Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1885-09-08 · Heft 71-72 (8.9.1885) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 71-72 (8.9.1885)
Date
1885-09-08
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449503-2449571--22884-2512525
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1238 seiner eigenen Bürger zn schützen, und es ist undenkbar, das; die Negierung, wenn sie KenntuiB davon bat, wie tief ihre Maßregeln in die Verhältnisse eingreifen, nicht andere Saiten aufziehe» wird." Die Autzweisungs- und Absperrnngsmanie greift leider inzwischen immer weiter. Wie mehrseitig ans Brüssel gemeldet iui«b, hat der belgische General- Direktor der öffentlichen Sicherheit Ganthier ein Rundschreiben erlassen, in dem er erklärt, daß auf Verlangen der preußischen Negierung mittellose fremde nur dann nach" Deutschland ansgewiesen werden dürfen, wenn sie Deutsche sind, daß Preußen auch nicht duldet, daß Ausländer, die aus Belgien ansgewiesen werden, das deutsche Gebiet zur Durchreise nach ihrem Hekmathslande betreten. Die letztere Anordnung sei provisorisch, da das belgische Ministerium mit Preußen unterhandle, um die letztere Beschränkung anfznhcben; inzwischen sollen aber nur Deutsche nach der deutschen Grenze dirigirt werde». — Wenn das so fortgeht, kommen wir noch dahin, daß die europäischen Länder, die auf regen Wechselverkehr angewiesen, sich durch chinesische Mauern von einander absperren. Berlin, 6. Sept. Auch in diesem Jahre hat Herr Tr. Berliner in seiner Eigenschaft als Spnagogenvorstchcr der Gemeinde Adaß-Jisroel die schöne Einrichtung getroffen, vom ersten Selichothtage bis zum Lersöhnnngsfeste in der Stunde zwischen dem Minchah- und Maariwgcbcte durch belehrende Vortrüge den Geist der Mitglieder in würdiger Weise znm heiligen Feste anzuregen. Herr Dr. Berliner, der mit gütiger Bereitwilligkeit die Vorträge selbst übernommen hat, wühlte diesmal das Buch „Orach-Meschorim" zur Lektüre ans, wobei er den Zuhörern den Schatz frommer Betrachtungen, der in dem Buche niedergclcgt ist, in populärer Form ansbrcitcte und Streiszuge auf naheliegende Gebiete unternahm. Ter zahlreiche Besuch der andächtig lauschende,! Gemeinde ist der beste Beweis für die Vortrcsflichkeit dieser Einrichtung, die wir auch für anderswo als nachahmcnswerth empfehlen können. Berlin, 6. Sept. Wenn wir beim Beginne des neuen Jahres einen kurzen Rückblick auf die j ndenfcind! iche Bewegung werfen, welche sich in den letzten Jahren in unserem Vaterlande zur Schande der gesitteten Welt breit machen durfte, so können wir mit froher Genugthuung constatiren, daß diese Hetzbewcgnug im letzten Jahre ihren Höhepunkt überschritten hat. Wie wunderbar hat sich der Schauplatz geändert. Die Priester der Verleumdung sind gekennzeichnet, die Altäre der Lüge zerstört worden, die Wahrheit hat triumphirt! Ter Vater der antisemitischen Bewegung hat seine Rolle ausgespielt; der Ausgang des einen Prozeffes hat ihn moralisch verurtheilt, ein zweites Urtheil hat ihn mit einer Strafe belegt, und seit jenen. Tage ist dem Hern, Hofprcdiger sein Lieblingswort „Jude", soweit wir seine Reden gelesen, auch nicht ein einziges Mal seinem Munde mehr entflohen. Die konservative Presse blies zum Rückzüge, die Regierungsblätter brachen den Stab über ihren Schützling und die Redakteure der beiden Organe, die allein es wagten, die wüste Agitation in ihren Spalten fortzusetzen, ein Freiherr und ein Portier, sie werden sich nächstens vor den Schranken des Gerichts wegen schwerer Beleidigung eines deutschen 'Richters zu verantworten haben. Gin Häuflein fanatischer Glaubenshetzer, Existenzen, die alles verloren oder nichts zu verlieren haben, ist übrig geblieben, um der Nachwelt von jener Schandbewegnug Kunde zu geben. Aber auch diese Garde wird einst verschwinden, wie ein Nebelstreif vor der Sonne. Unser Vater und König hat den bösen Rathschluß unserer Feinde vernichtet und er wird auch weiter im neuen Jahre „den Mund unserer Ankläger und Verleumder schließen." Berlin, 6. Sept. Ein rührnliches Zeuguiß dafür, wie die Leistungen des hiesigen Rabbiner- Seminars in immer weiteren Kreisen sich Anerkennung verschaffen, liefert die Thatsache, daß in diesem Jahre alle nur irgendwie verfügbaren Kräfte desselben für die Festtage engagirt waren. Ein Theil der Zöglinge der Anstalt predigt in Berlin (Ehansscftraßensynagogc, Gesellschaft der Freunde n. s. w.), ein anderer Theil in -auswärtigen Gemeinden, wie Danzig, Kosten, Wöllstein n. a. m. Berlin, 6. Sept. Die Massenausweisnn g en unserer Glaubensgenossen ans den östlichen Provinzen werden mit ungeschwächtcn Kräften fortgesetzt Während bisher meist nur russische Staatsangehörige von der Ausweisungsordre betroffen wurden, sind in den letzten Wochen auch österreichische Unterthanen gleichem Loose verfallen. Ans Danzig sind eine große Anzahl angesehenster galkzischer Kaufleute, die zum Theil Ehrenämter bekleiden, ansgewiesen worden, ebenso erst in den letzten Tagen aus Kattowitz 104 Einwohner, meist jüdischer Eonfession. Sie alle haben den strikten Befehl erhalten, ain 1. Oktober das preußische Staatsgebiet zu verlassen; Personen, die seit zwanzig, ja dreißig Jahren mit ihren Familien in Preußen wohnen und sich hier einen sicheren Erwerb begründet haben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.