Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 84 (29.10.1885)
- Date
- 1885-10-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1436 einer Stadt gekommen, heißt Paderborn, eine gar altfränkische, auch halb verfallene Stadt, ist nichts Anmerkliches, außer einer trefflichen Domkirche, welche gar alt und stark ist. Hierin sind 48 Herren, welche zusammen geheißen werden das Domkapitel. Diese erwählen aus sich einen erkorenen Bischof, welcher genannt wird Bischof von Munster. Es ist auch in der Stadt gut Bier, das weit berühmt ist. Von bicr bin ich ans eine Stadt gekommen, liegt gar hoch auf der Spitze des Berges, mit dem Namen Stadtbcrge; ist anmcrklich (bemerkenswerth), weil in dieser Stadt viel Eisen gegraben wird und geschmolzen, auch Oefcn gegossen werden. Bon da weiter ans S a ch se n b c r g und Frankcnberg, Marburg, Gießen. Dieses war eine starke Festung, die erste, die ich mein Lebtag gesehen habe, mit hohen Schanzen und Wällen versehen; ist auch nur ein kleines Städtchen. Von Gießen ans Friedberg, eine alte kaiserliche Freistadt. Hier ist zu verwundern, daß diese Stadt gar hoch ans einem Berg liegt und hat einen tiefen Brunnen, wo man das Wasser mit Ketten hcrauswindct mit großer Mühe; sind auch gar tiefe Keller und man sagt: kalte Keller, kühler Wein. Ich habe hier die erste Jndcngasse gesehen; wohnen etwa 120 in dieser Gasse; sie haben eine schöne Schul (Synagoge), welche gar alt ist; sie haben auch einen tiefen Brunnen in ihrer Gasse. — Von hier sind wir noch 3 Meilen von der kaiserl. Stadt Frankfurt a m M a in. Man findet noch ans dem Weg 2 Dörfer, mit Namen Karben und Vilbel, wo man findet „qucllentige" Sauerbrunnen; sind sehr berühmte Wasser und werden hinwcggcführt. In Frankfurt bin ich in die Judengasse gekommen und habe mich verwundert über die hohen Häuser, sammt 2 gar schöne Schulen, welche so stark mit Stein gewölbt und mit hohe Fenster und köstliche Zicrrathen von Kupfer bekleidet. Man sicht in der alren Schule einen schönen, kupfernen Leuchter, welcher 1600 Pfund wiegt und kostet jedes Pfund wegen seiner „Künstlichkeit" einen deutschen Gulden. Tie Juden sind gar wohl überall bekannt mit ihren großen Opfer von Stndiren unterwerfen, so daß sich hier gar viel Inden-Studenten von ganz Deutschland, auch aus Polen befinden und allhicr zu großem Unterweis kommen von den Hochgelehrten. Was sonsten die Stadt Frankfurt betrifft, so ist dieselbe groß und schön gebaut. Auch ist zu bemerken ein hoher, starker Thurm, welchen man den Fahrthum heißt und die gewaltige, starke Drücke über den Main. Diese Brücke zieht sich von der Pforte von Frankfurt an bis zur Pforte der gegenüber liegenden Stadt, mit Namen Sachsen hausen. Ist auch noch zu sehen in Frankfurt bei dieser Brücke auf dem Thurm ein Eisen mit vier Spitzen, darauf vier Todtenköpfe, welche von einem Hauptgeneral Binz Hans (Vincenz), lammt 3 seiner Rathgeber, welche die Inden zu Unrecht vertrieben, ja selbst erschlagen wollten. Es hat sich aber gegen ihn selbst gewendet mit Beistand der dortigen treuen Bürger. Es sind seitdem etwa 120 Jahre und noch sind diese 4 Häupter aus 4 spitzigen Eisen zu sehen, welche waren geköpft worden. Die Juden sind hier an Zahl über 600 Haushaltungen, haben auch ihr Begräbnitz nahe bei der Galle in der Stadt, mit einer steinernen Mauer umzogen. Hier neben dran haben sic noch einen großen Hof, wo sie haben ein Spital für die armen und kränken Fremdlinge, welche ihr „Aufwärtcr" nebst Essen und Trinken drei Tage zu genießen haben. — Von Frankfurt sind wir nach Oppenheim, wo man mit einer fliegenden Brücke über den Rhein geholt wird. Diese Stadt gleicht mehr einem Steinhaufen, als einer festen Stadt, weil selbige in Kriegszeit ganz und gar „vernnjenirt" ist worden; man sieht hier umliegendes Land mit viel Pläsir in Weinwachs; und weiter auf Wirms oder Worms; auch eine alte und über einander gefallene Stadt. Hier in die Judengaffen gekommen, muß man ein gelb klein Läppchen Tuch in den Rock „spalten", ist ein solcher Gebrauch für die Juden. Hier wohnen etwa 200 Juden, haben auch eine treffliche schöne, altö Schul', allwo das Altar »litten in der Schul, von Stein gar hoch bis unter das Gewölb gezogen ist. Sonst habe ich hier viele von der alten Historie beschriebene Wunderzeichen gesehen, wovon ich gleich einige beschreiben will, was ein Jeder, der noch dorten gewesen ist, nicht leugnen kann. So steht in einer Mauer eine „cingcouckte Bucht", welches passirte. als eine „tragenc" (trächtige) Frau hier vorbeigeht, so kommt ein Fuhrmann mit einem Heuwagen. Die Gasse war eng und die Frau begibt sich an die Seite dieser Mauer, um dem Wagen zu entweichen. Ter Fuhrmann aber, welcher ein „schalkhastiger" Mann war, dringt, diese Frau zu überfahren,' die Frau sich stark an diese Mauer drängt, so hat sich die Mauer eingebogen, wie noch zu sehen ist. Ich bill auch in einem kleinen 4eckigen Gebäude gewesen, welches man Raschi-Schul heißt, worin der" hochgelehrte Mann Rasch! seinen Gottesdienst gethan; auch ist hierin ein ans Stein gehauener Stuhl, Hab' aus den Stuhl mich niedcrgcsctzt, um zn sagen, daß ich bin ans dem Stuhl von Raschi gesessen. Man sieht hie tiefe Höhlen, worin sich die Menschen nicht tränen, herein zu gehe», wegen der Unsicherheit,