Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 92 (26.11.1885)
- Date
- 1885-11-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1568 gewöhnlich Pater Tobias genannt, dessen Dienste dcm mächtigen Kaiser nncntbehrlich waren. Ter siegreiche Eroberer hatte nämlich einen Feind, der ihm viel zn schaffen machte, und dem er nicht benommen tonnte; das waren seine — Hühneraugen. Und zu jener Zeit lebte in Paris Niemand, der sich ans die Beseitigung dieser Quälgeister besser verstand, als unser Tobias Even, der deshalb bei Napoleon in hoher Gunst stand. Ihm freilich präscntirte sich der ruhmvolle Kaiser nicht gerade im Glanze seiner Maicsiät oder als Kriegsherr mit großem Gefolge, sondern in einer etwas weniger poetischen Haltung; ans dem Kanapee ansgestreckt, unruhig, stöhnend, flttchend auf jene ttciucn Teufel, die ihn in sein Eabinct cingcschlosien hielten. Die Ankunft von Later Tobias genügte, um die düstere Stirn des Monarchen anfznhciteru. Während der erlösenden Operation fand Napoleon einen Gefallen daran, mit seinem Hühncrangenopcrateur zu plaudern, und dieser, crmnthigt durch die heitere Stimmung des Kaisers, antwortete freimüthig und oft mit gutem Witze, was letzteren eher zu ergötzen schien. So ließ Napoleon einst, nach dem Feldzuge von 1805. in welchem er so viel Lorbeeren geerntet batte, nnscrn Tobias in die Tuilerien rufen behufs der periodischen Entfernung der Hühneraugen. Tobias, der es sehr eilig zu haben schien, operirte mit solcher Schnelligkeit, daß Napoleon erschreckt zu ihm sagte: „Mein lieber Freund, wenn Ihr so geschwind machet, werdet Ihr mich zu Grunde richten:" worauf Tobias ohne Zögern erwiderte: „Sir, so geschwind werde ich nie machen können, wie Sie den Sieg von Austerlitz davongetragen haben!" Als „kaiserlicher Hühnerangcn-Operateur" bezog Tobias ein festes Gehalt von 6000 Franken, trug eine Uniform, Elaquchnt und Degen. An der Thür seines Hauses in der Rne Ehapon befand sich ein Schild mit dem kaiserlichen Wappen. Außer Napoleon hatte Tobias auch die Mitglieder der kaiserlichen Familie und die hohe Aristokratie zu Clienten. Fm Jahre 1815, als Papst Pins VII. in Fontaineblan eingeschlosscu wurde, begab sich Tobias auf kaiserlichen Besch! zum Pontifex, um an ihm seine Operation zu machen, nüd dieser war so voll Bewunderung über seine Geschicklichkeit, daß er ihn sehr gnt bezahlte. Als Tobias einige Tage später zu Napoleon kam, rief ihm derselbe entgegen: „O, Tobias, ihr HM den heiligen Vater operirt! Ich habe mit ihm darüber gesprochen, und er hat mir Eure AmWettigkrit schr geloht; als ich ihm aber sagte, das; ihr ein Hebräer seid, o, da hättet ihr ein Gesicht sehen sollen." lind Napoleon brach in lautes Gelächter aus über den Scherz, den er sich mit dem Poiltifex gemacht hatte. Die kaiserliche Gunst und seine Stellung am Hofe hatten der Frömmigkeit unseres Tobias in keiner Weise Eintrag gethan. Er war ein täglicher Besucher der Synagoge in der Rne St. Avoye, bekleidet mit Perücke und Toupet. Die Helligkeit des Sabbats entweihte er niemals und er wurde mit Recht als ein guter Israelit angesehen. Als das Kaiserreich gefallen war, hatte Tobias darunter nicht zn leiden. Was hat^ auch die Politik mit den Hühneraugen zu thun? Und die Bourbonen glaubten sich nicht zu entehren, wenn sie zu demjenigen Zuflucht nahmen, der den „Usurpator" Bonaparte behandelt hatte. Einer der Hauptclienten unseres Tobias war der Herzog von Berry, Reffe Ludwigs XVIII., der ebenso wie Napoleon wußte, daß Tabias Jude sei. An einem Rosch-Haschanah war Tobias in der Synagoge und betete mit dem größten Eifer, als er in schr dringlicher Angelegenheit abgerufen wurde. Es war ein Bote vom Herzog von Berry, der ihn im Namen des Herzogs aufforderte, sofort zur Operation zu kommen. Man kann sich die Verlegenheit denken, in der sich der so religiöse Hühneraugenoperatcur befand. Er fragte den Großrabbiner Michel Seligmann um Rath und dieser rieth zum Herzog zu gehen, (eine Weigerung konnte damals böse Folgen haben), aber die Heiligkeit des Festes nur im äußersten Falle zu verletzen. Tobias, ganz verwirrt, eilte nach den Tuilerien. „O, wie ich leide", ruft Ihm der Herzog von Berry entgegen, „wenn ich doch schon von dieser Qual befreit wäre!" Tobias besichtigt aufmerksam den Fuß und berührt mehrmals mit dem Finger den Thell, wo die Hühneraugen sitzen. „O, o, Ihr thut mir weh!" schreit der Herzog. „Da sehen Sie, Monsignore, es scheint eine Entzündung im Anzuge zu sein. Es würde hier gefährlich sein, zu operiren. Haben Sie noch einen oder zwei Tage Geduld, inzwischen wollen wir Compreffen anslegeu. Dann komme ich wieder, um Sie von Ihren Leiden zu erlösen". Und durch diese Kriegslist entging Tobias der Gefahr den heiligen Rosch-Haschanah zn verletzen. Even übte lange Jahre hindurch seine Kunst mit immer steigendem Erfolge und sammelte dabei ein nicht unbedeutendes Vermögen- Im Alter von 85 Jahren sah man ihn noch rüstig, auf seinen Stock gestützt, in den Elysäischen Feldern spazieren gehen und zn Fuß nach seinem Hause in der Rne Ehapon zurückkehren.