Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 73-74 (16.9.1885)
- Date
- 1885-09-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1255 neuen Heimath noch keinen Lebcuserwerb gefunden hatte. Schwere Zeiten, schwere Sorgen hatte die Familie durchzumachen, bei aller Einschränkung ging es Anfangs knapp her, doch Alfred und Emma verloren den Muth nicht, bis endlich auch eine entschiedene Hilfe kam. Von mehreren Eoncurrenten um die Agentur einer Versicherungsgesellschaft, war Alfred als der geeignetste und tüchtigste befunden worden, und es war ihm somit die Aussicht auf eine sichere Existenz geboten. Bei seinem rastlosen Eifer hatte er auch bald Erfolge aufzuweiscn, die es ihm möglich machten den Seinigen ein behagliches Dasein zu bereiten. Geheilt von seinem Heißhunger nach Reichthum, war er für jeden noch so kleinen Verdienst Gott dankbar, und somit war ihm jedes Gelingen die Quelle herzlicher Freude. Geheilt aber auch von der Zweiseelentheorie, die dem Juden eine besondere Hausreligion und eine Verkehrsreligion zumeist, war er in der kleinen Gemeinde seiner neuen Vaterstadt, ‘ in der Has alte unverfälschte Judenthum noch voll und ganz in Geltung war, einer der eifrigsten und LhäLigsten Mitglieder geworden, der für jedes Interesse, das der Gemeinde und dem Judenthum galt, bereit war einzutreten. Unter diesen Umständen war es nicht zu verwundern, daß bei einer Gemeindevorsteherwahl, bei' der es besonders darauf ankam, einen energischen Mann an der Spitze zu haben, die Augen der Gemeindcmitglieder sich auf ihn richteten und diese ihn mit diesem Ehrenamte betrauten. Er und seine Frau fühlten sich jetzt in Wahrheit glücklich, und diese Stiunnung fand auf dem heitern Gesichte Alfred's heute Abend beredten Ausdruck, als er vonder Synagoge mit seinem Sohne heimkehrte, und die Seinigen begrüßte. Wie war das ein herzliches Begrüßen, ein Beglückwünschen, ein Umarmen! Es war ein Jubel, diese glücklichen Menschen zu sehen, in ihre freudestrahlenden Gesichter zu schauen. Man setzte sich zu Tische; es folgten die kleinen Ueberraschnngen, und auch der Vater hatte für jedes der Kinder ein kleines Geschenk bereit; der ältesten Tochter Auguste aber, überreichte er ein kleines- Etui, das er sie bat, nicht eher zu öffnen, als bis er es ihr heiße. Der Vater that so geheimnißvoll und so feierlich. Als die Mahlzeit fast zu Ende war, begann Alfred: „Was ich euch mitzutheilen habe, wird für euch wohl eine Ueberraschung sein. Ihr erinnert euch, daß wir während dieser Sommermonate Besuch von meinem Jugendfreunde Mühlbaum hatten, der, nachdem er dreißig Jahre in Amerika gelebt, sein Vaterland wieder aufsuchte, um, zurückgezogen von seinen Geschäften, in Deutschland sich für den Rest seines Lebens niederzulassen. Seine Nachforschungen nach mir, führten ihn in Begleitung seines Sohnes hierher und die schöne und gesunde Lage unseres Ortes fesselte ihn so, daß er die Sommerfrische hier znbrachte. Heute nun, kurz vor Beginn des Jomtof, so meldet mir ein Billct, ist mein Freund mit seiner ganzen Familie hier angckommen, die Jomim tanwim hier bei uns zu verbringen, und so wird er noch heute Abend kommen und uns seine Frau und Kinder vorstellen. Den jungen Herrn Mühlbanm kennen wir ja schon vom Sommer her, nicht wahr, Auguste?" wandte er sich neckend an seine Tochter. _ Das junge Mädchen war wie mit Purpur übergossen, die Mutter aber lächelte verstänonißinnig und legte durch ihr ganzes Mienenspiel Zeugniß davon, ab, daß sie von dem Plaue ihres Mannes und der Ankunft der Familie Mühlbaum Kunde hatte. Mühlbanin hatte, wie gesagt, die Sommerfrische in B. zngebracht und die Jugendfreundschaft mit Meyerheim erneuert. Es waren das glückliche Tage für beide; aber auch für die beiden jungen Leute, die durch die Eltern Gelegenheit zu häufigem Verkehr fanden, für den jungen Mühlbaum, einen feingebildeten jungen Mann, und Auguste hatten diese Tage nur Sonnenschein. Die jungen Leuten faßten gegenseitig Zuneigung zu einander, die sich, wenn auch nicht in Worten, doch in Blicken kundgab, deren Bedeutung dem scharfsichtigen Mntterauge nicht entging. Auf den Vater Mnhlbanm hatte das junge Mädchen einen so guten Eindruck gemacht, daß er, zu den Seinigen wieder zurückgekehrt, seiner Frau gegenüber den Wunsch nach einer Verbindung seines Sohnes mit Auguste aussprach, imb wie freute er sich, daß Adolf, — von diesem Wunsche seines Vaters in Kenntniß gesetzt, ihm dankend um den Hals siel und bekundete, daß sich hier die Wünsche des Vaters und des Sohnes begegneten. Mühlbanm hielt bei seinem Freunde förmlich um die Hand Augnstens für seinen Sohn an, und nachdem die Mutter durch Hindeutung und Anspielungen, die sie in einer Unterredung mit ihrer Tochter auf den jungen Mnhlbanm machte, sich versichert hatte, daß dieser ihren Herzen nicht gleichgültig war, wurde brieflich verabredet, daß Mühlbanm mit seiner Familie zu Roschhaschanah in B. eintreffen sollte. „Also, wie ist es, Auguste, sollen wir meinen Freund mit seiner Familie empfangen?" Das junge Mädchen hatte statt aller Antwort nur Thränen, sie umarmte Vater und Mutter, die für das Glück ihrer Tochter auch nur Thränen hatten.