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Der Israelit · 1885-09-22 · Heft 75-76 (22.9.1885) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 75-76 (22.9.1885)
Date
1885-09-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1274 einige Festesstunden der Erinnerung an unser ehemalige« Lehen im heiligen Lande, an unsere einstigen Wanderungen nach der heiligen Stadt und an die Dienstverrichtungen im heiligen Tempel. Jerobcam, der sündige König, welcher Israel zur Sünde verleitete, verbot den Israeliten nach der heiligen Stadt und dem Hause unseres Gottes zu wallen, und in unseren Tagen versuchen die sogenannten Reformer aus unserer Gebetordnnng jene Gebctstücke auszumerzen, die unseren Geist hineinführen in die einst so erhabenen Hallen unseres jetzt in Trümmern liegenden Gotteshauses, wo die Priester in Reinheit darbrachten die Festcsopfer, wo die Leviten sangen die Gottcsgesänge, wohin das Volk strömte in unabsehbaren Schaare», um zu erscheinen vor dem Angesichte des Ewigen. Daß wir in uns diese Erinnerungen bewahren, das; wir stets wieder wachrufen die Sehnsucht nach dem Wiederaufbau des heiligen Tempels, das ist eine Hauptaufgabe unserer Festesfeier, das bezwecken diePiutim und Mussaphim, die unsere Festgebcte mehren und verherrlichen. — Aber, wird Mancher entgegnen, die heilige Sprache ist uns fremd geworden; kann beim das Gott wohlgefällig sein, wenn unsere Lippen lallen, was wir nicht zu verstehen vermögen? Dem also Sprechenden entgegnen wir: Willst du etwa verlangen, daß der Wind nicht wehe, wenn du nicht weißt, woher er kömmt und wohin er geht, willst du, daß der Regen nicht falle, da du seine Entstehung nicht begreifst, willst du, daß die Sonne nicht scheine, da du nicht erkennst, wieso der belebende Strahl die Wärme entwickelt und die Frucht zur Reife bringt? Willst du das Alles wissen, mm, so forsche und lerne doch, und willst du die erhabenen Rathschlüge der Thora erkennen, und willst dn unsere heiligen Gebete verstehen, so lerne nnd forsche doch! Wichtiger noch als der Welt Wind nndRegen nnd Sonnenschein, ist uns Israeliten die heilige Lehre, die Bedingung unseres Seins u'v' “piNi u”n nyi o, die Bedingung unseres Lebens und die Verlängerung unsrer Tage, der belebende Geist, der die Welt dnrchströmr niEmo d'deü d'ziid D'D'in „und an seinen Festtagen versammele sich Israel in den Lehrhänscrn und widme einige Festesstunden dem Thorastndium." Nicht etwa, daß nur am Festtage der Jude verpflichtet sei, Thora zu lernen, nein, rto ddv d htui „und du sollst in ihr forschen bei Tag und bei Stacht," kein Tag sollte vorübergehen, an welchem der Israelit sich nicht heimischer fühle in der Gotteslehre, keine Nacht sollte dahinziehen, die uns nicht hineingeführt hätte in die Tiefen der heilige» Thora. Wen aber die Beschäftigungen des Alltagslebens drängen, wem die Beschaffung der irdischen Bedürfniffe für sich und die Seinen keine Zeit gönnt zur Erforschung der Gotteslehre, der weihe wenigstens seine Sabbat- und Fekertagsstunden dem beglückenden, erfreuenden, befreienden Thorastndium. Die Stunden, in denen das Herz zur Ruhe gelangt vom Treiben und Drängen der Alltagssorgen, seien der Bildung des Geistes gewidmet. Wie werden doch die Männer gepriesen, die da kennen die Gestirne des Himmels, die deren Nmlaufszeit berechnen und die unendlich scheinenden Entfernungen bestimmen! Wie werden doch die Männer gerühmt, welche die Namen der Pflanzen und Blumen zu nennen vermögen und sie nach der Gestaltung der Staubfäden oder der Blätter oder anderer Merkmale in Klaffen und Familien eintheilen! Wie staunt man die Gelehrsamkeit Derjenigen an, welche in vielerlei Sprachen ihre Gedanken zum Ansdrucke zu bringen vermögen! Wie große Achtung genießen die gelehrten Forscher der Natur, welche derselben ihre Gesetze ablauschen und, sieanwcndend, Staunenswerthcs leisten! Aber mehr zu preisen als sie Alle ist derjenige, der da frei und ungeblendet erkennt, was wahr, was falsch, was recht, was unrecht ist, der hknabzutauchen vermag in die Tiefen der Menschenseele, der erkennt die Gesetze, nach denen die Welt geleitet nnd beherrscht wird, nicht dieser oder jener Staat, mcht dieses oder jenes Land, sondern alle Menschen auf dem weiten Erdenrunde, alle Welten, die aus der Hand des Allmächtigen hervorgcgangen. Und der Quell all dieses erhabenen Willens ist unsere heilige Thora, und wir Alle sind verpflichtet, in ihr zu forschen, und Niemand ist von dieser Pflicht befreit. Stimmt dich dein Erwerb, dein Beruf so sehr in Anspruch, daß dir keine Zeit bleibt für die heiligste und wichtigste Beschäftigung, so bestimme wenigstens deine Sabbate und Feiertage dazu. — Einst, erzählen unsere Weisen im Midrasch, mahnte den Prophet Elijahn die versammelte Volksmenge zum Studium der Gotteslehre. Ihn verspottete ein roher nnd unwissender Mensch. — Wie wirst du, fragte ihn der Prophet, am Ende der Tage vor deinem Richter dich rechtfertigen? — Ich werde sagen: du hast mir, o Gott, nicht Einsicht verliehen, deine Lehre verstehen zu können. — Welches ist dein Gewerbe? — Ich bin eilt Fischer. — Wie hast du denn lernen können, Netze zu stricken und Fische zu fangen? — Hat mir Gott doch Verstand gegeben! — Nun denn, der Gott, der dir Verstand gegeben, Netze zu stricken und Fische zu fangen, der hat dir auch Verstand gegeben, in seiner heiligen Lehre zu forschen. — Da schämte sich der Mann; fortan bemühete er sich, Thorakenntniß zu erlangen.

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