Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 81 (19.10.1885)
- Date
- 1885-10-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ist die wahrhaft eisige Todestaltc gegen die erhabensten Hciligthümcr nnserer Religion, es ist die geradezu bodenlose Unwissenheit in den Vorschriften der Lehre und in der Geschichte des eigenen Volke». Jeder blondgelockte Sekundaner, der von seinem Lehrer nicht mehr geduzt wird, hat sich von dem „albernen Zeug" und „faulen Zauber", der Eeremonien und Glaubenssatznngen stolz „cmancipirt", und glaubt die „Naivität der Talmudisten" mitleidig belächeln zu müssen, jeder bartlose Student, der den Namen Spinoza» einmal vernommen, hat sich über die Begriffe Gottheit, Auferstehung, Unsterblichkeit „sein" Ürtheil gebildet; die Kenntnis; der jüdischen Geschichte ist ein Zeichen von Unbildung, eine Unterhaltung über die jüdische Lehre und dergleichen gehört nicht zum guten Ton. Von 100 Abiturienten wird mau keine 10 finden, die nicht die Ausübung religiöser Vorschriften als lästigen Ballast „über Bord geworfen." Die jüngst berichtete Thatsache, dass siebe n jüdische Gymnasiasten am Versöhnnngstagc ihr Examen absolvirt, ohne um Verlegung des Termines zu bitten, ist nur ein verschwindend kleiner Punkt in diesem trüben Gemälde. Diese entsetzlichen Zustände haben neben einer gewissenlosen, verderblichen Erziehung die nichtjüdischcn Gymnasien verschuldet! Und cs ist ja natürlich. Während die christlichen Schüler wenigstens einen regelmässigen, gesunden Religionsunterricht geniesten, wird den jüdischen Schülern löffelweise eine krankhafte Nahrung gereicht, welche den seltsamen Namen „Religionsunterricht" führt. Ein solcher „Rcligionslehrcr", dessen Namen wir eventuell zu nennen bereit sind, sagte jüngst zu seinen Zöglingen: „Das Schreiben am Sonnabend ist gar nicht verboten; Ihr könnt ganz ruhig schreiben!" Den Eltern erscheint dieser Unterricht in jeder Beziehung vollauf genügend, und wenn das Kind, dessen zarte Nerven nicht überanstrengt werden sollen, noch den hebräischen Segensspruch bei der „Eonfirmirnng" kennt, so hat cs genug Religion „getrieben" und Gott gegeben, was Gottes ist. Die beschämende Unwissenheit der jüdischen Abiturienten in ihrer eigenen Geschichte ist sattsam bekannt, und mit Recht rief vor etwa drei Jahren Gehcimrath Dr. Kl ix einem jüdischen Examinanden, der die 10 Gebote nicht wußte, unter dem nur allzu begründeten Beifall der christlichen Lehrer höhnisch die Worte zu: „Sie kennen nicht die 10 Gebote und wollen Mitglied des Volkes heißen, welches sich das auserwählte nennt?" Ja, cs ist schmachvoll, aber wahr, was erst unlängst ein Berliner Gymnasialdirektor zum Schreiber dieser Zeilen sagte: „Sie werden doch etwa nicht die unbestrittene Thatsache bezweifeln, daß die christlichen Schüler die Bibel und die jüd. Geschichte hundertmal besser kennen, als die Israeliten!" Zu dieser groben Unwissenheit gesellt sich dann eine beispiellose Gleichgiltigkeit und Abstumpfung gegen alles Religiöse, ein: spöttelnde Verachtung alles spezifisch Jüdischen und der völlige Mangel jedes sittlichen Ernstes, ebenfalls Erzeugnisse der nichtjüdischcn Gymnasien. Und diese Generation soll einst das Erbe der Väter wcitcrführcn und cs verfechten in der Stunde der Gefahr, dicscGcncration soll einst Rede stehen den Feinden und Verleumdern unseres Glaubens nnd den Kampf anfnchmcn für das thcncrste Gut!! Wahrlich, kein denkender Mensch wird die große Gefahr verkennen, cs eröffnet sich da unserem Auge ein Abgrund, von dem wir mit Schaudern zurücktrcten. Das cetenim censceo ist nnd bleibt das j üd is ch e G y m n a sin m! Man wird lächeln, selbst in unserem Lager lächeln, man wird den Kopf schütteln und sagen: Die Schwierigkeiten sind zu groß nnd zu zahlreich; cs ist nicht möglich." Warum in alter Welt sollte cs nicht möglich sein? Im Jahrhundert der Jndenhetzen nnd Massenausweisungen ist überhaupt nichts mehr unmöglich! Den Einwand, daß die jüdischen Gymnasien die sog. Exclnsivität, die Abschliestuug der Israeliten von Andersgläubigen erhöhen würde, haben wir schon oben als unhaltbar zurückgewiesen. Man wird weiter bei den jüdischen Anstalten die Diseiplin nnd die Erfolge der christlichen Schulen vermissen. Gegen diese Befürchtung spricht mit lautem Protest die Frankfurter Mnstcranjtalt. „Ja, aber die jüdischen Eltern werden ihre Kinder nicht, in diese eonfessioncllcn Gymnasien schicken wollen!" -- mögen wieder Andere meinen. Gewiß werden alle jene reichen Barone nnd Finanzgrößen, die bei dem Worte „Jude" beschämt crröthcn, sich hüten, ihre Söhne diese Anstalten besuchen zu lassen; der gesetzestrcue Vater wird, wenn er die Erfolge derselben sieht, glücklich sein, seine Kinder jüdischen Schulen zur Ausbildung auvertraucu zu können. Doch schließlich, der Nervus renn»? Woher die ungeheure Summe* Geldes nehmen, welche die Gründung auch nur eines Gymnasiums erfordert? Allerdings handelt es sich hier nicht darum, für lleberschwemmte und Abgebrannte zu sammeln, auch nicht darum, den Wahlfonds einer" politischen Partei zu vergrößern, oder einem konservativen Staatsmannc ein Ehrengeschenk zu spenden, hier gilt cs nur, die Lehre Israels zu erhalten nnd ihre Bekenner vor religiöser Vernichtung zn retten, aber auch dieser Zweck scheint wichtig genug zu sein, daß wir Gut und Blut fü.r ihn einsetzcn, mit Leib und Seele uns ihm weihen. —