Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 79 (12.10.1885)
- Date
- 1885-10-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1341 Oesterr. - unga r. Monarchie. Lemberg, Die „Wiener Alliance" richtet ihre Aufmerksamkeit auf die Heranziehung der galz. isr. Jugend zum Handwerk und Ackerbau. Einem Berichte ihres Vereins-Sekretärs, der eine mehrwöchentliche Studienreise nach Galizien unternommen, entnehmen wir folgende diesbezügliche Mittheilungen: „Es ist bisher für die Hebung des jüdischen Handwerkerstandes in Galizien soviel wie nichts geschehen, während der christliche an allen Enden und Ecken florirt. — Was nützt cs uns da, daß wir znr Docnmentirung unseres warmen Eifers für die Schöpfung eines würdigen jüdischen Handwerkerstandes in Galizien der Bernftcinstiftnng eine jährliche Subvention von fl. 2500 znr Aufnahme von 25 Zöglingen bewilligten? Diese 25 Zöglinge wurden mühselig herbcigcschafft und wieder bei jüdischen Handwerkern untcrgebracht. Ich will gerne zugeben, daß dieselben, dadurch, daß ihnen in der für sie creirtcn Abendschule der Gcwcrbeschnluntcrricht ertheilt wird, in theoretischer Beziehung ihre Vorgänger überflügeln werden; in praktischer werden sic unter den obwaltenden Verhältnissen ihren christlichen College» nimmer gewachsen sein. „Soll aber der jüdische Handwerkerstand gründlich gehoben werden, so thut vor Allem, so lange die christlichen, in vorzüglichen Werkstätten hcrangcbildeten Meister jüdische Zöglinge nicht aufnehmen wollen, die Errichtung vorerst wenigstens einer eigenen, mehrere Werkstätten umfassenden Handwcrkerschulc für jüdische Zöglinge dringend noth. „Für christliche Lehrlinge, allerdings zunächst für Waisenkinder, ist in dieser Richtung durch die Handwerkerschule in Drohowize (bei Mikolajow) auf das Allervortrefflichste gesorgt. Ich habe es mir angelegen sein lasten, diese in einem großartigen Parke befindliche, in einem eigens für diese Zwecke anfgeführten, wahrhaft monumentalen Gebäude untcrgcbrachte Anstalt aus eigener Anschauung kennen zu lernen, und habe mich in Begleitung der Herren Diamand und Nierenstein von Lemberg dahin begeben. Ich muß gestehen, daß mich der Anblick dieser tadellos geleiteten Musteranstalt, mit ihren prachtvollen Handwerkstättcn und den sauber arbeitenden und geistig gntgepflegtcn Zöglingen, mit ebensoviel Freude, als mich der Gedanke, daß eine jüdische Jugend hier ausgeschlossen, ohne daß anderweitig für sie vorgesorgt wäre, mit tiefster Wehmuth erfüllte! „Aus dem wenigen hier Mitgetheilten ergibt sich schon znr Genüge, wie dringend geboten die Crcirung einer Handwcrkschulc für jüdische Zöglinge in Galizien erscheint, um den gänzlichen Ruin des jüdischen Handwerkerstandes dieses Landes zu verhüten. Die Sache ist nicht so schwierig, als es den Anschein hat. Die Anstalt müßte nach dem Muster der Skarbck'schcn, freilich in viel kleinerem und einfacherem Maßstabe eingerichtet werden. Man braucht vorerst nur mit den vier in Galizien wichtigsten, von Inden nur wenig oder schlecht gchandhabten Gewerben des Schmiede-, Wagner-, Schlosser- und Tischlerhandwcrkcs zu beginnen, ein Internat für 50—100 Zöglinge cinzurichtcn und externen zahlungsfähigen Aufnahme zu gestatten. Die jährl. Kosten für lOO vollständig zu erhaltende Kinder werden sich, nach dem mir von dem Ingenieur Herrn Birnbaum, Dircctor in Stanislau, gemachten Kostenüberschlag auf ca. fl. 160O0—18O0O belaufen, welche sich später bei Berwerthnng der reproducirten Waaren stark vermindern würden. Fände sich überhaupt ein jüdischer Skarbek, der für seine unglücklichen galizischen Glaubensgenossen eine hochherzige Stiftung zur Gründung einer Handwcrkcrschule machen würde, er würde sich ein unsterbliches Verdienst erwerben nnd cs könnte unverzüglich mit der Schöpfung begonnen werden. Ein weiterer Punkt unseres Actionsprogramms für Galizien bildet die Zuführung der jüdischen Jugend zum Ackerbau, was so zu verstehen ist, daß dieselbe zu veritablen Bauern, ausgerüstet mit der nöthigen Volksschulbildung, hcrangebildct werden. Gelingt uns dieses, so werden wir nicht nur im Laufe der Zeit einen arbeitsamen jüdischen Bauernstand schassen, sondern auch den großen Massen der bislang in Müssiggang verderbenden und durch die drückende Noth auf die Bahnen des Lasters gedrängten Jugend neue Erwerbsquellen eröffnen. _ Ich habe auf meiner diesjährigen Reise mein Hauptaugenmerk diesem Gegenstände gewidmet 'und denselben, wohin ich kam, in Anregung gebracht. Meine in Galizien gewonnenen Erfahrungen sagten mir jedoch, daß wir dieses angestrebte Ziel nur dann erreichen werden, wenn cs uns gelingt die jüdischen Grundbesitzer und Pächter dieses Landes dafür zu gewinnen, daß sie Knaben im Alter von 15 Jahren aufwärts in Gruppen von etwa je 0—10 anfncbmen, um sie z» tüchtigen Fcldarbeitern hcranzubilden. Unser bewährtes Mitglied Herr Diamand in Lemberg, hat mich auch in dieser Richtung auf das Kräftigste unterstützt. Seiner Vermittlung ist die Gewinnung des Herrn Kimmelmann, eines der einflußreichsten und begütertsten jüdischen Grundbesitzer des galizischen Podolien zu verdanken,