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Der Israelit · 1885-10-15 · Heft 80 (15.10.1885) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 80 (15.10.1885)
Date
1885-10-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1362 durch Gründung eines solchen Vereins zn begünstigen; Amerika sei mit Arbeitskräften überfüllt. Man kann diesen Ansichten eigentlich nicht so scharf widersprechen, wenngleich die hiesige zeitweilige Geschäftsstille für die armen Glaubensgenossen in Rußland, Rumänien n. s. w. immer noch besser ist, wie die unglückliche Hcimath. Allein es wird ja auch hier wieder besser, und der neue Verein wird hoffentlich recht viel Gutes erzielen, ohne daß die schon hier Weilenden Schaden davon haben. Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, das; hier spccielle rnssichjndische Arbeitervereine existiren, die recht kräftig ihre Interessen zu wahren verstehen. Zeiittugsnachrichteu und Correfporrdcuzeu. Deutschland. Berlin. Am Stammtisch einer Brauerei in der Brnnnenstraße saß am 11. Juli Abends ein Kaufmann jüdischer Konfession, zu dem sich ein Polizei-Lieutenant in Uniform gesellte, worauf später noch ein anderer ftaufimimi am Tische Platz nahm. Das Gespräch kain auf den Stöckcrproceß. Der liberale christliche Kaufmann meinte, die Sache mit den 200Q Mark sei doch nicht gehörig aufgeklärt, und der jüdische Kaufmann änßertc, daß Stöcker, wie selbst das Gericht annahm, einen fahrlässigen Eid geleistet habe. Hierüber entrüstet, cntgcgnete der Polizei-Lieutenant: „Das sagen die Inden und das kann nur ein dummer Junge sagen." Am Sonnabend Vormittag stand vor der Abtheilnng 97/08 des Schöffengerichts diescrhalb Termin an. Der Polizci-Lentenant erklärte, daß er ein treuer Anhänger und ein Verehrer Stöckers sei, daß er deßhalb, besonders, da er in Uniform war und sich als .Hilfsbeamten der Staatsanwaltschaft betrachte, es für geboten hielt, gegen solche Aenßernngen des Klägers ernstlich Front zu machen, da er als guter Eouservativer auch die Interessen der Regierung mit zu wahren sich verpflichtet fühle. Der klägerische Anwalt theilt unter Anderm in seinem Plaidoyer mit, daß der Polizei-Lieutenant von der Acnßernng des . Klägers Herrn Hofpredigcr Stöcker Mitthcilnng machte, daß dieser den Klager auch vor den SchiedSmann forderte, dann aber nicht zum Termin erschien, wohl aber später den Kläger wissen ließ, daß er seine Klage zurücknehmc» wolle, falls Kläger die seine gegen den.Herrn Polizcilieutcnant zurücknehmc. Kläger ist hierauf nicht cingegangen, sondern wünschte, daß Herr Hofprediger Stöcker ihn verklage, damit endlich gerichtlich die Frage entschieden werde, ob der Herr Hofprediger den Eid fahrlässig geleistet habe oder nicht und ob es demnach beleidigend sei, dies zu äußern. Der Gerichtshof erkannte wider den Polizeilieutenant auf Schuldig wegen gröblicher Beleidigung des .Klägers und vernrtheilte denselben zu 30 M. Geldbuße event. für je 5 Mk. einen Tag Gefangniß. Ter Amtsrichter Koffka als Vorsitzender führte in den Urtheilsgründen als erschwerend an, daß der Polizeilicntenant in Uniform war und einen ruhigen Bürger, der seine Ansicht über eine Tagesfrage aussprach, gröblich beleidigte. Von Politik war hier keine Rede, die Erörterungen über den Proceß Stöcker, speciell über die Frage der 2009 Mark, haben durchaus nichts mit Politik zu thnn, und es figurire hier der Hofprediger Stöcker durchaus nicht als eine politische Persönlichkeit; als mildernd für den Verurthcilten nahm der Gerichtshof nur an, daß sich derselbe als Gesinnungsgenosse und Freund des Stöcker beleidigt fühlte. England. London. Vor Kurzem starb dahier Lord Shaftcsbnrv, eine in allen englischen Kreisen wohlbekannte und angesehene Persönlichkeit. Seine Hauptanfmerksainkeit richtete sich auf die arme Bevölkerung Londons, für die er ein wahrer Wohlthäter gewesen. Wenn er auch einerseits als Präsident der englischen Missionsgesellschaft dem Jndcnthum in gewisser Beziehung feindlich entgegen zu treten schien, so muß cs doch andererseits anerkannt werden, daß er als warmer Menschenfreund in allen gegebenen Fällen entschieden für die unterdrückten Juden eiugctretcn ist: seine Thätigkeit zu Gunsten der verfolgten russischen Juden sichert ihm auch in jüdischen Kreisen ein ehrendes Andenken. Die isr. Gcureinde zu Ramsgate bestrebt sich das Andenken des unvergeßlichen Sir Moses Montefiore dadurch zu ehren, daß sie ihre religiösen Anordnungen ganz in dessen Sinne zu treffen sich bemüht. Montesiore ernstes Bestreben war cs gewesen, die zwischen Sephardim und Aschkenasim bestehenden Vornrtheile und Unterschiede zu beseitigen. Am jüngsten rmn nnct? hat die sephardische Gemeinde - in Ramsgate einem Aschkenasi, Herrn David L. Alexander die Ehre, als rrrN-a;nn zu fungiren, übertragen, in sephardischcn Kreisen ein Ereigniß, das in dieser Gemeinde erst zum zweitenmale vorgekommen ist. Ramsgate. Vorige Woche wurde die Einrichtung mib Bibliothek des verstorbenen Sir Montesiore versteigert. Für einen alten, ziemlich zerbrechlichen Sessel, der von Sir Moses oft benutzt worden sein soll, wurde 330 Mark erzielt.

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