Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 92 (26.11.1885)
- Date
- 1885-11-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1566 sie sprachen: Warum bist du so schwermüthig, Suleika? Was fehlt Dir? Bist du nicht die Gcmahlin eines reichen und vornehmen Staatsbeamten? Hast du nicht Alles, was dein Herz begehrt? — Ich werde euch, entgeguete Suleikä, die Ursache meines Kummers offenbaren. Darauf befahl sie ihrer Dienerin, Orangen herbeizubringen, und jede der Freundinnen nahm eine Orange und ein Messer, lim sie zu schälen. Nun rief Suleika ihren hebräischen Sklaven herbei, und als Joseph in's Zimmer trat, da hasteten die Augen der Freundinnen an seiner schönen Gestalt; sie schnitten sich in die Finger und merkten es nicht, und ihre Hände flössen von Blut über. Und Suleika rief aus: Meine Freundinnen, was macht ihr? Eure Hände und eure Kleider sind mit Blut befleckt! — Da merkten sie erst, daß sie sich in die Finger geschnitten, und sie sprachen: Wer kann solche Schönheit schauen, ohne daß er ergriffen wird ganz und gar! — Darauf Suleika: Ihr habt ihn nur einmal gesehen, und das Herz erstarrt euch im Busen, und ich, die ihn täglich sehen muß, soll nicht in Liebesweh erkranken, soll nicht sterben ob dieser unerwiederten Liebe? — llnd die Freundinnen sagten: Jetzt begreifen wir deinen Kummer und deine wohlberechtigte Schwermuch. Wir ersehen daraus, daß Joseph schon beim ersten Anblicke die Herzen zu entflammen geeignet war; warum währte es zwölf Monde, bis seine Herrin die Augen zu ihm erhob? Unsere Weisen beantworten diese Frage folgendermaßen. Joseph war anfangs über das schwere Geschick, das ihn betroffen, tief bekümmert. Bald aber fing er an, sich heimisch zu fühlen im Hause des Äegypters. Er war der Liebling seines Herrn, wurde von dieseni mit Gunstbezeugungen überhäuft, und keiner der andern Diener wagte es, ihm entgegenzutreten. Da sprach Joseph zu sich: Wie viel besser habe ich es doch hier als im Hause meines Vaters! Wenn mein Vater mir durch allerlei Vorzüge seine besondere Liebe bezeugte, so beneideten mich die Brüder und haßten mich, und suchten mir das Leben zu verbittern; hier aber werde ich in jeder Weise bevorzugt, und Niemand thnt mir Uebles. — Da sing er an, nach eitlen Freuden und Zerstreuungen zu streben und der hohen Aufgabe seiner Väter zu vergessen. Es war bis dahin eine wunderbare Fügung Gottes gewesen, daß die Gemahlin seines Herrn ihn nicht beachtete. Jetzt aber, da Joseph anfing, eitlen Dingen nachzustreben und die Gefahr nahe lag, daß er den großen Gedanken seines Hauses entfremdet würde — und es war nach diesen Begebenheiten, da richtete das Weib seines Herrn ihre Augen auf Joseph und suchte ihn zu verführen. Diese Gefahr brachte den Jüngling wieder zum Bewußtsein seiner selbst, und als er dennoch den Verführungskünste» beinahe erlegen wäre, erschien ihm das Bild seines Vartzrs, des frommen, edlen, hochherzigen Greises, und erinnerte ihn an die hohe Bestimmung Israels. So sendet der allgütige Gott den Frommen manchmal Versuchungen und Gefahren, um sie aus der Gleichgiltigkeit und der Erschlaffung, in die sie leicht verfallen könnten, emporzurütteln, zu ihrem eigenen Heile, zum Heile der Menschheit. (Fortsetzung folgt.) Zum tzyamckahfefie. Von Dr. H. Sänger. Unser schönes Lichtfest hat einst zwischen den Schulen Schamaj's und Hillel's eine Meinungsdifferenz hervorgerufen, wie man die Ehannkahlichter anznzüuden habe. Die Schule Schamaj's nämlich behauptete, am ersten Tag sollen acht Lichter angezüudet werden, dann immer eines weniger, und am achten Tage nur noch eines. Die Schule Hillel's aber war der Ansicht, daß mit der Zahl der Tage die Lichter zunehmen müssen, so daß am achten Tage acht Lichter angezündct werden. Das ist scheinbar, wie bei so vielen auseinander^ gehenden Ansichten der Gelehrten, ei» unwichtiger Streit; der Eine behauptet das Gegentheil von dem, was der Andere sagt, im Grunde genommen wäre es eben nur ein sogenannter Gelehrtenstreit, bei dem cs sich um nebensächliche, formale Dinge handelt. Das scheint so bei oberflächlichem Anhören derartiger gelehrter Discussionen, und doch handelt es sich dabei um das Wesentliche der Sache. Nicht das Gegentheil von der Ansicht des Andern will der Eine behaupten, nicht müssigen Streit wollen sie miteinander führen, Schamaj und Hillel sind in der Hauptsache derselben Ansicht, nur über die Erreichung des Zweckes, welcher mit dem Anzünden des Lichtes verbunden ist und angestrebt werden soll, sind ihre Ansichten die gerade entgegengesetzten. Daß wir acht Lichter und acht Tage Lichter anzünden sollen, ist die Ansicht Beider. Aber über die Reihenfolge sind sie verschiedener Meinung. Gewiß liegt der Schwerpunkt ihrer Auffassung über die große Bedeuttmg des Lichtanzündens in der Reihenfolge ausgedrnckt, wie sie ein Jeder von ihnen aufstcllt. Versuchen wir es daher ihre Ansichten richtig zu erfasse». .*lSm nni? ■£»*» pvv nioa? pcw wua