Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 75-76 (22.9.1885)
- Date
- 1885-09-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1278 Feuilleton. Hreyavilitirt. (5rzählilng von Friedrich Rott. I. Herr und Frau Eommerzienrath Wallhcim feierten ihre silberne Hochzeit mit alle dem Glanz und alle dem Pomp, die sic stets bei ihren Festen entfalteten. Die Elite der Stadt zählte zu ihren Gästen. Die lebenden Bilder, von dem ersten Künstler der Stadt arrangirt, waren eben vorüber, und bevor nun das Eoncert begann, lustwandelte die Gesellschaft gruppenweise in dem herrlichen Garten, der die Billa umschloß; in einigen Grotten und Lanbgängcn begegnete man einzelnen Paaren, überall herrschte Heiterkeit und Frohsinn. Auch in dem Pavillon war die Unterhaltung sehr animirt; das Thema derselben bildete die eben bekannt gewordene Verlobung eines liebenden Paares, das durch seltene Energie und Beständigkeit alle ihrer Vereinigung cntgegenstehendcn Hindernisse besiegt hatte. Sie war eines der schönsten Mädchen der Stadt, Tochter einer reichen Patricierfamilie. Er war ein schmucker Lieutenant, dem die Uniform vorzüglich stand, auch edlem Geschlecht entstammt; aber seine Familie war verarmt; er war auf seine Gage beschränkt, und hatte zu wiederholten Malen auch diese verspielt, steckte daher bis über Hals und Kopf in Schulden. Die jungen Leute hatten einander auf einem Balle kennen gelernt, sie tanzten beide vorzüglich; sie waren sofort in Liebe für einander entbrannt und hatten schon nach wenigen Tagen den Bund ihrer Herzen durch Schwüre besiegelt. Allein die prosaischen Eltern des jungen Mädchens hatten den hohen Werth des jungen Mannes nicht cinznsehen vermocht, sie hatten daher, als er um die Hand der Tochter anhiclt, eine entschieden abweisende Antwort ertheilt und ließen sich nicht einmal durch Elvirens flehentliche Bitten erweichen. Da hatten die Liebenden den verzweifelten Entschluß gefaßt, das Leben, das sie. getrennt nicht 31t ertragen vermochten, gemeinschaftlich zu enden. Elvire war bei den Vorbereitungen zu dem grauenhaften Unternehmen von „der Mutter überrascht worden" und diese, dem Aerasten vorznbeugen, hatte auch dem Vater vermocht, seine Einwilligung nicht länger zu versagen, und so war die Verlobung schließlich zu Staude gekommen. Die ganze Stadt nahm Antheil an. dieser Affaire. Einer der jüngern Herren hatte die näheren Dctalls so eben einem aufmerksam lauschenden Auditorium zum Besten gegeben. „Wie interessant I wie rührend!" rief eine der jungen Damen, die wafferblauen Augen schmachtend zum Plafond gerichtet „dergleichen kommt doch bei uns nicht vor, wir Juden sind eben das am wenigsten poetische Volk auf dem weiten Erdennmde." ' „Pardon, hochverehrtes Fräulein!" fiel ein ältlicher Herr mit großen, lebhaften Angen, ihr in's Wort, während cs um seine Mundwinkel sarkastisch zuckte. „Pardon, daß ich es wage, anderer Meinung zu sein. Aber Sie meinen, das jüdische Volk sei das am wenigsten poetische, und doch ist „das Lied der Lieder" echt jüdischen Ursprunges und wenn Sie vielleicht einmal von einem gewissen König David gehört haben. . . ." „Ach, die Psalmen" rief die Dame leicht erröthend „an die hatte ich in der That im Augenblick nicht gedacht; und dann muß ich offen gestehen, die Psalmen sind mir nie so recht wie jüdische Poesie vorgekommen." „Haben Sie die Psalmen denn gelesen, Fräulein Löwenthal?" fragte der erlvähnte Herr mit unverhohlenem Erstaunen. „I, warum nicht gar, Herr Steinhart, was muthcu Sie mir zu!" „Was ich Ihnen zumuthe? hochverehrtes Fräulein, ich rufe sämmtliche Anwesende zu Zeugen, daß ich Ihnen mit Nichten zugemuihet, die Psalmen gelesen zu haben." „Aber Amelie", fiel ein anderes junges Mädchen ein. „Du sagtest doch, daß Dir die Psalmen nie so recht, wie jüdische Poesie vorgckommen, da konnte man doch annehmen, daß Du sie gelesen hast." „Das ist wahr", versetzte Amelie „und dennoch versichere ich, daß ich die Psalmen nie gelesen, sie sind mir eigentlich nur aus der Pension bekannt durch die Miß, die beständig Citate ans den Psalmen im Munde führte. 9hm, wenn sie das in ihrer Muttersprache that, so war die Geschichte nicht so arg, wenn sie aberzuweilen, um sie uns verständlicher zu machen, in's Deutsche übersetzte — das war znm Todtlachen." „Wie oft haben Sie sich todtgelacht, hochverehrtes Fräulein?" Herr Steiuhart stellte diese Frage mit solch unverbrüchlichem Ernst, daß die muntere Gesellschaft in ein helleres Lachen ausbrach; Fräulein Löwenthal selbst lachte mit. Herr Steinhart war der beliebteste Sprachlehrer der Stadt, der nahezu zwei Generattonen der Elite derselben zu seinen SchAcm zählte. Bon Geburt Franzose, sprach er doch das Deutsche ohne jeden Accent, und war bekannt wegen seiner schar-