Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-10-15 · Heft 80 (15.10.1885) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 80 (15.10.1885)
Date
1885-10-15
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449577--23050-2512707
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1363 Feuilleton. „Kikiöi Woisc." Eine Skizze von Lyonel Bondy. Kaum Zwei Jahrzehnte sind dahin geflossen, seit die sterblichen Ucberrcste eines Mannes zu Grabe getragen wurden, der wie kein zweiter seines Standes und Glaubens sich einer im Rnmäncnlande soweit verbreiteten Popularität erfreute, und doch ist dieser Mann, wenn auch nicht ganz vergessen worden, so doch stark kn Vergcsienheit gcrathen. . Wir sind fest überzeugt, das; Eilibi Moise, der doch mit Leib und Seele Rumäne war, von seinen Landsleuten nicht so rasch vergessen worden wäre, wenn er durch Zufall statt in einer jüdischen Hütte in einem christlichen Hause das Licht der Welt erblickt hätte. Zur Zeit, da Eilibi Moise ein Liebling des Volkes war, da hatte der Judenhaß tief geschlummert undausgcruht von den begangenen Greuelthaten des vorhergehenden Jahrhunderts, und erst der neuesten Zeit, die auf elektrischen Flügeln der Eivilisation entgegen eilt, blieb cs Vorbehalten, das schlummernde Gespenst wieder zu erwecken, und deshalb hat das rumänische Volk einen seiner besten Söhne rasch vergessen. Eilibi Moise war im Jahre 1815 in Fokschani geboren als Kind bcrnittcltcr Eltern, denen er von zehn Kindern allein am Leben geblieben war. Tie Eltern sorgten zwar für das leibliche Wohl ihres Kindes, überließen cs aber geistig sich selbst, so daß Froim Moise, dies ist sein ursprünglicher Name, mit Ausnahme des Hebräischen, keine Sprache lesen und noch weniger schreiben konnte, und selbst die hebräische Schrift blieb ihm fremd. Froim Moise wurde ein kleiner Kaufmann und als solcher kam er nach Bukarest, wo er einen kleinen Laden hatte; gewöhnlich stand er aber mit seinem Waarenkorbe in der Calca Nahovei, dem alten podnl Ealici, wo sich früher das Tribunal befand und welches seine vorzüglichste Absatzstelle war. Froim Moise war ein kleines, dickes Männchen, mit vollem, rundem Gesichte, einem freundlich blickenden, geistreichen Auge und zeigte weder in seinem Aeußern, noch in seiner Sprache Anklänge an das Judcnthum. Er wurde bald stadtbekannt durch seine geistreichen Einfälle, durch seine immer richtig angewcndctcn Witzwortc und durch seine oft beißenden Satyrcn. Es gab viele Leute, die eigens zu Cilibi Meise (denn so hatte ihn der Volksmund benannt) kaufen gingen, um nur Gelegenheit zu haben, ihn spreche!! zu Horen und mit ihm ein Viertelstündchen verplaudern zu können. Eilibi Moise war aber in kurzer Zeit nicht nur vom Volke geliebt, dem er immer und allerorts half, so daß er trotz guter Verdienste stets ein armer Teufel blieb, auch die höchsten Würdenträger und selbst der Fürst und die Fürstin verkehrten mit ihm und ergötzten sich an der sprudelnden Suada dieses Mannes, der außer dem angebornen Mutterwitze sonst gar keine Bildung genossen. EEibi Moise durfte zu jeder Zeit in das fürstliche Palais eintretcn; einst wettete mit ihm ein Bojar, das; cs ihm nicht gelingen werde, um 6 Uhr früh bei der Fürstin Einlaß zu sindcn. Eilibi Moise, der die Gewohnheiten der damaligen Fürstin „Helena Enza" genau kannte und wußte, wie zeitig diese immer thätige Fürstin das Lager verließ, nahm die Wette au und ließ sich den nächstfolgenden Tag im Palais melden. Der dicusthabcndc Offizier lachte über die Zumuthnug Eilibi Moiscs, den er übrigens kannte, meldete ihn aber dessenungeachtet der Fürstin. Diese empfing wirklich den Juden und fragte ihn erstaunt, was ihn so zeitig zn ihr führe. „Tu weißt," sagte der Jude, — Eilibi Moise nannte Groß und Klein, Arm und Reich nur „Tu" — „das; jetzt Ziehzcit ist und das; ich ein armer Teufel bin; da nun ein Bojar um einen bedeutenden Betrag mit mir gewettet, daß ich bei dir um <; Uhr Morgens keinen Einlaß finde, so wagte ich cs in Anbetracht meiner Roth. Ich habe, meinte Eilibi Moise weiter, zwar zwei Häuser, das Eine, wo ich jetzt wohne und wo man mich nicht hinausläßt und das Andere, wo ich einzichen will und man mich nicht hkncinläßt, aber gerade deshalb brauche ich das Geld." Die Fürstin lachte herzlich über die beiden Häuser Moiscs und verabschiedete ihn, nicht ohne lhu vorher beschenkt zu haben. Bon der sprichwörtlichen Gutherzigkeit Eilibi Moiscs gibt folgender Fall ein sprechendes Zeugnis;. Ein armer Bauer, der seine halbnackten Knaben an der Hand hielt, weinte jämmerlich in der Nähe des Standortes Eilibi Moiscs, denn seine einzige Kuh kam gerade unter den Hammer. Eilibi Moise verließ seinen Korb und seine Waareu, näherte sich dem die Kuh feilbictendcn Scrganten und sprach: ..tuet mai prosiule, iti •/>,!” Dann befragte er den Portarci um die Ursache der Beschlagnahme und erfuhr, das; der Bauer 150 Lei (vcchi) dein Staate schulde, und das; deßhalb seine Kuh verkauft werde. Der arme Bauer brach jetzt in heftiges Schluchzen aus und klagte dem Eilibi Moise, daß er, falls ihm die Kuh, sein einziges Hab und Gut, verkauft werde, Hungers sterben müsse. Eilibi Moise antwortete nichts, er nahm ein Sacktuch aus der Tasche, breitete cs ans, und legte zwei Jermelika 14 i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.