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Der Israelit · 1885-09-08 · Heft 71-72 (8.9.1885) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 71-72 (8.9.1885)
Date
1885-09-08
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1231 zückendes Bild? Wir meinen immer, weil wir die Einzelvorgänge im Laufe eines Jahres so schnell vergessen, an unsere Einzelhandlungen uns nicht mehr erinnern: wir hätten ein schönes Jahr verlebt, wir hätten, durch unser Thun, cs für uns zu einem harmonisch abgerundetem Ganzen gemacht. Nein, wir dürfen nicht immer uns ans eine solche Höhe stellen, von wo aus wir nur einen Gcsammteindruck erhalten, wo wir nur das Schöne und Angenehme des Lebens erblicken, wo wir nur ein Luftbild erhalten, einer Sinnestäuschung unterliegen. Wir müssen mitten im Leben auf die einzelnen Vorgänge achten, auf unsere einzelnen Schritte merken und diese einzelnen Momente richtig benrtheilen, gleich unser Urtheil fällen und nicht erst eine Zeit abwarten, wo durch die Entfernung von Raum und Zeit die nnangcnchmen Eindrücke sich verwischen und wir dann nur einen falschen unwahren Gcsammteindruck erhalten. Wohl liegt auch in diesem Gesammtcindrnck eine Wahrheit. Ein zerbrochener Zaun, ein schlecht bebautes Feld, ein geknickter Baum machen noch nicht die ganze Landschaft schlecht, verderben noch nicht das landschaftlich schöne Bild. Ein Fehler, eine Verirrung verwischen im Menschenbild noch nicht die vielen Vorzüge, zerstören noch nicht die Schönheit desselben. Aber wir müssen vor Allem den Einzclblick zu gewinnen suchen, die vorhandenen Schäden und Fehler ansbesscrn, damit nicht durch Nachlässigkeit dieselben weiter um sich greifen. „Das Land, das der Ewige dein Gott sucht und verlangt, beständig sind die Augen des Ewigen, deines Gottes, darauf gerichtet vom Anfang des Jahres bis zum Ende des Jahres." Nicht wie Egypten, wo du deine Saat leicht säen, den Ertrag auf leichte Weise gewinnen konntest, da cs leicht zu bewässern war, ist das Land Kanaan, das Gott unserem Volke zum Wohnsitze angewiesen. Dieses war auf den Regen des Himmels angewiesen, konnte nur durch die beständige Fürsorge des Ewigen, der vom Anfang des Jahres bis 311111 Ende sein Augenmerk darauf richtete, richtigen und genügenden Ertrag liefern. Und wir Menschen gleichen ja auch diesem unserem Lande. Uns hat Gott erwählt zu seinen Dienern, seinen bevorzugtesten Geschöpfen auf Erden. Aber nicht so leicht wird cs uns wie den anderen Geschöpfen. Unsere Aufgabe ist schwerer. Wir leben nicht blos vom Ertrag der Erde, sondern sind hauptsächlich angewiesen auf den Regen des Himmels. Darum sollen unsere Blicke auch stets nach oben gerichtet sein. Darum müssen wir Tag für Tag, vom Anfang des Jahres bis znm Ende unser Augenmerk auf uns selbst richten, müssen erkennen, wo cs uns und was uns fehlt. Denn auch Gottes Angeist, auf dieses Stück Erde, das Er verlangt, das Er für sich gleichsam erkoren, beständig gerichtet. Gott will uns als ein fruchtbares, gut bebautes, sorgfältig gepflegtes Land wissen, das reichlichen Ertrag liefert, herrliche Früchte zeitigt. Mit dem Neujahrstage stehen wir auf der Höhe, nachdem wir eine Landschaft durchwandert. Bei dem Rückblick von dieser Hohe und dem Anblick, der sich von dort ans bietet, dürfen wir nicht vergessen, dass wir an mancher Stelle vorübergekömmen, wo Mcrischcnbosheit und Menschciiträghcit, wo der Elemente verheerende Gewalt, gar vielfach Schaden angerichtet; dürfen wir nicht vergessen, dass es auch im schönen Gesammtbildc wunde Stelle gibt, die noch der bessernden Hand bedürfen. Wir steigen nun wieder hinab von der Höhe in's Thal, nm eine andere Landschaft zu durchwandern. Wir wissen noch nicht, welchen Anblick sie bieten ivird; ob nicht ein trübes Bild sich unseren Blicken aufthut, ja, ob diese Wanderung, die bisher für uns, die wir die Höhe erreicht, wenn auch oft beschwerlich und ermüdend, doch nicht gefahrvoll gewesen, künftig mit Gefahr verbunden ist. Darum sollen wir, belehrt durch die vorangegangene Wanderung und durch den Blick, den wir von der Höhe ans zurückgeworfen, vorsichtig und aufmerksamen Blickes Schritt für Schritt weiter gehen. Denn dieser Wanderung eines Jahres gleicht ja unser ganzes Leben. Möge das Land, das der Ewige unser Gott sucht, wonach er forscht, dem Auge Gottes unterstellt sein, möge Sein Gnadenblick stets darauf ruhen vom Anfang dieses Jahres bis znm Ende des Jahres! — Zeitnngsnachrichlen und Corrcspoirdenzen. Deutschland. Posen, im August. Nachdem bisher die Answeisnngen russisch-polnischer und galizischcr Staatsangehörigen ans unserer Stadt und Provinz nur sporadisch erfolgt sind, beginnen sie auch hier «rn mo886. Im Laufe dieser Woche sind nahe an 130 Personen vor die Polizcidirection geladen und ist ihnen anempfohlen ivordcn, bis znm l. Oktober das preußische Staatsgebiet zu verlassen. Viele derselben sind Inden, die bereits länger als 15 Jahre hier ansässig und Familienväter sind. Welch' schweres Schicksal über manche Familie hierdurch heranfbe-

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