Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 73-74 (16.9.1885)
- Date
- 1885-09-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1254 Zwei Htoschyaschana-Avende. Ein Zeitgemälde von X. (Schluß.) Fünfzchll Jahre sind verflossen. Wiederum ist cs Roschhaschana-Abend. Wir befinden uns in einem kleinen Landstädtchen, das abseits von der Heerstraße des großen Fremdenzugcs liegt; hier hört man noch nicht den Pfiff der Locomotive, hier ist cs noch die alte, gelbe Postkutsche, welche die wenigen Fremden, die an der zwei Stunden entfernten Eisenbahnstation F. ansstcigen, um unserer Landstadt einen Lcsuch abzustattcn, in dem historischen Schncckengange hierher befördert. Am Ende der Hauptstraße, da wo das Städtchen eine Art Zwischending zwischen Dorf und Stadt darstellt, fesselt unser Auge ein freundlich anssehendcs einstöckiges Häuschen, dessen blanke Fenster, hinter denen wir spitzeubcsctzte, schneeweiße Gardinen bemerken, uns ein günstiges Urtheil über den Ordnnngs- und Reinlichkeitssinn der Insassen abgewinnen. Der Weinstock, dessen rcichbcladcne Zweige die ganze Fronte des Hänschens bis zum Giebel hinauf nmranken, die grünen Läden, die, obgleich, cs schon Abend geworden, noch zurückgeschlagcn sind, das kleine von einer lebenden Hecke nmzäunte, auf's beste gepflegte Gärtchen, in welchem die Boten des Herbstes, die Astern, schon recht anspruchsvoll ihre farbigen Sterne entfalten, machen das Ganze zu einem Bilde behaglicher Ruhe und idyllischen Reizes, zu einer Stätte, von welcher der Beschauer sagt: „Hier läßt's sich gut wohnen." Und cs wohnten auch glückliche Menschen hier. Treten wir ein in die Parterre-Stube, deren Lichtschein uns schon vor dem Hause angclockt hat. Wer cs nicht schon wüßte, daß heute Abend ein hohes mib heiliges Fest seinen Einzug gehalten, der würde cs bald dem schön hergcrichteten Tische und ben heiteren und doch feierlichen Gesichtern der Personen ansehen, die an demselben Platz genommen haben. Es sind alte Bekannte, die wir da versammelt sehen, wenn wir sie auch nicht auf den ersten Blick erkennen. Meycrheim ist gealtert, seine Haare sind grau geworden, wenn auch der Blick nichts an seinem Feuer und die Gestalt nichts an ihrer Elasticität verloren hat. Emma ist noch immer eine hübsche und anmnthige Erscheinung, wenn auch die Jahre nicht ganz ohne eine Spur znrückzulaffen, an ihr vorübergegangen sind. Aus dem kleinen Knaben ist ein herrlicher von Gesundheit strotzender Jüngling geworden, und das kleine blondköpfige Mädchen ist zu einer schönen und anmuthvollen Jungfrau herangeblüht. Noch zwei kleinere Tischgcnossen, ein Knabe und ein Mädchen, lassen uns erkennen, daß die Familie Nachwuchs erhalten, seitdem wir ihre Bekanntschaft gemacht haben. Ja, cs ist Meyerheim mit den Seinen, jener Meycrheim, den wir einst inmitten seiner Prachträume verzweifeln sahen, den wir jetzt in einer bescheidenen Häuslichkeit, in welche sich einige kleine Reste früherer äußerer Pracht mit hineingerettet haben, als glücklichen und lebensfrohen Familienvater wiederfinden. Die Katastrophe, die vor fünfzehn Jahren über Meyerheims Haupt hereingebrochcn war, ließ sich in ihrem Verlaufe, wenn auch furchtbar genug, doch nicht so schrecklich an, als sie anfangs zu werden drohte. Wenn Alfred anfangs fürchten mußte, nicht allein all sein Geld, sondern auch seinen ehrlichen-Namen zu verlieren, so erfüllte sich diese Befürchtung nicht. Nachdem der erste Schrecken vorüber war, und man erkannt hatte, daß die Pariser Nachrichten übertrieben waren, trat eine Erholung und Aufbesserung der Papiere ein, die wohl noch gegen ihren früheren Stand ein bedeutendes Minus aufwiesen, aber sich doch am Negulirungstage so stellten, daß Alfred durch Aufbieten aller seiner Kräfte, das heißt durch Veräußerung seines ganzen Besitzes, alle seine Differenzen zahlen und seinen ehrlichen Namen retten konnte. Alles gab er um diesen Preis gern dahin, ganz besonders, da seine Frau so mit ganzem Herzen auf den ganzen Prunk verzichtete, ja eine förmliche Abneigung gegen all die Herrlichkeiten zeigte. Daß dieses ehrliche Handeln von Vielen nicht verstanden, von Vielen sogar bespöttelt wurde, ist nicht zu verwundern, wenn man bedenkt, daß die meisten Menschen äußern Glanz mit Glück für gleichbedeutend halten. — Nach Negulirung aller seiner Angelegenheiten siedelte Alfred nach dem kleinen Landstädtchen, in welchem wir ihn wieder angetroffen, über, und ein kleiner Rest von Vermögen, der ihm aus dem Erlös seines Hauses und all der Kostbarkeiten, die er jetzt glaubte entbehren zu können, nach der Begleichung seines Soll übrig geblieben war, half ihm und den Seinigen über die erste Zeit hinweg, in welcher er in der