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Der Israelit · 1885-11-19 · Heft 90 (19.11.1885) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 90 (19.11.1885)
Date
1885-11-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1539 gethan und was er in Folge dessen nun zu thun habe. — Bevor der Morgen graute war er vollständig gefaßt. Doch wer ihn am Abend gesehen, hätte ihn am Morgen schwerlich wieder erkannt, denn der schöne blonde Vottbart, den er stets mit besonderer Vorliebe gepflegt hatte, anf den er sogar einigermaßen stolz gewesen, war vollständig verschwunden. Als es Tag war, stiegen andere Passagiere zu ihm ein, denn der Eonducteur, der ihm den alleinigen Aufenthalt im Eoupe zugcsichert hatte, war an der Grenze eines Ländchens, das der Eisenbahnzug durcheilt hatte, zurückgeblieben und durch einen andern ersetzt worden. Trotz der trüben Stimmung, die ihn noch immer darniederdrückte, zwang er sich, die Mitreisenden mehr als am vorigen Tage zu beachten, sich sogar hin und wieder in eine Unterhaltung mit ihnen eiuzulassen. Doch je weiter der Tag vorschritt, desto erschöpfter fühlte er sich, und als der Zug endlich in den späteren Rachmittagsstnndcn das vorläufige Ziel seiner Reise, den nächsten Hafenplatz, erreicht hatte, war er todtmüde, kaum im Stande, den leichten Handkoffer zu heben. Er übergab denselben einem hcrbeieilenden .kofferträger, den er aufforderte, ihn in das nächste Hotel zu geleiten. „Hat der Herr sonst kein Gepäck?" fragte der Diensteifrige. „Ist vorausgeschickt," murmelte der junge Mann und folgte langsamen Schrittes dem Träger. Dieser gewahrte die Erschöpfung des Reisenden und mäßigte seinen Schritt, dem Andern hiedurch Gelegenheit gebend, sich nach der Abfahrt der verschiedenen Dampfer zu erkundigen. „Heute haben wir Dienstag, nicht? —- Also geht der nächste Dampfer nach New-Aork morgen früh um Nenn und der zweite nächsten Freitag Morgen um acht." Sie hatten das dem Hafen gegenüberliegende Hotel erreicht; der junge Mann, unfähig sich länger aufrecht zu halten, sank anf eine Bank in der Hausflur, dem Dienstmanne es überlassend, ein Zimmer für ihn zu verlangen. „Wo möglich ein Parterrezkmmer," fügte er jedoch selbst hinzu, „ich bin sehr ermüdet." „Ein Parterrezimmer," wiederholte der Kellner, „wird der Herr länger hier verweilen?" „Bis morgen —" „Bitte mir gefälligst zu folgen." Mühsam erhob sich der Fremde und folgte dem Boranschreitcnden, der die Thür eines seitwärts gelegenen Zimmers ausschloß. „Die Zimmer in den oberen Etagen sind freundlicher," bemerkte er wie entschuldigend, „doch freilich für den Müden ist das nächste das Beste." Der Fremde erwiderte nichts, er sank vollständig erschöpft in den Sessel und schien die Gegenwart des Kellners, der in dem Zimmer einiges ordnete, kaum zu gewahren. Kopfschüttelnd betrachtete dieser den so überaus Ermatteten. „Wäre Ihnen vielleicht eine Erfrischung gefällig, mein Herr?" Der junge Mann blickte auf und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Ein Glas Rnm," murmelte er. „Ein Glas Rum," wiederholte der Kellner zögernd, denn er beobachtete den raschen Farbenwechsel in dem Antlitze des Leidenden.,, Entschuldigen Sie, mein Herr, wäre Ihnen nicht vielleicht Limonade gazeuse willkommen?" Dcr Fremde neigte znstimmend das Haupt. „Bringen Sie, was Sic wollen," flüsterte er. Der Kellner entfernte sich und kam gleich daraus mit einem kühlenden Trunk zurück und hatte die Freude, daß der Andere es hastig schlürfte und dann sichtlich erleichtert aufathmete. Dennoch fühlte sich der Theklnehmende nicht beruhigt, von Zeit zu Zeit kam er in die Nähe des Zimmers, in dem der ermüdete Gast weilte, legte auch zuweilen horchend das Ohr an die Thür, ob er nichts Ungewöhnliches drinnen vernehme. Als es dunkelte, trat er abermals an die Thür und klopfte an, er wollte drinnen Licht anzünden. Er vernahm kein einladendes Herein, dennoch trat er ein, doch überrascht blieb er stehen. Ter vorhin so sehr Ermüdete wandelte jetzt raschen Schrittes im Zimmer auf und nieder, während er mit lauter, volltönender Stimme eine Melodie sang in einer seltsamen Sprache, die der Kellner nie zuvor vernommen. Es ward ihm unheimlich in der Nähe dieses Gastes; ohne zu fragen zündete er zwei Kerzen an und stellte sie auf den Tisch, und nun erst gewahrte er, daß das vorhin so überaus bleiche Angesicht des Fremden mit dunkler Gluth übergoffcn war, daß seine funkelnden Augen rollten wie in Ficbergluth. „Ist Ihnen vielleicht ein Glas Eiswasser gefällig, mein Herr?" Der Angeredete lachte grell auf, taumelte gegen das Kanapee und warf sich der Länge nach auf dasselbe. Jetzt sang er nicht mehr und lachte auch nicht, aber sein Athem ging furchtbar rasch. Der Kellner eilte hinaus, den Hotelier zu benachrichtigen, daß ein Gast erkrankt und daß der Hotelarzt schleunigst gerufen werden müsse; dann begab er sich zurück zu dem Fremden, den allein zu lassen er für

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