Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-11-23 · Heft 91 (23.11.1885) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 91 (23.11.1885)
Date
1885-11-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449588--23272-2512940
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1558 Bäumen der Wilhelmsstraße mit dem lieben Manne zusammentraf. Unsere Unterhaltung behandelte Tagesfragen und insbesondere die leidige Stöcker'sche Angelegenheit. Der peinliche Einbruch der unseligen religiösen Hetzereien gab dem so humanen und unparteilichen Jaffe zu einer bewegten Expcctoration Veranlassung. Niemals werde ich diese seine hingebende Mittheilung vergessen und so darf ich auch wohl behaupten, daß es nahezu die eigensten Worte des seitdem in die ewigen Friedenshütten abberufenen frommen Mannes sind, die ich hier wiederhole. „Ich an meinem Thcil" — so äußerte sich Jaffe — habe stets eine grobe Ehrfurcht vor jedem aufrichtigen religiösen Bekenntniß gefühlt und niemals hat in meinem Hause nnd vor dem Ohre meiner Kinder irgend ein frivoler Scherz über das was anderen Menschen heilig, über-Dogmen und rituelle Gebräuche Andersgläubiger laut werden dürfen. Unsere Söhne sind von mir und meiner Frau von früh auf in solchem Sinne erzogen worden, und so haben wir auch stets darauf gehalten, daß sie unseren Dienstboten gegenüber, deren volles Menschenrecht anerkennend, bescheiden, freundlich nnd mit einer gewissen familienhaften Vertraulichkeit sich benehmen, niemals dieselben durch ein Wort des Uebermuthes oder des Mibtrauens wiffentlich kränken durften. Die Wirkungen dieser Haltung sind unserem Hauswesen immer zu gut gekommen und werden, so hoffe ich, für meine Kinder segensvolle bleiben. Da fällt mir in diesem Augenblick ein Vorfall ein, eine ganz eigenthümliche Geschichte, die muß ich Ihnen doch noch erzählen. Es war vor einigen Jahren an einem Sommernachmittage. Ich hatte die Arbeit geschlossen und wollte eben, mit dem Hut in der Hand, meine Frau zu einem vorher mit ihr verabredeten Gange nach dem Schillinge abrufcn. Da kam eilig mein Vetter, Louis Jaffe, der in einer Geschäftssache mit niir zu reden nnd aus derselben mir zugleich einen Geldbetrag zu übergeben hatte. Er wollte mich, beit er im Aufbruch fand, nicht weiter aufhalten und legte darum seinen Sommerüberzieher nicht ab. Wir traten an meinen Schreibtisch nahe am geöffneten Fenster und Louis übeneichte mir zunächst jene Posten m einem Fünfhundertmarkschein, lieber die Geschäftssache redend nehme ich das Papier in die Hand und legte es auf den Tisch. Die Unterhaltung wurde lebhaft weitergeführt, da ich meine Ansichten über den Gegenstand zu entwickeln hatte. Darüber verging denn eine geraume Weile. Endlich erschien unser Stubenmädchen in der Thür des Zimmers und mein Vetter, der ja vorher von dem beabsichtigten Spaziergange gehört, brach rasch auf, indem er mich noch bat, meine Frau herzlich von ihm zu grüßen. Leider werde sie ja zu lange schon vergebens auf midi gewartet haben. Und so war es: meine Frau stand gerüstet da. Mir begaben uns nun unverwellt in's Freie und wandelten bald in munterer Unterhaltung durch die schattigen Anlagen des Glacis. Da — eine kurze Strecke vor dem Schilling — fällt mir urplötzlich ein, daß ich ja das Geldpapier vom Vetter nicht cingeschloffen habe, und ich kann mich überhaupt seltsam genug — gar nicht darauf besinnen, was ich mit dem Blatt eigentlich angefangen. Doch es mußte ja auf alle Fälle sicher aufgehoben sein, und so will ich denn ruhig den Spaziergang fortsetzen. Meine Frau indessen, der ich nun mittheile, was mich soeben ein Weilchen nachdenklich gemacht, räth zur Umkehr, da es überdies schon spät geworden und auch ei» unangenehm kalter Wind in heftigen Stößen sich erhoben hat. Daheim wieder eingetroffen, betrete ich sofort mein Zimmer, finde das vorher geöffnete Fenster am Schreibtisch jetzt geschloffen, vergeblich aber sucht der Blick auf dem Schreibtisch den Bankschein und auch in dem rasch aufgeschlossenen Schubfache ist er nicht zu sehen. Nun wird das Stubenmädchen gerufen und befragt, ob während unserer Abwesenheit irgend Jemand im Zimmer gewesen. Erstaunt und ruhig antwortete das Mädchen: „Nein, außer mir Niemand. Ich habe hinein gehen müssen, die Fenster zu schlitzen, weil so heftige Windstöße kamen." — Und das Blatt, welches auf dem Tische lag? — Sie hat keines mit Augen gesehen. — Möglich, baß schon vorher ein solcher Windstoß es hinunter geweht. Sogleich nun suchen wir genau das ganze Zimmer ab, durchstöbern jeden Winkel: cs ist nicht da. Ich schicke das Mädchen wieder fort und sobald ich mit meiner Frau allein bin, bitte ich diese nun auf's dringendste, weitere Fragen in der Sache nicht zu thun und vor allem dem Mädchen gegenüber keine Spur von Verdacht gegen sie durchblicken zu lassen. Bemerken aber muß ich noch, daß gerade diese Dienerin, bei manchen recht guten Eigenschaften, doch bereits mehrfach durch leichtfertiges Wesen Veranlassung zur Rüge geboten hatte. Im Uebrigen aber hielt ich sie für aufrichtig nnd ehrlich und wehrte mich darum jetzt in mir selbst gegen den abscheulichen Gedanken, daß sie wohl gar jenes Geldpapier in diebischer Absicht fortgenomme». Gleichgiltig konnte mir ja der Verlust eines solchen Betrages nicht sein; am meisten ärgerte ich mich über meine eigene Zerstreutheit oder Vergeßlichkeit. Gleichwohl wurde an dem Abend nicht weiter von der Sache unter uns geredet. Was geschieht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.