Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 92 (26.11.1885)
- Date
- 1885-11-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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- Tunis 1× ep/1048155
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1570 stndiuiü widmen sollen. Die» hat aber leider seit einigen Jahren fast gänzlich aufgehört. Unsere Jugend zieht eS nämlich in der neuesten Zeit vor, sich lieber mit vierzehn Jahren zu verehelichen und ein Geschäft zu errichten, als die Jeschibah von Bokhara anfzusuchcn und sich dort große Entbehrungen aufzulegen. Jndeß vb. Gänzlich verweist Israel nie! Unser Muley (Rabbiner) vd* -ps’ 'n versammelt zwei Mal in der Woche, Sonntag und Mittwoch Abends nach Sonnenuntergang, die jungen Leute seiner Gemeinde um sich in der Synagoge und erklärt ihnen hier eilten Abschnitt aus der Mischnah oder aus einem Mussar-Sepher (Moralbuche). Diesem Vortrag pflegen dann auch einige Familienväter und auch alte Leute anzuwohuen. Der Muley sitzt dabei auf einem Teppiche auf der Erde — in der hiesigen Synagoge gibt es keine Bänke — und um ihn herum sitzen dann seine Hörer. Dieselben sitzen daher buchstäblich zu den Füßen ihres Lehrers. Der hiesige Dschcfar (arm?, Schlächter), der jedoch zugleich auch Fleischhauer ist, pflegt wieder einmal in der Woche und zwar gewöhnlich Donnerstag Abends einen Vortrag über die new rozftn (Vorschriften in Betreff des Schlüchtens) zu halten, da viele hiesige Juden auf ihren weiten Karawanenrcisen nach Persien, Kaschmir, China n. s. w. sehr oft in die Lage kommen, sich unterwegs selbst ein Lanun oder ein Huhn schlachten zu müssen. Dieselbell führen daher immer nebst Schwert und Flinte auch ein Sakkin (Schlachtmesser) mit sich. Bemerkt muß jedoch noch werdell, daß, wenn ein reicher Jude in Balkh stirbt, er der Jeschibah in Bokhara einen Geldbetrag testirt, damit die Chachamim an derselben für seine Seelenruhe Thora lernen und Kadisch sagen sollen. Man nennt eine solche Stiftung hier: )nDT (zur Erinnerung an die Seele). Sohinterließ der vor fünf Wochen hier verstorbene reiche Sarif (Geldwechsler) Zacharjah El-Parsi (der Perser) für die genannte Jeschibah hundert und zwanzig Tomalls (ungefähr viermldfünfzig Livres Sterling, 1080 Mark), damit das Oberhaupt (Rosch Jeschibah) derselben, am Vorabende des Versöhnnngstages, bei den nuDtpn (Gebete für die Seelenruhe der Heimgegangenen Großen und Gelehrten Israels) auch seinen Namen gedenke. Diese Seelengebete trogen der genannten Jeschibah auch ein schönes Sümmchen Geld ein, da sie viele solche i£®j ynsi besitzt. Der Ritus in der hiesigen Synagoge ist selbstverständlich dem von Bokhara fast ganz ähnlich und weicht er von demselben nur wenig ab. So wird hier am Vorabende deGVersöhnungstages nach Schluß des Maribgebetes von der Gemeinde bei offener Bundeslade das nrafo “iro (Krone der Herrschaft) gesungen und zwar nach einer Melodie, die der Sage nach N-zan ^pin* (der Prophet Ezechiel), der einzige Prophet,'der seine Glaubensbrüder in das babylonische Exil begleitet hat, aus Jerusalem nach Babel gebracht haben soll. Auch ist es hier üblich, daß am Samstag vor 2sa rwn (neunten Ab) der Mulay Abends in der Synagoge die not* (Klagelieder Jeremias) in hebräischer und persischer Sprache vorträgt und daran einige geschichtliche Erinnerungen knüpft. Wir werden jedoch später bei einer Schilderung des religiösen Lebens der hiesigen Judengcmeinde nochmals auf ihre Synagogengebräuche zurückkommcn und dieselben dann ausführlicher besprechen. Afrika.' In Tunis herrscht seit zwei Monaten die Cholera, namentlich wird die arme jüdische Bevölkerung von dieser tückischen Krankheit heimgesucht. Die Ursache dieser traurigen Erscheinung ist wahrscheinlich in den schlechten (Änährungs-und Wohnnngsverhältniffen zu suchen. Als Beweis hiefür wird angeführt, daß die Schüler der Allianceschule, welche eine kräftige Kost und gesunde Wohnungsräume haben, von der Krankheit verschont blieben. Feuilleton. Mcyaöit'itirt. Erzählung von Friedrich Rott. XVI. Eduard, der freundliche Leser hat doch längst errathen, daß er cs war, athmete erleichtert auf, seine Stirn glättete sich wieder. Abermals lag er eine Zeit lang ruhig da, doch plötzlich richtete er sich hastig auf, während lebhaftes Roth seine Wangen überzog. „Welchen Tag haben wir heute- — Bitte, geschwind — welchen Wochentags „Mittwoch, junger Herr." „Großer Gott! — da ist es am Ende schon zu spät — das Dampfschiff geht um neun Uhr." „Und wir haben jetzt Nachmittag. Lieber Herr Steinhard, ich bitte Sie um Gottes willen, regen Sie sich nur nicht so auf. Der Herr von Dohlen» das ist der Wirth, der vorhin bei Ihnen war, hat schon gestern davon gesprochen, daß der Dienstmann, der Ihren Handkoffer hergetragen hat, gesagt hat, daß Ihr anderes Gepäck schon auf dem Schiff ist