Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-09-08 · Heft 71-72 (8.9.1885) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 71-72 (8.9.1885)
Date
1885-09-08
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449571--22886-2512527
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1240 Feuilleton. Zwei Koschl-aschana - Alicndc. c^in Zeitgemälde von K. (Fortsetzung.) Alfred mochte eine halbe Stunde laug in Gcbnufcii versunken, den Kopf auf die Hand gestützt, vor seinem Arbeitstisch gesessen haben, als ein heftiger Windstoß, der die Zweige des nahen Baumes gegen da» Fenster schlagen lies;, ihn aus seinen Träumen weckte. Er trat ans Fenster. Der Himmel, der vorhin noch so heiter gewesen, hatte sich indes; nmwölkt, ein heftiger Sturm hatte sich erhoben, in den Banmwipfeln des Gartens brauste cs laut und ein mitunter gehörtes Krachen legte jedes Mal Zeugnis; davon ab, daß ein Zweig dem Sturm zum Opfer gefallen war; in der Ferne zuckten Blitze ans und ein dumpfes Grollen kündete den nahen Ausbruch eines schweren Gewitters an. Alles dies steigerte noch mehr die Erregtheit des unglücklichen Mannes, der seine heiße Stirn au die kühle Fensterscheibe drückte. „Mein Loos!" dachte er bei sich, als wieder ein Krach sich aus dem dichten Geäst der Bäume vernehmen ließ. „An der größten Zahl der Bäume geht das Gewitter spurlos vorüber, cs sind immer nur einige, die unter seinen Schlägen fallen, auch durch die politische Welt geht jetzt ein Gewitter, ich gehöre zu denen, welche der Sturm packt und entwurzelt!" 9hm mußte aber sein Vorsatz ausgcführt werden, die ganze äußere Situation schien ihm so passend dazu. Da siel sein Blick aus das offene Schränkchen des Schreibtisches, dem er den .Kasten mit den Mordinstrumcntcn entnommen, ein kleines Packet fesselte seinen Blick. Was enthielt denn dieses Packet, das seinen Blick gebannt hielt? Er konnte sich des Inhalts nicht entsinnen. Er nahm cs heraus, öffnete cs — alte vergilbte Briese mit fast unleserlicher Schrift. Was hatte er daran aufbcwahrt? Halt! das waren ja Briefe seiner verstorbenen Eltern, Briese, die sich jene in ihrer Jugend geschrieben, als sic sich für's Leben gefunden und sich das Wort gegeben hatten, einander anzngchörcn nnd zu arbeiten und auszuharrcn, bis sie die Mittel gefunden, ein Hans zu gründen. Alfred machte sich an die Lcctüre der Briefe, und cs überkam ihn eine weiche Stimmung; wieviel Liebe und Hcrzenstreue in wenigen, schlichten Worten, wieviel Gottvertraucn, wie große Zufriedenheit und welche Anspruchslosigkut! Wie jubelt der in die Fremde gewanderte Verlobte, als er nach mühseliger Arbeit sich endlich fünfhundert Thaler gespart, da er doch jetzt daran denken konnte, sein Haus zu gründe» und sich mit der Geliebten zu vereine». Es war dies der letzte Brief. Da dachte Alfred nun daran, wie wenig seine Eltern gebraucht, um glücklich zu sein, und wieviel er in rastloser Hast sich zu erbeuten suchte, um unglücklich zu werden. Warum hatte er cs nicht verstanden, so glücklich zu werden wie sein Vater, der rastlos arbeitete und nie seufzte, der sich mit dem kleinsten Verdienste als einen; besondern Gnadengeschenke von Gott freme, der im Kreise der Seinen stets heiter und freudig war nnd dem nur ein Unwohlsein der Seinigen mit einer trüben Wolke des Kummers die Stirn beschatten konnte? Wie waren sie so glücklich in ihren bescheidenen Räumen die theuren Eltern, denen ihr Religionsgesetz so manchen Genuß am Leben versagte, und wie war er so unglücklich in seinen Prachsalons, der sich im Genüsse am Leben von keiner Schranke einengen ließ! Wie kam er sich so kleinlich, so unsäglich elend vor! Er weinte, der starke Mann, wie ein Kind, aber die Zeit mahnte ihn, seinen Vorsatz anszuführeu. Das Lesen der Briefe, die er wieder zusammeuschnürte und auf ihren alten Platz zurücklegtc, hatte ihn noch mehr in feinem Vorsatze bestärkt, er hielt sich jetzt des Lebens durchaus nnwerth. — Nun rasch, noch einige Abschiedswortc an Frau und Kinder! Er nahm die Feder tauchte sie ein; halt! es war ihm, als wenn eine unsichtbare Hand ihn fcsthielt; ja, was stockte er? Warum schrieb er nicht? Es war ihm wieder eingefallen: Heute Abend war Nosch haschanah! Er hatte sich zwar von so vielem Religionsgefetzlichem emancipirt, aber vor dem Rosch haschanah hatte er immer noch eine heilige Scheu bewahrt, und w sollte er heute, an dem letzten Abende seines Daseins-nimmermehr! Aber wer soll es den Seinigen sagen, daß er ihrer in seinen letzten Augenblicken liebend gedacht, daß er dem Leben entronnen, weil er es ihnen nicht mehr in der Weise bieten konnte, wie die letzter; Jahre cs ihnen zur Gewohnheit gemacht hatten? „Nun, mag es meine Strafe sein für meinen Leichtsinn," dachte er, „daß ich ihnen kein günstiges Andenken hrnterlaffe!" Jetzt schloß er den kleinen Mahagonikastcn wieder auf, und mit fester Hand eines der Terzcrole herauSnehmcnd, sprach er zu sich mit lauter Stimme: „Es muß geschehen!" „Was muß geschehen?" sagte plötzlich eine klangvolle Stimme hinter ihm. Er hatte in der Aufregung nicht bemerkt, daß sich die Thür hinter ihm geöffnet hatte, und er war wie betäubt von dieser zarten Stimme, die sich zwischen ihn und seinen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.