Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 90 (19.11.1885)
- Date
- 1885-11-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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L'fliibc) ist, wird demselben dann vom Vorstände mid) ein Säckchen Silbergcld für die Armen Zions mitgegcben. Bor seiner Abreise finden sich dann ctiiiflc Gemeindemitglieder, die das Loos dazu bestimmt hat, mit ihren Pferden oder Kameelcn vor der Schule ein, um den Gast bis zur nächsten Gemeinde zu begleiten. (Schluß folgt.) Feuilleton. Hieyaöilitirt. Erzählung von Friedrich Rotl. XIV. Wenden wir uns um einige Wochen zurück. Cui einem Coupe des Eiscnbahnzugcs der'Nordbahn, der der Grenze zueilte, saß ein junger bleicher Mann, den breitrandigen Strohhnt tief in die Stirn gedrückt. Seit nahezu vier Stunden lehnte er in derselben Cckc, hatte während dieser Zeit nicht eine Sylbe gesprochen und schien die neugierigen Blicke der Mitreisenden, die den stummen Passagier zuweilen kopfschüttelnd betrachteten,^ nicht zu gewahren. Endlich hielt der Zug, die Conducteurc riefen den Namen der Grenzstation und öffneten die Thüren; sämmtliche Passagiere stiegen aus, unter ihnen der oben erwähnte junge Mann. Ein Frösteln dnrchschauertc ihn, als er auf dem Perron die Wagenrcihc entlang schritt, und doch war das Wetter lan und milde, kein Luftzug regte sich. Der junge Mann blickte um sich, wandte sich dann an einen Bahnbcdiensteten und fragte, ob kein Briefkasten in der Nähe. Aber seine Stimme war so heiser, er mußte seine Frage wiederholen, bevor der Mann ihn verstand und ihm den Postschalter zeigte, der nur wenige Schritte entfernt war. Aber diese wenigen Schritte schienen den Reifenden unsägliche Anstrengung zu kosten, wankend, fast taumelnd, legte er sie zurück. Und nun stand er endlich vor dem Briefkasten, einen Moment 'regungslos, und wie ein Aechzen entrang cs sich seiner Brust. Doch er ermannte sich, zog hastig sein Portefeuille hervor und entnahm demselben _ zwei convertirte Briefe. Wie Blei schienen die federleichten Gegenstände seine Hand danieder zu drücken, er schien sie nicht heben zu können, er nahm sie in die andere Hand und warf sie rasch in den Briefkasten, dann aber taumelte er zurück, als hätte er einen Stoß gegen die Brust empfangen. „Sie fühlen sich nicht wohl, mein Herr?" Es war der Mann, den er nach dem Briefkasten gefragt, der diese freundlichen Worte an ihn gerichtet. Er murmelte einige unverständliche Worte, richtete sich dann stramm ans, und indem er sich bemühte, etwas lauter als vorhin zn sprechen, fragte er: „Wann geht der nächste Zug nach Bremen?" „Ter nächste Zug nach Bremen? — Um acht Uhr vierzig Minuten, mein Herr. Da haben Sic noch volle zwei Stunden Zeit, können sich in der Restauration gehörig ausruhen." Der junge Mann nickte ihm dankend zn, begab sich in Wirklichkeit in die Restauration, und ließ sich hier ein Gläschen Rum geben, dann aber verließ er hastigen Schrittes den Bahnhof und eilte der naheliegenden Stadt zn. In dem ersten Berkaufsgewölbe, in dem er derartige Gegenstände ffah, kaufte er einen Handkoffer, in dem ersten Wäschegeschäft die unumgängliche nothwcndige Leibwäsche und in einem dritten Geschäft eine scharfe flache Scheerc. Dann eilte er wieder zurück zum Bahnhof. Er fand die Kasse bereits geöffnet, löste ein Billet nach Bremerhafen und stieg sofort in ein Coupe des bereits zusammengekoppelten Zuges. — Es schien ihn wiederum zu frösteln; er knöpfte den Sommcrüberzicher zu, schlug den Rockkragen hinauf und schlang ein ziemlich großes Seidentnch um den Hals derart, daß auch das Kinn mit umhüllt war. Als der Eondnctenr kam, das Billet zu conpiren, ließ er ein Geldstück in dessen Hand gleiten und ersuchte ihn, ihn womöglich allein im Eouptz zu lassen, da er sich nicht wohl fühle. Er hätte letzteres nicht hinznzufügeu brauchen, die auffallende Blässe seiner Züge, das nervöse Zucken, das hin und wieder seinen Körper erbeben machte, verriethen zur Genüge, daß er sich nur mit Anstrengung aufrecht erhielt. Ter junge Mann blieb allein während der ganzenNacht. Was in seinem Innern vorging, welche Feder könnte es beschreiben! — Er begleitete die beiden abgesaudten Briefe von Station zu Station, bis in die Heimath, die er sich durch sie für immer verschlossen. — Er vergegenwärtigte sich den Moment, in dem die Adressaten sie empfangen, sie öffnen würden und — wie Wahnsinn wollte eS ihn hin und wieder erfassen, er rüttelte an der Thür; es drängte ihn hinaus zu eilen, die unglückseligen Briefe zurück zu holen — doch wo hätte er die erreichen können, sie flogen längst der Heimath zu. — Aechzend sank er wieder zurück in die Wageuecke und barg das schmerzzuckende Antlitz in den Händen. Doch allmählich ward er ruhiger. Er überdachte , was er gethan, zu welchem Zwecke er es