Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 80 (15.10.1885)
- Date
- 1885-10-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449503-2449577--23045-2512702- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1358 in welchem die Physiognomie der hauptstädtischen Straßen und Gassen am Neujahrsfest geschildert wird. Unter Anderem heißt cö in demselben: „Die Ticnstmänner, diese volksthümlichen Gestalten unserer Hauptstadt, von denen sonst unsere Straßen und Gassen wimmeln, sie sind nicht mehr da. Sie sind nicht gestorben, im Gegcntheil, sie sind auferstanden und haben ihre ursprüngliche Gestalt wieder angenommen. Heute ist er kein Dienstmann. sondern — Jude. (Sfr fühlt, daß er Mensch ist und legt seine Dicnstklcidcr ab, in feierlichem Gewand, seine Frau an der Seite und seine Kinder vor sich, eilte er in die Synagoge, denn heute ist das Neujahrsfest, das jeder Jude mit Andacht feiert. „Die geschlossenen Geschäfte, der matte Verkehr, die tobte Börse belehrt uns wieder einmal, daß der Jude der Sauerteig ist in dem schwerfälligen Teig der christlichen Elaste. Der größte Theil der Inden kehrt eifrig zu seinem Gott zurück, umso eifriger, je toller der Antisemitismus wüthet." In diesen wenigen Zeilen ist die größte Wichtigkeit und die Unentbehrlichkeit des jüdischen Stammes deutlich ausgedrückt und uns freut es doppelt, daß die strikte Einhaltung des hohen Feiertags durch die hauptstädtischen Juden hierzu die Veranlassung bot. Feuilleton. Äci-abiMirl. Erzählung von Friedrich Rott. VI. Herr Kornfeld war recht unauaenehm überrascht, als er Mittags nach Hause kam und den Sohn nicht antraf und als dieser auch bei Tische sich nicht einfand. Daß er zu seiner Braut gegangen war, nachdem er doch selbst zugegeben hatte, daß er ihr entsagen müsse, das berührte ihn gleichfalls unangenehm. — Freilich, Eduard war vielleicht nur, zu ihr gegangen, um sic auf den unvermeidlichen Bruch vorznbcreitcn — doch er hätte das nicht persönlich Lhun sollen, brieflich wäre das weit besser gewesen. — Was da noch Alles erörtert werden würde, wer konnte das wissen. — Freilich, Grund zu wirklicher Besorgniß war nicht vorhanden. Eduard war klug und besonnen, und er hatte Hilfe gelobt, hatte geschworen bei dem Leben seiner Mutter. Aber Frän von Kleefeld wartete auf Antwort. Er hatte Eduard versprochen, erst in den Nachmittagsstundcn ihr diese zu überbringen, doch nun war cs Nachmittags und Eduard war nicht daheim, hatte seinen cndgiltigen Entschluß noch nicht ausgesprochen. — Freilich, in gewissem Sinne, hatte er allerdings bereits seinen Entschluß ausgesprochen. Er hatte geschworen, daß er helfen werde, da aber Hilfe in anderer Weise nicht zu schaffen möglich, konnte man wohl mit Bestimmtheit annehmen, daß er zn der Verbindung mit Frau von Kleefeld entschlossen war. Dennoch war seine Abwesenheit dem Vater peinlich. Er wartete und wartete so lange er konnte, doch nach drei Uhr mußte er wieder in's Bureau. Ehe er fortging, schrieb er Frau von Kleefeld eine Karte, sic möge ihn Abends erwarten, er hoffe ihr gute Nachricht zn überbringen. Denn Abends mußte die Verlobung vollzogen werden, um jeden Preis, wenn auch nur im engsten Familienkreise. Ob er seiner Frau mitthcilen sollte, daß Eduard am Abend sich verloben werde? — Es mußte sie verletzen, wenn eure Angelegenheit von solcher Wichtigkeit nicht nur ohne ihre Zustimmung, sondern sogar ohne ihr Vorwissen stattfindcn würde. — Aber Frau Kornfeld war zu wenig materiell gesinnt, wie hatte sie doch am gestrigen Tage die Mittheilniig ihres Gatten, daß Eduard eine Reichere wählen müsse, so unvernünftig entgegengenommen. — Sie wäre am Ende im Stande, den Sohn noch im letzten Moment zum Wanken zn bringen. Dem mußte vorgcbeugt werden. — So ungern er sie verletzte, er konnte ihr das Bevorstehende nicht mitthcilen, sie mußte es bereits als fait accompli erfahren. Er schob das Bittet an Frau von Kleefeld in die Brusttasche, um cs im Vorübergehen in den nächsten Postkasten zu werfen, griff nach Hut und Stock, grüßte Frau und Kinder und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen; an der Thür wandte er sich jedoch nochmals zurück und ersuchte seine Frau, wenn Eduard nach Hause komme, ihm mitzutheilen, daß er ihn erwarten möge, er hoffe auch etwas früher als gewöhnlich heimzukommen. Er grüßte nochmals und entfernte sich. Frau Kornfeld blickte auf die Uhr. „Drei Uhr vorüber. Wo Eduard nur so lange bleibt." „Ich denke, das wissen wir, Mama," entgegnete ihre Tochter, ein junges Mädchen von ungefähr 16 Jahren. „Eduard ist bei Adele, da Papa ihn bei Ochlcr für heute entschuldigt hat, so wird er wohl den Tag über draußen bleiben. Zur Feier seines Geburtstages," fügte sie lächelnd hmzu. »Ich gönne es ihm von. Herzen," erwiderte