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Der Israelit · 1885-10-08 · Heft 78 (8.10.1885) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 78 (8.10.1885)
Date
1885-10-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1323 nicht jedem halbwegs gläubigen Juden die Schamröthe ins Gesicht jagen? Ja, die Stimmung gegen diese zwcckverfchlcnde Institution wächst zusehends im ganzen Württcmberger Lande, so daß wir nächstens in unsere Gebete die inbrünstige Bitte einflechtcn werden: „Herr, erlöse uns vom Oberkirchenrath!" Berlin, 27. Sept. Die Verabschiedung, welche die Führer der judenfeindlichen Bewegung von der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" erhalten haben, beschäftigt noch immer die öffentliche Meinung im hohen Grade. Kurz nach dem ersten Wasscrstrahle hatten Stöcker und Wagner eine große Volksversammlung abgehaltcn, in der sie sich bitter über die Undankbarkeit der Regierung beklagten und wobei zumal Prof. Wagner die Hoffnung aussprach, daß der Beifall der Oppositions- Presse die Nordd. Allg. Zeitung stutzig machen werde. Diese Hoffnung hat sich nicht verwirklicht. Das offiziöse Blatt beschäftigt sich in seiner Mittwochnummer abermals in einem langen Leitartikel mit der Judenhetze und den Herren Stöcker und Wagner. Ausdrücklich verwehrt sich das Blatt dagegen, daß cs ihm mit seinen Ausführungen nur um ein Wahlmauöver zu thun gewesen und wiederum betont das Regierungsorgan die völlige Ziellosigkeit des Antisemitismus, indem es schreibt: „Die staatsbürgerlichen Rechte der Inden sollen nach Herrn Stöcker durch den von den Christlich- Sozialen betriebenen Antisemitismus nicht in Frage gestellt sein, er will nur etwas mehr Toleranz, etwas mehr Bescheidenheit von den Juden gefordert haben. Wenn er sich dabei zur Begründung dieser Forderung auf den schamlosen, die Generalsynode beleidigenden Ausspruch eines hiesigen Blattes beruft, so wird cs gewiß keinem anständigen Menschen, er mag angehören welchem Glaubensbekenntnisse er wolle, cinfallen, jenes gehässige Wort auch nur beschönigen zu wollen. Aber, darf mau andererseits wohl fragen, drehte sich nicht die als Hauptagitationsobjekt speziell der Christlich-Sozialen „nutzbar verwendete" Eidesweigerung eiueshiesigenGeistlichen um staatsbürgerliche Rechte? Dann aber eine andere Seite der Sache: was haben die von Herrn Stöcker im Antisemitismus hauptsächlich bekämpften „Geschäftsgcwohnheiten" der Juden, was die von ihnen geforderte größere Toleranz und Bescheidenheit damit zu tun, daß man gclegcnllich mit Fingern auf einzelne z. B. reiche Juden zeigt, die in der Siegesallee spazieren fahren, daß man körperliche und sprachliche Eigenthümlichkeitcn mancher oder unseretwegen auch vieler Juden verspottet; daß in Versammlungen auf die vom Redner stereotyp wiederholte Frage: „Wer hat das gcthan?", der Chorus antwortet: „Die Inden!" Ist diese Art der antisemitischen Agitation den Christlich-Sozialen ganz fern geblieben?" Milde, wie diese Kritik immerhin ist, zeichnet sic doch, wie die „Volks-Ztg." bemerkt, sehr richtig die demagogische Hetze des ehrenfesten Hofpredigers. Wir brauchen nicht näher darauf cinzugchn; bis zum llcberdrnß ist dies Thema in dem Theil der Presse behandelt, der nicht erst eines siebenjährigen Schlafes bedurfte, um die Verwerflichkeit jenes demagogischen Treibens zu erkennen und dagegen auszutretcn, ob er gleich dafür als „Jndenpresse" abgcstcmpelt und mit dem ganzen Schmutz der antisemitischen Agitation beworfen wurde. Ob nun wohl auch die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" als „Judcublatt", ihre Rcdacteure als „Judenknechte" in Acht und Baun gcthan werden? Ob man öffentlich vor ihr warnen wird? Ob man auf offener Straße rothc Zettel in die Hand gedrückt erhalten wird, welche die Aufforderung: „Schafft die Judcnblättcr aus dem Hause!" an die Leser der „Norddeutschen Allgemeinen Zcittmg" richten? Auch die Negierung ist nicht ohne Schuld an der Bewegung. Wir könnten der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" einen Spiegel Vorhalten, der dem sehr ähnlich sicht, in welchem sie heute Herrn Sröcker's Antlitz auffängt. Indes; es ist ja immcrhin ein wesentlicher Fortschritt, daß das demagogische Treiben der Stöcker und Wagner der Regierung unbequem geworden ist, und daß sie sich die Gesellschaft vcn den Rockschößcn schüttelt. Cs war wahrlich hohe Zeit, das; die Wagner und Stöcker ihren offiziösen Aschicd aus dem Dienste der Regierung erhielten. Soweit die „Volks-Zcitnng". Leider können wir, durch Erfahrungen gewitzigt, nicht durch so optimistische Gläser die Dinge betrachten und in die Zukunft schauen. Wenn auch zweifellos die Herren von der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" nicht den brutalen Antisemitismus eines Pickcnbach und Consortcn verfolgen, so ist diese so plötzlich auftauchcnde Liebe des Rcgienmgsblattcs gleichwohl eine periodische Erscheinung, ein hclllcnchtcndcr Hoffnnngsstern, der alle drei Jahre einmal vor den Wahlen aufgeht, um nach „gethancr Schuldigkeit" wieder in den Wcltcnraum zu entschwinden und zu den unsichtbaren Körpern sich zu gesellen. Unsere Glaubensgenossen werden wissen, wem sie am Tage der Wahl ihre Stimme zu geben haben, unbeirrt von den süßen Schmeicheltönen der Conservativcu oder den rohen Hetzansbrüchen fanatischer Demagogen. dl.

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