Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-11-16 · Heft 89 (16.11.1885) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 89 (16.11.1885)
Date
1885-11-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449586--23227-2512893
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1515 obachten, besser beurtheilen als in New-Aork, nirgends zeigen sic sich in hellerer Beleuchtung als in Amerika. Die uneingeschränkte Freiheit in Amerika gestattet den Leuten sich in vollster Licht- und Schattenseite zu zeigen, nnd daher unternehme ich es auch von hier aus einmal ihr Leben und Treiben zu schildern. Daß der Druck in der Heimath die Leute nicht veredelt, ist ebenso erwiesen, wie die Thatsache, daß unsre Glaubensgenossen in Rußland in Bildung zurück'sind, wenngleich sie viel besser in dieser Beziehung dastehen wie chre andersgläubigen Landsleute. Ein Volk vermag unter beschränkten Verhältnissen seine Lebenskraft nie so zu entfalten, wie in Freiheit; erst da laßt sich der Mensch in seiner wahren Gestalt sehen, erst da läßt sich ein sicherer Maßstab an seinen Charakter anlegen. Die russisch-polnisch-jüdische Bevölkerung Ncw- Zorks mag an 25000 Seelen zählen, von denen die Mehrzahl in der untern Stadt in einem Viertel wohnen, das auch den Namen jüdisches Viertel trägt. Der größte Theil der Leute sucht durch harte Arbeit ein Fortkommen zu finden, und die Zahl derjenigen arbeitsfähigen Menschen, die an Wohlthätigkeit appelliren, ist sehr gering. In Amerika muß Alles arbeiten, nur vorwärts zu kommen und schon die fleißige Umgebung ist für manchen Fanllenzer ein Trieb zur Arbeit. Alle Arten von Handwerkern und Geschäftsleuten sind unter den russisch-polnischen Glaubensgenossen zu finden: Knaben mit 13 Jahren verdienen schon durch Hausiren ihr Brod, und mancher jetzt reiche Kaufmann hat durch Hausiren mit Zündhölzern in diesem Alter den Grundstein zu seiner Existenz gelegt. Mädchen arbeiten in Fabriken und in Läden so emsig wie ihre männlichen Mitbewohner und gar manche junge Frau, die nach der hcimathlichen Sitte sich zeitig mit einer liebenden Hälfte verband, ist bemüht ihr Schärflein zum Haushalt zu verdienen. Natürlich fehlt es nicht an Rabbis nnd gelehrten Männern, die meist ebenfalls nicht mehr mit der alten Heimath tauschen. Im Lande der Dollars lächelt dem fleißig lernenden Rabbi immer für seinen Sabbattisch eher ein Stückchen Fisch oder Huhn aus den Gefilden der Ludlow-Strcet wie daheim im fernen Gouvernement. Es bietet sich ja auch für seine Thatigkeit ein weiteres Feld hier, wo er als „Reverend" jeden Tag Gelegenheit hat, seine vielseitige Thatigkeit zu entwickeln. Der Geschäftssinn und die Klugheit der Bewohner des Viertels ist weltbekannt, wie ja auch die russischen, jüdischen Gelehrten hoch dastchen. Geschäftskcnntniß zeigt der junge Hausier mit Zündhölzern nicht minder wie der Kaufmann am Broadway, nnd ich inöchte den russisch-jüdischen Geschäftsmann gleich dem amerikanischen, oder besser gesagt dem Iankee, an die Seite stellen. Daß natürlich bei dieser Gelegenheit auf den polnisch-russischen Juden losgczogen wird, ist klar; ob aber die Leute, die losziehen, nicht dieselben Kniffe benützten, wenn sie es verständen, ist eine Frage, die sicher bejaht werden muß. Die religiöse Seite ist dieselbe wie bei allen Rationen; fromm und das Gegenthcil wechseln auch hier, und cs ist nicht selten, daß der Metzger, der iLo-Flcisch verkauft, am ras* offen hat, ebenso wie der Mann, der nos trcr r in großen Buchstaben am Hause offerirt, am' nos Bier nebenbei ausschenkt (ganz wie bei den „gebildeten" Deutschen). Gotteshäuser gibt cs in Hülle und Fülle und sind solche auch besser frcqucntirt wie die Tempel. Die Wohnungen sind natürlich dem Stande angemessen, vielfach sehr beschränkt, und leider wird bei den nieder» Classen der Reinlichkeit nicht allzusehr gehuldigt, wenn natürlich gleichwohl es auch hier viel besser ist als in den Vierteln der italienischen und vieler andersgläubiger Bürger. Auf diesem Gebiete bleibt noch viel zu thnn, allein es wird hier mit jedem Jahr besser; die Einwirkung der vermögenderen jüdischen Classen trägt Manches dazu bei. Die Sprache in diesem Theil New-Aorks ist neben der reinen russischen, deutschen, englischen und jüdischen ein Gemisch aller dieser Sprachen. Da viele Leute keiner anderen Sprache als der jüdischen sich bedienen nnd mir so lesen können, so ist durch 2 in jüdischer Sprache erscheinenden Zeitungen diesem Bedürfnis; entsprochen. Beide Zeitungen' sind gut rcdigirt und darf sich besonders die von Herrn Dr. Wechsler hcransgegcbene allen größeren jüdischen Blättern in andern Sprachen würdig zur Seite stellen. Es ist eine bekannte Thatsache, das; man den Charakter der Menschen am besten beurtheilen kann, wenn man direkt und viel mit ihnen verkehrt, ihr Leben schildert, nnd so bitte ich denn den werthen Leser mir nach „Klein-Rußland" in Ncw-Aork für kurze Zeit zu folgen und hier das Treiben mit anzuschen. Gehen wir nun erst am frühen Morgen oder Mittag nach Hefter- und Lndlow-Street, wo Geflügel und Viktualien ein Hauptartikcl sind. Das Feilschen und Handeln, das Schreien und Leben bietet Stoff für viele Betrachtungen. Frauen, Mägde, Männer nnd Kinder sind besonders vor rat? zahlreich versammelt und suchen für billiges Geld das Beste zu erobern. Da kreischt eine Frau mit dem unaussprechlichen Namen Zcpotschwo, um fünf Cents

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.