Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 92 (26.11.1885)
- Date
- 1885-11-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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1571 und daß Sie heute Morgen abreisen wollten. Aber der Doctor hat gleich gesagt, das wäre unmöglich. Wenn es gut ginge, könnten Sie übermorgen abreisen, da geht wieder ein Dampfer nach New-Nork. Aber regen Sie sich nur nicht auf, sonst könnte, Gott behüte! das Fieber wieder stärker werden, und Sie müssen noch länger hier liegen." Der junge Mann bemühte sich in Wirklichkeit, seine Aufregung zu bekämpfen, trotzdem wollte die Röthe von seinen Wangen nicht weichen, bis seine freundliche Pflegerin, die seine Schläfen pulsireu sah, wieder einige Eistücher angewendet hatte. Dan» erst ließ seine Erregung nach, die Augen fielen ihm wieder zu. Am folgenden Morgen jedoch fühlte er sich, von einer gewissen Mattigkeit abgesehen, vollkommen wohl. Als der Arzt kam, fand er ihn angekleidet, konnte ihm daher gegründete Hoffnung machen, daß er den nächsten Dampfer werde benützen können. „Für heute aber schonen Sie sich noch, bleiben Sie hier in Ihrem Zimmer und wenn Sie wollen, lassen Sie sich die Journale hereinbringen." Der aufmerksame Jean, der die Anordnungen des Arztes vernommen hatte, brachte unaufgefordert mit dem Frühstück die neuesten Tagesblätter. „Erst müssen Sie etwas zu sich nehmen," erklärte Frau Kohn, indem sie die Blätter bei Seite schob, und als der Kellner das Zimmer verlassen hatte, zog sie ein Fläschchen Milch aus ihrem Strickbeutel. „Ich habe schon gestern bemerkt, daß Sie hier im Hotel keine Milch trinken, deshalb habe ich Ihnen diese hier von zu Hause gebracht, die können Sie ohne Bedenken genießen." „Sie sind sehr, sehr gütig," erwiderte Eduard, „ich weiß in der That nicht, wie ich Ihnen genügend danken kann." „O, das will ich Ihnen schon sagen, wie Sie mir danken können. Vor Allem dürfen Sie sich nicht mehr ärgern, daß Ihre Weiterreise verzögert wird. Dann müssen Sie eine Tasse Thee trinken und eine Semmel dazu essen und dann müssen Sie sich recht bequem auf das Kanapee legen und können meinethalben die Zeitungen lesen, während ich nach Hause gehe. Ihnen einen Teller Fleischbrühe zu bereiten, die Sie Mittags zu sich nehmen müssen." „Wenn Sie das als Zeichen meines Dankes bettachten, so werde ich mich stticte an Ihre Vorschriften halten." Sie freute sich in Wirklichkeit, als sie ihn mit sichtlichem Behagen das einfache Frühstück verzehren sah. „So, das haben Sie gut gemacht, nun legen Sie sich nieder und ich gebe Ihnen die Blätter." Er entsprach ihrer Aufforderung und empfing aus ihren Händen die Journale, nach denen er sich in Wirklichkeit gesehnt, denn seit drei oder vier Tagen waren ihm keine zu Gesicht gekommen. Er beabsichtigte zwar, sie erst zu lesen, nachdem Frau Kohn sich entfernt haben werde, doch unwillkürlich fiel sein Blick auf eines der Blätter, das er neben sich gelegt hatte; geisterhafte Blässe überzog sein Antlitz, ein heftiges Zittern überfiel ihn. „Großer Gott! Herr Steinhard, was ist Ihnen?" rief die erschreckte Pflegerin. „Haben Sie wieder Fieber? soll ich Ihnen wieder Eisumschläge machen?" Er schüttelte abwehrend den Kopf. „Es ist nichts," flüsterte er, „es ist nichts — nur ein momentaner Schwindel — es geht schon vorüber." Sie legte prüfend ihre Hand an seine Stirn. „Es ist wahr, Hitze haben Sie Gottlob nicht, Ihre Stirn ist eher kalt, kalt und feucht — seltsam. Das kommt aber von der großen Schwäche. Sie haben starkes Fieber gehabt, haben mehrere Tage nichts gegessen. — Eine Tasse kräftige Fleischsuppe wird das Beste für Sie sein. — Nur, daß ich Sie doch noch nicht gerne allein lasse." Er versicherte, daß er sich wieder vollkommen wohl fühle, und daß sie sich unbesorgt entfernen könne, denn er wünschte sehnlichst allein zu sein. Die brave Frau zögerte dennoch wohl eine halbe Stunde, und erst als er ihr zugesichert hatte, daß er während ihrer Abwesenheit das Kanapee nicht verlassen, und wenn er etwas wünschen würde, durch einen Druck an dem Schellenknopf, den er im Liegen erreichen konnte, den Kellner herbeirufen werde, verließ sie ihn, um einige kräftigende Speisen für ihn zu bereiten. Sie setzte jedoch den gutmüthigen Jean, der sich gleichfalls für den leidenden Gast sehr interessirte, in Kenntniß, daß derselbe noch sehr schwach und daß er in ihrer Abwesenheit zuweilen nach ihm sehen möge. Sobald Eduard sich allein wußte, griff er wiederum nach dem Blatte, dessen Anblick ihn vorhin mit Entsetzen erfüllt. Es war die C.. .sche Zeitung und — abermals erfaßte ihn ein heftiges Zittern — auf der letzten Seite hatte er in auffallenden Lettern seinen eigenen Namen, Eduard Kornfeld, entdeckt — er ward steckbrieflich verfolgt. — Er schlug beide Hände vor das Gesicht, ein unnennbares Entsetzen erfaßte ihn, ein namenloses Grauen. Er sah sich von Häschern erfaßt, als gemeiner Verbrecher zurückescortirt in die Heimath — lautes Aechzen entrang sich seiner Brust — doch allmählich kam ruhige Ueberlegung ihm zurück. Hatte er denn Anderes erwarten können, als daß man ihn, der