Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 75-76 (22.9.1885)
- Date
- 1885-09-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1279 feil Zunge, doch nicht deßhalb gefürchtet, denn seine Bemerkungen, so sarkastisch sie sein mochten, verletzten doch selten, und überdies, dem allbeliebten Lehrer nahm man so leicht nichts übel, obgleich Manche zuweilen innerlich sich über ihn ärgerten. Der junge Mann, der vorhin über die interessante Liebesgeschichte berichtet hatte, mochte zu diesen zählen. „Obgleich Herr Steinhart," sagte er, „uns allerdings bewiesen hat, daß es eine jüdische Poesie gibt, wage ich'es dennoch zu behaupten, daß gerade bei jenen Verhältnissen, bei denen die Poesie aller Völker ihre schönsten Blüthen treibt, die jüdische vollständig steril ist." „Hm, hm", sagte Herr Steinhart. Der junge Mann, dieses als Zustimmung bettachtend, fuhr geschmeichelt fort. „Also Minnesang und Liebeslied kennt die jüdische Poesie nicht, und sehr natürlich, denn der rechte, echte Jude kennt überhaupt die Liebe nicht." „Ho, ho, Verehrter, das werden Sie nimmer beweisen können. Wir Juden sind im Gegentheil ja ganz eigentlich das Volk der Liebe par excellence. Man hat uns gemartert, verachtet, verhöhnt — trügen wir nicht einen solch unerschöpflichen Born von Liebe in unserem Herzen, wir müßten die Menschheit hassen. Doch eingedenk des höchsten Segens, der unserem Stammvater ward, jenes Segens, der es uns als Beruf hinstellt, der Menschheit Segen zu werden, umfassen wir in reinster Menschenliebe das All mit unserem Herzen." „Sie wollen mir ausweichen," rief der junge Mann erregt, „an der einfachen Menschenliebe der Inden hat Niemand gezweifelt. Mein Zweifel gilt einzig und allein der Liebe zwischen Alaun und Weib." „Und diese sollte im jüdischen Kreise fehlend Lieber, guter Freund, wenden Sie sich an die enragirtesten Antisemiten, und selbst diese werden Ihnen bestätigen, daß sie keine glücklicheren Ehen kennen, als die jüdischen, daß überhaupt daS jüdische Familienleben —" „Sie wollen mich durchaus mißverstehen; liegt mir doch nichts ferner, als die Innigkeit des jüdischen Familienlebens schmälern zu wollen. Aber zugeben werden Sie mir, daß das, was man Neigungspartie nennt, bei uns Juden fast gar nicht vorkommt." „Selten ist es allerdings, doch wenn ich dieser Behauptung beipflichte, was hätte ich damit zugegeben?" „Daß eben meine Behauptung richtig ist, daß die Juden jenes reinste, höchste Gefühl nicht kennen, das des Jünglings Brust erfüllt, das das Herz ihm schwellt, das ihn der Gottheit näher bringt." Herr Steinhart schüttelte den Kopf; um seine Lippen zuckte es, sein Gegner schien es nicht zu gewahren, im höchsten Pathos fuhr er fort: „Jenes Gefühl, das ihn des Himmels Seligkeit im Anblick der Geliebten finden läßt, das —" „Wenn ich Sie recht verstehe," fiel Steinhart ein, „so reden Sie von jenem Gefühl, das z. B. Lieutenant Kumert und Fräulein Hoffmann verbindet." „Gewiß, gewiß, für das sie hehren Mnthes ihr Leben opfern wollten." „Lieber Freund, ich hatte die Ehre, sowohl den Lieutenant als auch Fräulein Elvire zu meinen Schülern zu zählen; ich kenne beide daher genau und kann versichern, der Lieutenant ist ein Geck und das Fräulein ein Gänschen." Einige der Damen kicherten vernehmlich, der junge Mann aber ereiferte sich mehr und mehr. „Ihre Worte in Ehren, Herr Steinhart, aber was beweisen sied doch nichts anderes als abermals die Richtigkeit meiner Behauptung, daß nämlich jenes reinste, edelste Gefühl selbst einen Gecken zum Heroen umwandeln kann." Je mehr sich der junge Mann erregte, desto trockener ward Steinhart. „Wenn ich aufrichtig sein will, so muß ich gestehen, daß ich trotz Ihrer schönen Perioden noch immer nicht einsehe, warum gerade jenes Gefühl das reinste und edelste sein soll; ist es doch in Wirklichkeit kein anderes als jenes, welches das Herz des Bockes für die . . . ." „Herr Steinhart! Herr Steinhart!" riefen mehrere Stimmen, während die jungen Leute laut auflachten, einige der Damen aber davonliefen, andere sich die Ohren zuhielten, und der junge Kämpfer mit kirschrothem Gesichte vor Zorn zu ersticken drohte. „Liebe Frau Steinhart!" rief ein junges Mädchen der eben vorübcrwandclndeu Gattin des Sprachlehrers zn, „ich bitte Sie um des Himmelswillen, schützen Sie uns vor der Zunge Ihres Herrn Gemahls." Frau Steinhart war sofort an des Gatten Seite, der eben wieder in seiner trockenen Weise mit sarkastischen Bemerkungen um sich warf. Da legte sich leicht eine Hand ans seine Schulter, er wandte sich rasch um. „Ah, Du bist» meine Theure, Pardon! ich hatte Dich nicht bemerkt? Er zog ihre Hand in seinen Arm und nahm die Unterhaltung wieder ans. „Wie gesagt, der ganze Jammer unserer Zeit beruht eben darauf, daß ähnlich wie zur Zeit des