe ich, mein Gott! — ich hoffe, mein Gott, auf Deine Hilfe! — mein Gott, auf Deine Hilfe hoffe ich!" Ohne daß er es beabsichtigt hatte, war er in die Nähe eines Bahnhofes gelangt. Reges Leben, Gewühl und Gedränge herrschte dort. Fast ohne daß er wußte, was er that, hatte er einer eben angelangten Frau seine Hilfe angeboten und deren nicht übermäßig leichten Reisekoffer in Empfang genommen. Und seltsam, so eben noch todttnüde, daß er glaubte, sich kaum aufrecht erhalten zu können, hob er jetzt den gewichtigen Koffer mit einer Kraft, über die er selbst staunte. Er hatte sich erboten, das Gepäck in's Hotel zu tragen, und obgleich es ihm hin und wieder