Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-11-12 · Heft 88 (12.11.1885) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 88 (12.11.1885)
Date
1885-11-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449585--23203-2512868
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1500 Frankreich. Paris. Vor ungefähr drei Jahren find gegen siebzig jüdische Familien aus Rumänien, welche der Quälereien, die sie in ihrer Heimath auszuftehcn hatten, satt waren, in Palästina als Ackerbauer angcsiedelt worden. Das Geld dazu ist seinerzeit von einem zu diesem Zwecke gegründeten Eomittz gesammelt und der Grund und Boden auf den Namen des Vorsitzenden dieses EomiW angekauft worden. Der Vorsitzende starb und die Eolonie ging auf dessen Sohn über. Aber auch dieser starb eines plötzlichen Todes nach wenigen Wochen, ohne daß er Zeit fand, seine Verhältnisse zu ordnen und insbesondere die Ackergrundstücke auf die Namen ihrer Besitzer verschreiben zu lassen. Die türkische Regierung beanspruchte nun de» Grundbesitz für den Fiscus, da nach dem dortigen Erbrecht nur Kinder des Verstorbenen erbberechtigt sind, und wenn nicht rechtzeitig bei Lebzeit eine rechtskräftige Schenkung erfolgt, Alles dem Staatsfiscus zufällt. Da geri'ethen die Angcsiedclten in Gefahr, ihren Grundbesitz zu verlieren und an den Bettelstab gebracht zu werden, wozu noch kommt, das;, als die Eoloniflcn ihr Vaterland verließen, ihnen nur unter der Bedingung Reisepässe verabreicht wurden, daß sie aus dem Verbände der Staatsangehörigkeit austraten. In ihrer Noth wandten sich die Kolonisten an Herrn Erlanger in Paris, der seinerzeit viel zu der Installation der Colonicn beigetragen hatte. Dieser wollte mit dem türkischen Fiscus in Unterhandlung treten, was aber Baron Edmond von Rothschild nicht zugab. Er beschritt vielmehr den Rechtsweg und nach langem Proccssiren gelang es ihm, eine für die Kolonisten günstige Entscheidung zu erstreite», indem er geltend machte, daß die Ansiedler nicht der Türkei angehorten, und in Folge dessen nicht nach dem sonderbaren Erbrecht dieses Staates sich zu richten hätten. Griechenland. Athen.*) Obgleich Griechenland ein ganz kleines Königreich ist — cs zählt ja kaum zwei Millionen Einwohner — und obgleich in demselben nur eine Nationalität und auch nur eine Sprache herrscht, so finden sich doch daselbst fünferlei Juden vor, die fünf verschiedenen Nationalitäten angehören, fünf verschiedene Sprachen reden und fünferlei (Riten) huldigen. Hier in der Hauptstadt des Königreiches, in der einst die rumrr 'v^n mtiit iUUUJti ^vjuujmuty *) Nachdruck verbot««. der Talmud keinesfalls die wirklich wahren und weisen Gelehrten Griechenlands, sondern nur die Sophisten, die Pseudo-Philosophen vonHellas verstand) gelebt und gelehrt haben, existire» nur wenige Juden, und entstammen dieselben zumeist dem deutschen Reiche oder dem österreichisch-ungarischen Staate. Sie kamen mit oder nach dem Regierungsantritte des Wittelbachcr's Otto, des ersten Königs des heutigen Griechenlands, hierher, um hier Geschäfte zu errichten und den Export und Import zu betreiben. Das Deutsche ist daher noch heute nebst dem Französischen, das auch in Athen die Salonfprachc ist, ihre Umgangssprache in ihren engen Familienzirkeln, doch sprechen viele derselben, besonders die Geschäftsleute, geläufig und auch mit Liebe griechisch. Auf den sieben jonischen Inseln, die im Mittelalter bis 1807 den Venetianern, daun bis 1815 wieder den Franzosen gehört und hierauf bis 1863 die jonische Insel-Republik unter der Oberhoheit Englands gebildet haben, seit dem Regierungsantritte unseres erlauchten Königs jedoch wieder mit ihrem Mutterlaude vereinigt sind, leben wieder italienische Juden, deren Umgangssprache das Italienische ist und die auch dem italienischen Ritus angehören. Ihre Hauptgcmeiudc befindet sich in Korfu, deren erster Seelsorger den aus Italien importirten Titel Rabbino Maggiore (Oberrabbiner) führt und sowohl von den Behörden als auch von sämmtlichen Gemeinden des Landes als das geistliche Oberhaupt der Juden des Königreiches betrachtet und auch als solcher verehrt wird. Die zweitgrößte Gemeinde nächst .Korfu ist die von Zante und dann folgen die kleinen jüdischen Colonicn auf den übrigen fünf Inseln. In Thessalien und dem östlichen Epirus wieder, welche zwei Provinzen 1881 von der Türkei au Griechenland abgetreten wurden, leben spanische Juden, die nebst dem Türkischen, ihrer ehemaligen Landes- und Regierungssprache, auch das sogenannte Ladino (ein corrnmpirtes Spanisch) sprechen und selbstverständlich dem sogenannten spanischen Ritus (-reo :nic) angehören. In ihren Synagogen wird noch heute in dem erwähnten Ladino gepredigt, während in denen der jonischen Inden wieder in italienischer Sprache das Wort Gottes verkündet wird. Aber eingedenk der Worte des Propheten Jeremias: rus&ga o new cn&in nw« *vj?n nbv nys lwvn vsb n’.T „Und fordert den Frieden der Stadt, wohin ihr verbannt seid worden, denn durch ihren Frieden wird wieder euer Frieden gefördert," lassen die theffalischen und epirottschen Juden heute ihre Kinder schon in griechischen Schulen unterrichten und ±

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.