Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 77 (5.10.1885)
- Date
- 1885-10-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1310 — Der alte Gomverz war damals 106 Jahre alt; gewöhnlich saß er rauchend in seinem Lehnstuhl, wobei er, geistig und körperlich frisch, an allem, was um ihn her vorging, regen Anthcil nahm. Man hatte ihm den Besuch des Königs gemeldet, und er erhob sich beim Eintritt des Monarchen. Der König nöthigte ihn, Plag zu behalten und erkundigte sich mit sichtlichem Interesse nach den Privatangelegenheiten und der Gesundheit des alten Mannes, der seinerseits ohne die geringste Befangenheit die an ihn gestellten Fragen beantwortete; sein Pfeifchen behielt er dabei im Munde. „Ich möchte Euch gern ein Andenken hiuterlassen", sagte der König beim Abschied, „erzählt mir doch einmal, was wünscht Ihr Euch?" „Herr König," erwiderte ihm der Alte, „ich danke Euch schön für die gute Absicht, aber ich besitze alles, was ich gebrauche und habe keinen besonderen Wunsch." Dergleichen war dem König noch nicht vorgekommen; erstaunt näherte er sich noch einmal dem ruhig dasitzenden Greise. „Wie, Ihr hättet keinen einzigen Wunsch! Unmöglich — besinnt Euch; kein Sterblicher ist ohne Wunsch." Das Auge des Alten streift das Gefolge des Königs, man sieht ihm an — er hat doch einen Wunsch; aber es dünkt ihn fast zu kühn, ihn anszusprechen. Endlich findet er das erlösende Wort. „Herr König," hebt er stammelnd an, „mein Doktor will, daß ich täglich eine Stunde auf den Festungswällen spazieren gehe. Ans diesem Wege komme ich einige Schritte vor dem Pulverschuppen vorüber; jedesmal ruft mir der Posten schon von Weitem zu „Pfeife weg!" und da ich nur langsam vorwärts komme, so geht mir regelmäßig die Pfeife ans. Wollt Ihr mir eine Gnade erzeigen, so befehlet doch dem Soldaten, der dort auf dem Posten steht, daß er mich weiter rauchen läßt — ganz vorsichtig, nur daß die Pfeife uul)t ansgeht. Rauchen war von jeher mein einziges Vergnügen." — Der König ist starr vor Erstaunen über diese merkwürdige Bitte. — „Das ist also Euer einziger Wunsch?" — „Ja, Herr König, ich wäre glücklich, wenn Ihr ihn erfüllen möchtet!" — Seit jenem Tage durfte der alte Gompcrz auf seinem Spaziergang unbehindert rauchen. Er hat diese Vergünstigung noch zwei Jahre genossen und ist dann im Alter von 108 Jahren sanft und selig gestorben, die Pfeife neben seinem Bette. (Jsr. Wochenschr.) Breslau, im September. Nachdem der Besuch des bisherigen man tva durch verschiedene Hemmnisse unmöglich gcnracht worden, traten mehrere Männer zusammen, einem Bedürfnisse, welches zur Erhaltung und Belebung jüdisch-religiösen Wissens sich fühlbar gemacht hat, abzuhelfen und gründeten einen „talmudischen Lehr - Verein rron *nr£n", welcher zum Zweck hat, jüdisches Wissen unter unseren Glaubensgenopcn zu verbreiten; fleißige und befähigte Schüler für das Studium des Talmud zu gewinnen und sie in demselben zu unterstützen; armen, talmudisch gebildeten Männern mit Geldmitteln, je nach Gutachten des jeweiligen Vorstandes, beiznstehen. Der Verein zählt gegenwärtig 110 Mitglieder, hat sei» eigenes Vereinslokal, in welchem Morgens und Abends gebetet wird, Schüler in jüdischem Willen unterrichtet, und allgemein verständliche talmudische Vorträge gehalten werden. Die Thätigkeit des Vereins erstreckt sich bis jetzt dahin, daß aus Vercinsmitteln bereits 48 Schüler in und *"n unterrichtet werden. Nach dem gegenwärtigen Entwickelungsgange des Vereins läßt sich wohl annehmen, daß die Zahl der Zöglinge, die aus Vereinsmitteln unterrichtet werden sollen, sich mehren wird, und dürfte es geboten erscheinen, eine regere Betheiligung für den Verein herbeizuführen. Rendsburg, 23. September. Sie berichteten unlängst über das Hinscheiden des so überaus wohlthätigen Herrn Samuel Nathan n"y. Am Tage vor dem Versöhnuugsfeste wurde der hiesigen israelitischen Gemeinde ein dreiarmiger silberner Leuchter für dieSynagoge derselben übergeben, welcher nach testamentarischer Verfügung des Verewigten ist augefertigt worden. Zahlreiche Legate ehren sein Andenken für alle Zeiten. 1000 Mark bestimmte er zur Feier seines Jahrzeitstagcs, 1000 Mark zum Besten des hiesigen Friedhofs, 500 Mark zur Anschaffung von Oefen in unserer Synagoge, 300 Mark der Talmud-Thoraschule, deren Vorsteher er viele Jahre war; ferner erhält diese Schule später, nach Ableben eines Seitenverwandten, den sechsten Theil eines Eapitals von 20,000 Mark. Wie sehr sich die ganze Familie Nathan durch Wohlthätigkeit auszeichnet, geht auch aus dem Umstande hervor, daß zwei Brüder des Verewigten, die Herren Mayer und Ludwig Nathau, welche im vorigen Sommer ihren Wohnsitz. nach Kopenhagen verlegten, der hiesigen israelitischen Gemeinde vor vier Wochen 2000 Mark zu einer wohlthätigen Stiftung zum Andenken an ihre Eltern, Jakob Carsten Nathan und Röschen Nathan f. A. übersandten. Schweiz. Aus der Schweiz, 10. Tischri. Ich bin heute in der Lage Ihnen eine freudige Botschaft mittheilen zn können, die in allen Kreisen der ge-