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Der Israelit · 1885-11-16 · Heft 89 (16.11.1885) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 89 (16.11.1885)
Date
1885-11-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1516 nii einem Huhn zu sparen, während der feiste wohlgenährte Nabbi Jontof, einen Familiennamen von dein Manne hat man nie gehört, bemüht ist, seiner Frau beim Einkäufen beizustehen. Allein, wer glaubt, die Anwesenheit des Rabbi helfe der Kasse seiner Ehehälfte, ist 'auf dem Holzwege. Der Ruf des Gcflügelhändlers: „Reb Jontof, wenn's Euch net patzt, geht weiter", überzeugt den guten Mann bald, das die geistliche Autorität auch hier nichts mehr gilt. So geht es vor jedem Hause, in jedem Laden und an lebhaften Tagen ist es einem Wagen schwer hier durchzukommen. Das Eine steht fest; rnn's Geld bekömmt man hier gute Waare, und gar viele Frauen aus der oberen Stadt scheuen den Weg nicht, für billigeres Geld bessere Fische und Hühner für den N2L'-Tisch hier zu holen. In einem andern Theile des Viertels, etwa in Vayard-Street. bemühen sich Kleider- und Schuhhändler ihre Kunden resp. Nichtkunden von der Güte ihrer Waare zu überzeugen, und wenn bei dieser Prozedur dem unschuldigen Fremden, der keine Idee für den schönen Rock hat, fast der Rock vom Leibe gerissen wird, so ist dies ja nur ein Beweis, wie geschäftseifrig der Ladeubesitzer ist. Datz über die Erlangung eines Kunden zwischen zwei nebeneinander wohnenden „Kofleiten" Streit entsteht, ist nicht selten, und zwei bekannte wackere Geschäftsleute wurden schon oft handgreiflich und -.nutzten im Polizeigericht zur Raison gebracht werden. Wo man die Leute am Besten beobachten, kann das ist in einem Geschäfte, wo E dieselben Gelder nach der Heimath senden, Schiffsscheine kaufen, um ihre Zurückgebliebenen kommen zu lassen n. dgl. mehr. Da sieht man oft die rührende Fürsoge des hart arbeitenden Mannes für seine Gattin, die Liebe des Kindes zu den Eltern, die Aufopferung des Vaters für den Sohn. Von der mühevollen kärglich bezahlten Arbeit spart der fleitzige Handwerker, der für Frau und Kinder zu sorgen hat, einige Dollars, um auf dein Vater, der arm in der Heimath lebt, eine Freude zu machen; die Tochter, die von Früh bis Nacht mühsam ihr Brod verdient, bringt sich stets einige Dollar auf die Seite, bis sie endlich soweit ist, daß sie freudestrahlend zum Bankier kömmt, um für ihre zurückgebliebene verwittwete Mutter einen Schiffsschein zu kaufen, der ihr die Fahrt von der Heimäth hierher ermöglicht: Thränen in den Augen der braven Tochter zeigen ihre Freude, datz die Mutter mm naht. Da kömmt leise ein unansehnliches Männchen herbei, aus der mit einigen Nadeln zugesteckten Tasche Geld hervorholend, das der Frau und den Kindern in der Heimath zufalleu soll; bittend spricht der Mann den Cassier an, das Geld ja bald zu befördern, die Frau brauche es nöthig. Im nächsten Jahres fügt er hinzu, hoffe er ihnen Billete schicken zu können, dann stünden der Familie hier glückliche Zeiten bevor. Solche Beobachtungen kann man stündlich machen, und dies zeigt mehr als andere Wahrnehmungen den wahren Charakter. Hunderte drängen sich in solchen Geschäften, um der Lieben daheim zu gedenken; auch noch andere Scenen kann man beobachten. Ein Schiss wird erwartet; dasselbe bringt einem Manne die Gattin mit 6 Kindern. Er ist schon -'! Tage unfähig zu arbeiten, früh und spät fragt er, ob das Schiff da ist, und als ihm endlich die Kunde wird, daß es gekommen, da eilt er eiligst, seine Lieben zu holen. Natürlich gibt es auch weniger liebevolle Angehörige; diese sind aber selten. Eines Beispiels möchte ich aber hier gedenken. Verstörten Blickes.sah man in ein Anwalts-Bureau jüngst einen Mann eintreten, und der liebevolle Anwalt glaubte schon in den Zügen des Mannes zu lesen, welch großes Unglück ihm zugestotzen. Der liebende Gatte, ein solcher war er, erzählte, er habe vor 10 Jahren daheim geheirathet und der Noth gehorchend, unter Zurücklassung von Frau und zwei Kindern, hier.cme Heimath gesucht. Statt nun, nachdem es ihm besser ging, Feau und Kinder kommen zu lassen, hat er hier eine zweite bessere Hälfte sich erkoren und nun habe seine Gattin durch den Tod ihrer Ettern soviel Geld erhalten, daß sie eine Reise hieher machen konnte: Sie sei hier, und nun stehe ihm natürlich Schlimmes bevor. Der Anwaltsbuchhatter, der mir dies erzählte, hat mir von dem Schicksal des Mannes nichts mehr gesagt; wahrscheinlich hat er beide jetzt sitzen lassen, sein Glück vielleicht wo anders mit einer Dritten versuchend. Derartige Fälle kommen häufig vor und habe ich selbst schon Frauen gesehen, die mit Lichtern die sogenannte stärkere Hälfte suchen; leider aber selten finden. Das sind natürlich die Schattenseiten des Viertels, allein auch in andern Theilen kommen ja solche Dinge vor, und darf man nicht allzu scharf in's Gericht hier gehen. Während ich dies niederschreibe, erhalte ich den Besuch eines Freundes aus Baltimore, der mir von der dort stattgefundenen amerikan. Rabbinerversammlung erzählen will. Da ich ja mit nächster Post über diese interessante Versammlung berichten will, breche ich ab, mir die Fortsetzung einer Besprechung für ein andermal vorbehaltend.

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