Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 91 (23.11.1885)
- Date
- 1885-11-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449503-2449588--23273-2512941- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1559 mm? Früh am andern Morgen, da wir beide noch schlafen, wird au unsere Thür geklopft und ans meide Anfrage, was cs denn gebe, kommt die Stimme des Mädchens: „Ach! ich wollte nur sagen, der Geldschein hat sich gefunden." — „„Nun schön, bis nachher!"" — Die Kunde war ja recht erfreulich; doch blieben wir beide nun wirklich begierig darauf zu vernehmen, wo denn eigentlich das-gar nicht so winzige Papier sich verkrochen und all unserer Nachforschung so lauge entzogen haben mochte. — Die Lösung des Näthsels folgte bald, wahrlich eine sehr unerwartete. Die Familie hatte sich zum Morgenkaffee um den Frühstückstisch gesammelt; sobald ich nun eintrat, überreichte mir das Stubenmädchen mit freudestrahlendem Angesicht den vermißten Fünf- Hundertmarkschein und erstattete auf meine freundliche Frage, wo denn endlich das so lange umsonst gesuchte Werthpapier sich wicdergefundcn habe, einen Bericht, den ich nicht ohne hohe innere Befriedigung anhören konnte. „Ach, lieber Herr! Sie beide haben mir gestern Abend zwar kein schlimmes Wort gesagt, aber ich habe doch sehr gefühlt, wie verdächtig ich Ihnen bei diesem unerklärlichen Verluste erscheinen mochte, und das hat mir dann gar keine Ruhe gelassen. Ich lag im Bett uno könnte vor Kummer und Angst nicht einschlafen. Doch da ging nur wie mit einem Schlag etwas durch den Kops, was mir neue Hoffnung gab. Ich besann mich nämlich darauf, wie der Herr Louis Jaffe gestern, als ich eben in Ihr Zimmer getreten war, während er noch zunl Abschied mit Ihnen redete, mit der rechten Hand mehrere Blätter in die Brnsttasche seines NeberzieherS schob in dem Augenblicke, als Sie selbst mit ihm von dem Schreibtisch wegtraten. Ach Gott! dachte ich, da mir dies so deutlich cinfiel, vielleicht ist unter den Blättern auch das unglückliche Geldpapier gewesen. Könnte ich doch nur gleich zu Herrn JaffL hin! — „Und da bin ich denn nach kurzem Schlaf bald wieder munter geworden und habe mich, so bald cs ganz hell und die Hausthür aufgeschlossen war, nach der Berliner Straße hingemacht. In welcher Hast und Angst habe ich da die Glocke gezogen bei Herrn Louis Jaffe, und als ich eingelassen war, da fiel mein erster Blick auf des Herrn Ueberzieher, der im Korridor am Riegel hing. Mein Glück oder mein Unglück mußte sich nun entscheiden. Ich faßte mir ein Herz und bat, Herrn Jafftz sogleich zu benachrichtigen, daß ich etwas Dringendes an ihn auszurichten hätte. Und als Ihr Herr Vetter dann sehr rasch heraustrat und mich befremdet ansah, da bat ich ihn mit bebender Stimme mir zu sagen, ob er die Papiere schon durchgesehen, die er am gestrigen Abend bei Ihnen am Schreibtisch vorn in seinen Ueberzieher gesteckt habe. Der Herr Louis Jaffs besann sich nur einen Augenblick und sagte dann: „Na, die müffen noch heut in derselben Tasche stecken!" und damit griff er nach dem Ueberzieher dicht neben ihm am Klciderriegel, zog aus der tiefen Brnsttasche Papiere hervor, blätterte rasch darin und da sagte er verwundert: „„Ach so! liebes Kind!"" — und der verschwundene Fünfhundertmarkschcin lag in meiner Hand." — „Sie mögen denken", schloß Bernhard Jaffe — „wie dies Vorkommniß damals mich berührt und meine alten Grundsätze neu befestigt hat." — „„Ganz prächtig"?, sagte ich, „ist die Geschichte eine allerliebste Variation über ein uraltes Thema und verdiente wahrhaftig mehr ein Vekanntwcrdcn als die eklen Skandale, von denen wir erst geredet haben." — Mit herzlichem Händedruck schieden wir. llitb dies ist das letzte Mal gewesen, daß wir einander in's Auge gesehen haben. Ich konnte später, als die jähe Kunde von der Operation und ihren Folgen mich traf, nur noch vom Vorzimmer aüH durch Sohncsmund meine Grüße an den sterbenden Manu bestellen lassen. — Das Geschichtchen aber vom Füufhnndertmarkschein, so schlicht und so lebhaft von ihm erzählt, im engsten Zusammenhänge mit einer sittlichen Konfession von edelster Art, ich betrachte cs in feierlicher Stimmung wie ein heiliges Vermächtnis;, welches der gute und vorzügliche Mensch zu weiterem Gebrauch, zu Nutz und Frommen vielleicht für manchen anderen Menschen, mir in jener Abschiedsstunde übergeben. Wohlan denn — da ist cs! Dixi et aiiimam servavi! Schmiegel („auf der Burg"), am 7. Nov. 1885. Professor Heusel. Pol». Wartenberg. Der Sonnabend "n/v mw war für die hiesige jüd. Gemeinde ein wahrer Frendentag. Schon am frühen Morgen versammelte sich die ganze Gemeinde in der mit Gnirlanden und Blumen geschmückten Synagoge, galt cs doch ihrem ersten Vorsteher, dem Stadtverordneten Herrn Moritz Uck o eine Anerkennung für seine 25jährigc Thätigkeit als Leiter der Gemeinde zu zollen. In der Wohnung des Jubilars hatte das von der Gemeinde gewählte (5omite einen prachtvollen silbernen raun* Leuchtcr mit sinnreicher Inschrift überreicht, wobei der Kanfmann Herr I. Goldstern im Namen der Gemeinde dem J.den tiefgcfühlstcn Dank für dessenTreue und Fürsorge mn das Wohl und Gedeihen der Gemeinde abstatteke. Als der Jubilar unter Begleitung des Eomites in die Synagoge eintrat, begrüßte i