Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 80 (15.10.1885)
- Date
- 1885-10-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1356 Stelle ihrer Sticheleien sehr nnangenehme Debatten über das Verbot des Schreibens, über Dispense und andere Dinge der Religion, über die der kritische Herr Lehrer zu Gericht sitzt, ja, Schreiber dieser Zeilen hatte als Primaner das zweifelhafte und recht einseitige Vergnügen, jeden Sonnabend halbstündige balachische Diskussion über Talmud und Schulchan Arnch mit dem verehrten Herrn Dircctor führen zu müffen. Doch wie gesagt/diese feineren und jene gröberen Beleidigungen unserer religiösen Gefühle sind noch das kleinste Nebel. Wer seine Glanbcnsprobe treu erfüllen will, der muß sich Witz und Hohn oder in welcher Erscheinung diese Nadelstiche auftreten mögen, gefallen lassen, der Weg des Glaubens führt über Steingeröll und Dornengestrüpp, und das Bewußtsein der frommen That wird den Schülern leicht über die bedauerlichen Acußernngcn einer verftäudnißlosen Intoleranz hinwcgheben. Nicht minder bedauerlich, ja geradezu gefahrbringend sind die Angriffe, welche auf nichtjüdischen Gymnasien den gefetzestrcueu Schülern — es ist traurig, aber wahr — von Seiten ihrer eigenen Glaubensgenossen drohen. Es ist ja in der menschlichen Natur begründet, daß man sich von einem begangenen Unrecht dadurch reinzuwaschcn sucht, daß man sich selbst belügt, daß man das Unrecht als harmloses Vergnügen hinstellt, und Andershandelnde noch anschwärzt. Gerade so sind meist diejenigen Schüler, die ohne Herzensklopfen den Sabbat entweihen und frohen Muths am Passahfcste ihr Butterbrod mitbringcn, die Denunzianten, welche die religiösen Mitschüler lächerlich zu machen suchen, ihren frommen Wandel, wetteifernd mit gewissen Lehrern, laut verhöhnen, ihr unentwegtes Festhalten an Lehre und Gesetz für „Unsinn" erklären. Auf IO Schüler kommt im günstigsten Falle einer, der am Sonnabend nicht schreibt; das hiesige Sophiengymnasium, die vornehmlich von Juden besuchte Anstalt Berlins, zählt von ca. 650 Schülern etwa 280 Juden, und von diesen schreiben' 25—30 am Sabbat nicht. Anderswo sieht es noch weit schlimmer aus. Ist es da ein Wunder, daß der religiöse Schüler eine wenig bcncidcnswcrthe Ausnahmestellung cinnimmt? . Ist cs da ein Wunder, wenn er, von keiner Seite gestützt oder auch nur verstanden, als überspannter Spitzkopf oder als hartnäckiger Trotzkopf gilt? Ist cs schließlich ein Wunder, wenn in-die zarte Kindcsseele der Keim des alles zernagenden Zweifels sich senkt, wenn das schwanke Rohr vom Sturme geknickt wird? I Aber auch diese Bedenken, obwohl schwerwiegend genug, würden noch nicht so zwingend auf die Gründung jüdischer Gymnasien Hinweisen, wenn durch die nichtjüdischen Anstalten nicht eine der Hanptsänlcn, ans denen unser Rcligionsgebäude ruht, heftig erschüttert würde: Die im Judenthume so hochheilige Sabbatruhe. Wenn auch das jüdische Gesetz den Besuch der profanen Unterrichtsanftaltcn am Sabbat nicht ausdrücklich verbietet, so wird doch Niemand leugnen wollen, daß gerade dieser Besuch den Schülern nicht allein die Ruhe zum größten Thcil raubt, sondern ihnen auch die Theilnahme am öffentlichen Gottesdienste unmöglich macht, und die andachtsvolle, religiöse Stimmung, ohne welche ein wahrhaftes Begehen des Sabbats nicht denkbar ist, ihnen absolut entzieht. Zwar gestattet ein Ministerialrescript einen Dispens vom Schulbesuche am Sabbat, aber unter Ablehnung jeder Verantwortung „für die daraus erwachsenden Nachtheile." Von hundert Schülern würde, wenn nicht außergewöhnliche Geistesanlagen vorliegcn oder kostbarer Privatunterricht nachhilft, kaum ein einziger rechtzeitig das Ziel erreichen. Gut, mögen sie denn die Sadbatrnhe einbüßen und den Gottesdienst versäumen, mögen sie die Schule besuchen, um ja keinen Anlaß zur Klage zu geben: Da stellt sich ihnen von der dritten Vorschulklasse an bis in die Oberprima hinauf als drohendes Schreckgespenst das Schreiben am Sonnabend entgegen. Schon in den untersten Abthcilungen beginnen die Mittel und Mittelchcn in Aktion zu treten, um den religiösen Schüler zur Ucbertretung heiliger Rcligionsvörschriftcn zu verleiten. Wenn ihn die Sirenenklänge nicht in den Abgrund hinabziehen, so wird er zwischen Scylla und Eharybdis getrieben, eine schwarze Schilderung der entstehenden Nachtheile soll ihn erweichen, eine witzrciche Kritik des bctr. Sabbatgcsetzes ihn bewegen. Nützt Alles nichts, dann wird die schriftliche Arbeit ans den Sonnabend gelegt, der Lehrer erklärt in der Eonfcrcnz den Schüler in seinem Fache, und zwar mit Recht, für unreif, der Knabe bleibt sitzen. Und, wenn er sich mit Noth durch die vielen Krümmungen hindurchgewundcn hat und nach neunjährigem Mühen an das Abiturienten-. Examen herantritt, welches ihn in eine freiere Luft hinübcrsührcn soll, da erscheint die letzte und schwerste Versuchung in der Gestalt einer Ministerialverfügung: „Auf die jüdischen Schüler braucht keine Rücksicht genommen zu werden!" Was.Worte verlieren, wo Thaten reden! „Die deutschen Schulen sind christlich; die Minorität muß sich nach uns richten." Das ist das Schlagwort der Judenfeinde und auch die Parole vieler Direktoren und Lehrer. Und die