Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-11-12 · Heft 88 (12.11.1885) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 88 (12.11.1885)
Date
1885-11-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449585--23205-2512870
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

1502 gelehrte Judciigemeinde. bestand, von der aus das Licht des Glaubens und der jüdischen Wissenschaften nicht nur für die Inden Nordafrikas, sondern auch für die Italiens, Südfrankreichs und Spaniens ansstrahlte, daß diese Stadt, welche vor ungefähr achthundert Jahren alle unsere Glaubensbrüder aus ihren Mauern wies und auf ihre Rückkehr dorthin die Todesstrafe setzte, nun wieder offen steht für die Söhne Israels, die ohne Furcht und ohne Angst wieder dorthin zurückkehren können. Ja, das, was ich las, war wirklich wahr und keine Täuschung. Dank den siegreichen Waffen Frankreichs, die der Zivilisation und Eultur schon die größten Dienste geleistet haben und die 1880 auch den Bey von Tunis zwangen, die Oberhoheit der französischen Republik anzuerkennen, hat nun Kairuan, zum nicht geringen Aergcr seiner noch heute fanatischen Bevölkerung, auf sein bisheriges Gloriole, eine „Stadt der Gläubigen (Medinat El-Muminina)" zu sein, verzichten müssen und seine Thvre allen Confessionen und allen Nationen zugleich geöffnet. Noch 1870, als der Sohn des Großhcrzogs von Toscana, Erzherzog Kael Salvator, von Tunis ausKairnan besuchen wollte, erklärte der damalige Beh, Sid Mohamed, er muffe jede Verantwortung für diesen Besuch ablehncn, da er nicht dafür bürgen könne, daß der hohe Reisende die heilige Stadt wieder lebendig verlassen werde. Und heute? Nun heute cxistirt schon nebst einer kleinen christlichen Eolonie auch eine kleine jüdische Gemeinde tu Kairuan, deren Mitglieder in vollster Ruhe und Sicherheit ihren Geschäften und religiösen Pflichten obliegen können. D’ny rutüQ ins. Gelobt sei der, der die Zeiten ändert! Da nun Kairuan in Folge seiner Nähe zum Meere und dann auch, weil in demselben mehrere aus der Sahara, Tripolis und Algerien kommende Karawanenstraßen zusammenfließen, eine große Zukunft als Handels- und Industriestadt vor sich hat, so wird sich voraussichtlich dessen jüdische Bevölkerung baldigst vermehren, und bald nun neuerdings von der Stätte, auf der einst die INn’Np uiw gelehrt haben, das Wort Gottes in der Sprache Jsrael's verkündet werden. In Anbetracht jedoch, daß Kairuan, wie ich aus dem Munde mehrerer seiner inohamedanischen Einwohner vernommen habe, noch heute etliche Baulichkeiten aufwcist, die an ihren jüdischen Ursprung erinnern — in einigen Häusern der Stadt soll man sogar noch jüdische Grabsteine vorfinden, — so wäre es sehr erwünscht, wenn irgend em jüdisch-wissenschaftlicher Verein einen Gelehrten nach dieser StadtAsenden würde, damit er nach den dort noch vorhandenen Ueberresten jüdischen Lebens und jüdischer Eultur forsche. In den Bibliotheken der zahlreich dort vorhandenen Moscheen und Madreffeß (Lehrhäuscrn) dürsten sich sogar noch auf das Judenthum Bezug habende arabische Manuscripte vorfinden. Feuilleton. Hießaöililirt. Erzählung von Friedrich Rott. XII. Steinhard eilte raschen Schrittes seiner Wohnung zu. Er war mit dem Verlauf seiner Unterredung zufrieden, trotzdem ärgerte es ihn, daß sie ihn so viel Zeit gekostet. „Gleich acht Uhr," murmelte er, als er im Vorübergehen auf die Bahnhofuhr sah. „Sie werden vermuthlich im Garten sein; da spare ich das Hinaufgehen." Er lenkte in Wirklichkeit seine Schritte dem Garten zu, aus dem ihm muntere Kinderstimmen cntgegcnschalltcn. Eine liebliche Gruppe bot sich seinen Blicken, als er durch das Gartenthor cintrat; fünf Kinder im Alter von vier bis elf Jahren tummelten sich auf dem Rasen. Dem ältesten, einem anmuthigen Mädchen, waren die Augen verbunden, und die Andern tanzten um sic herum,, sie zupfend und neckend, und wenn sie sie Haschen wollten, sich jubelnd ihr entziehend. Mit ihren Hellen Kinderft'lmmen saugen sie. „Blind Mäuslein mein, blind Mäuslein fein, komm zu mir. geh von mir, komm nie und nimmer an mich!" Das jüngste der Kinder, ein dralles vierjähriges Bürschchen, sprang mit diesen Worten auf das blinde Mäuslein zu und stieb cs mit aller Kraft von sich. „Kleiner Schlingel!" rief Steinhard auf das Mädchen zueilend, das in die Knie gesunken war. „Hast Du Dir wehe gethan, Bertha?" stagte er zärtlich besorgt. „Nicht doch, Papa" rief sie lachend, indem sie aufsprang, „ich habe mich absichtlich zur Erde geworfen, um Richard die Freude zu machen, daß er sich für stark halten kann." „Das ist etlvas Anderes", erwiedertc der Vater, „aber mit verbundenen Augen sich von solch kleinen Leutchen zerren und stoßen lasten, das ist nicht so ungefährlich." „Ich kann doch ein bischen sehen", flüsterte sie, „aber sag's ihnen nicht, Papa." „Sei unbesorgt Berthchen, ich verrathe Dich nicht. Aber wo ist Mama?"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.