Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 75-76 (22.9.1885)
- Date
- 1885-09-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449503-2449573--22933-2512576- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1275 Kein Israelit hat das Recht, sich dem Thorastudium zu entziehen. Niemand sage, er besitze nicht die Befähigung hiezu. Niemand sage, ihm fehle die Gelegenheit. Gelegenheit mutz man sich schaffen, nach dem Ausspruche des Weisen: n:pi m -p r>vy •cn i? „Verschaffe dir einen Lehrer, erwirb dir einen Genossen!" Männer und Jünglinge müssen Vereine bilden, um gemeinsam sich unterrichten zu lasicn, um gemeinsam in der Thora zu forschen, jeden Tag, aber namentlich an den Ruhetagen, an den Sabbaten und.Festen. Haben wir am Festtage unsere Seele im Gebet erhoben, haben wir einige Stunden der Erinnerung au Israels einstige Herrlichkeit geweiht und so das Heiligthum Gottes gleichsam in unfern Herzen wieder aufgcbaut, haben wir in der Lehre Gottes geforscht, mit der gottgefälligen Absicht zu lernen, zu lehren, und das Gelernte zu beobachten, durch die That zu verwirklichen, so wird cs uns ein Leichtes sein, unsre dritte Feftesaufgabe, die Weihe, unseres Alltagslebens, vorzubcrciten. Drei Momente sind cs, die unsre ganze Wirksamkeit in Anspruch nehmen, aus die sich unsere ganze Thätigkcit zurückfnhrcn läßt; unser Leben im Hause, unser Verkehr mit der .Außenwelt und die Erziehung der Kinder. jmp Nin ro nflDpn;ru on „Hat Gott dem Israeliten ein Hans verliehen, so weiht er die Schwelle desselben dem gütigen Geber." Eine beglückende Häuslichkeit ist die Grundbedingung eines frohen und zufriedenen Lebens, und diese kann nur dadurch für die Dauer festbegründet werden, wenn das Haus, wenn das häusliche Leben ein gottgeweihtes ist, und das Symbol dafür ist die Mesusah. Nicht Neichthnm, Weisheit, Macht, Ruhm oder äußere Ehre vermögen das wahrhafte Glück des Menschen zu begründen; wohl aber vermag cs das innige, auf echt religiöser Grundlage beruhende Familienleben. Gibt es wohl Schöneres und Beglückeudercs als die Vorabende der Sabbate und Feste in einem wahrhaft jüdischen Hause? Ihr tretet ein in das festlich erleuchtete Zimmer; grüßend tritt dir entgegen das treuliebende Weib; du bietest den Friedensgrub den Engeln des Friedens, die Gott sendet, uns zu schützen auf allen unseren Wegen; dann nahen mit Kuß und Umarmung die heißgeliebten Kinder, die da entgegenharren dem Segen aus dem Vatermunde, daß sie werden sollen wie Ephrajim und Mcnascheh, oder wie Sara, Niwkah, Rachel und Leah, dann setzest du dich nieder an den reinlich gedeckten, mit Blumen gezierten Tisch, begrüßest mit herzerfreuendem Weine noch einmal die Sabbatbraut, brichst das Segcnsbrod, das uns ins Gedächtniß ruft das von den Vätern genossene Himmelsbrod, singst Gesänge, die da preisen Israels Geschick, die da verkünden den göttlichen Beistand und die göttliche Rettung in tausend und abertausend Nöthen und Drangsalen, die da erzählen, wie Gottes Vaterhuld Israel in wunderbarer Weise erhalten hat, daß cs nicht zermalmt wurde von dem rollenden Rade der Wcltgeschichte wie die andern Nationen des-Alterthums, und daß dieser Gottcsschutz fortdanert für alle Ewigkeiten. — Wie glücklich fühlt sich der Jnde, wenn er nach den Mühen des Tages sein Lager aufsncht und seine Seele dem Allhcrrn empfiehlt, der da mit seiner Herrlichkeit die ganze Welt erlcnchtct! Der Gedanke an Gott, dem wir unser Hans und unser häusliches Leben geweiht haben, verklärt unser ganzes Dasein. Ehe wir Speise und Trank zu uns nehmen, werden die Bedürfnisse unseres Körpers geheiligt durch die Dcrachah, die uns hinweist auf den gütigen Geber. Unser Gewand trägt die Schaufädcn, das Zeichen der Allgegcnwart Gottes. Tagtäglich schmücken wir unfern Arm und unser Haupt mit den Tephillin, auf daß wird die Kraft unseres Körpers, die Gefühle unseres Herzens und die Gedanken nnscrcs Kopfes dem Allhcrrn unterwerfen. Und so gibt cs noch viele Erinnerungszeichen, die alle uns der Liebe, des Schutzes und der immerwährenden Nähe des allmächtigen Gottes versichern. Kann Jemand unglücklich sein, der seinen allmächtigen Schützer, Helfer und Erlöser stets bei sich weiß und immerwährend an dessen hilfreiche Gegenwart erinnert wird t Aber nicht allein das Innere des Hauses sollen wir Gott zu weihen lernen am Festtage Tippv nw -p* „du sollst um das Dach deines Hauses eine Schutzwchr ziehen." Vom Dache des Hauses aus hat man den Blick frei nach der Außenwelt. Unsre Augen erschauen zahllose Dinge, die geeignet sind, uns hinauszulockcn ans unserem stillglücklichem, häuslichem Kreise. Da sei die gottgebotene Schutzwehr uns ein Symbol, daß wir das Streben nach Außen beschränken. Wehe dem, der sich verlocken läßt durch die prangende und gleißende Außenseite der auf Kosten des Judenthnms und der Jsraelssitte zu erwerbenden Güter! Es ist wahr, unsere heilige Religion tritt dem Juden bei dem Streben nach Außen oft hemmend in den Weg, verschließt ihm diese oder jene glänzende Laufbahn, versagt ihm diese oder jene glänzende Thätigkcit, auf der sich ihm ein Feld hellstrahlenden Ruhmes eröffne» könnte, die Sabbate und Festtage hindern den rastlosen Erwerb; cs ist wahr, aber wir haben uns deßhalb