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Der Israelit · 1885-09-08 · Heft 71-72 (8.9.1885) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
26 (1885)
Issue
Heft 71-72 (8.9.1885)
Date
1885-09-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1230 hegt und gepflegt, behütet und bewacht werde». Auf daß cs nur edle Pflanzen und farbenprächtige duftige Blüthen treibe, auf daß keine schlimmen Einflüsse die Pflanzung schädigen oder zerstören, müssen die göttlichen Vorschriften, die Verordnungen des himmlischen Pflanzers einen festen, starken Zaun bilden. Wer diese außer Acht läßt, wer diesen Zaun nicht anfrichtct, ihn vernachlässigt oder gar mit eigenen Händen zerstört und denkt, stark und mächtig genug zu sein, den Garten auch ohne Zaun zu schützen, der wird jedem Thiere, jeder Leidenschaft es leicht und bequem machen, ciuzudringcn, zu schädigen, der ruft von selbst gleichsam all jene Zerstörer herbei, die da den Garten unbewacht und ungeschützt erblicken. Wer von uns kann so fest behaupten, daß fein Zaun um seinen Garten fest aufgcrichtet, daß sein Zaun keine Lücke zeige, daß nicht er selbst Lücken hincingcrissen, oder die durch andere Einflüsse entstandenen aus -Gleichgiltigkeit oder Trägheit nicht offen gelassen? Umwandert jetzt sorgfältig Eure Pflanzungen, die Ihr zu pflegen und zu bewachen habt, Eure Pflanzungen, die Gott der Herr gepflanzt und Euren Händen anvertcaut hat! Seht zu, ob, wie Ihr gewöhnlich von der Höhe des Berges aus wähnt, daß die ganze Landschaft harmonisch schön, tadellos, vollkommen sei, ob nicht doch ein zerbrochener Zaun sich zeigt; gebt Acht, daß Ihr den richtigen Blick, das richtige Urtheil gewinnt! Denn heute, am n"n fragt der himmlische Pflanzer nicht nach dem Gesammleindrucke, sondern prüft jede Einzclpflauzung und fordert Rechenschaft. Seht Ihr dort jenen Garten?! Ein wohlerhaltcner Zaun umgibt ihn; aber sein Inneres liegt wüst und wild. Gestrüpp und Unkraut ist überall cmporgcschossen, keines Menschen Hand hat ihn seit längerer Zeit bearbeitet, keines Menschen Fuß ihn betreten. Der Schein ist wohl gewahrt; der oberflächliche Wanderer, den sein Weg vorüberführt all diesem Garten, er wird von dem Aenßeren auf das Innere schließen und den Besitzer des Gartens für einen fleißigen, ordnungsliebenden Mann halten. Solcher wohlnmzännten aber dennoch innerlich verwahrlosten Gärten gibt cs nicht wenige. Viele Menschen fuujcu nur nach Außen den Schein der Ordnung, Gesittung und Bildung aufrecht zu erhalten; aber innerhalb des Zaunes, innerhalb der Mauer, welche den Außenstehenden nicht gestattet, den Blick hinüber zu werfen, ist es wüst und öde; keine fleißige Hand hat umgegraben, gepflanzt, gejätet und gepflegt. Da hat man Alles der Natur überlassen, und so ist auch Alles in seinen Naturzustand znrückgesunken, ist Alles verwildert. - Wie Viele gibt cs heutzutage, die, wie sie behaupten, naturgemäß leben, göttliche Gesetze und Vorschriften nicht anerkennen, die Natur als ihre Gottheit ausrufen, Naturcultus treiben und damit die höchste Meuschenweisheit erfaßt zu haben, die höchste Stufe der Bildung und Gesittung erreicht zu haben vermeinen. O ja, seht Euch nur einmal solch einen Naturzustand an, betrachtet einmal einen solchen Garten, den man der Natur überläßt! Und das Menschenherz gleicht ganz einem solchen Garten. Nach Außen hin ist es ja sehr leicht, den Schein zu erwecken, als ob wir gesittet und gebildet sind; aber sicher ist, daß ohne Beobachtung der Vorschriften des göttlichen Gärtners, die Natur nicht von selbst einen Garten wohlgepflegt erhalten kann, daß nicht ungepflegt herrliche Blumen darin wachsen, nicht köstliche Früchte gedeihen. Ein Zufall mag wohl hie und da einen Samen dorthin führen, dem eine schöne Blume, ein herrlicher Baum das Dasein verdankt; aber einen Blumengarten, eine Baumpflanzung kann nur die sorgfältig wartende Hand des Gärtners und desien Gehilfen hervorbringen. Und dort, mitten unter den halmreichen Feldern der Gegend ist ein Strich Landes, wo Hagelschlag jede Hoffnung auf Ertrag jäh vernichtet, da an anderer Stelle hat der angcschwollene Bach eine saftige, grünende Wiese versandet, und hier wiederum streckte einst ein starker, stolzer Baum seine mächtige Krone in die blaue Luft, seine Zweige waren reich behängen mit köstlichem Obst; da fuhr ein Sturmwind einher, knickte den starken, stolzen Bamn als wäre cs eilt schwaches Rohr. Das sind die gewaltigen Naturerscheinungen, die mächtige» Elemente, denen wir machtlos gegenüberstehen, die nichts fragen nach ultscren Hoffnungen, die der Mcnschenarbcit spotten, unsere Pläne und Berechnungen im Nu vereiteln. Wer von uns Allen hat nicht schon die schwere Hand dieser außer uns liegenden Mächte kennen gelernt? Wer hat nicht manche Hoffnung, manche Anssicht vereitelt gesehen? Wer hat nicht schon Pläne und Entwürfe gefaßt, die sich als falsch und trügerisch erwiesen? Wer hat nicht die Bitterkeit zu kosten bekommen, welche die unabwendbaren, unabänderlichen Naturgesetze uns Menschen, mit dem stolzen Sinn und der hohen Meinung von unserer Macht und unserem Können, auferlegen? Wir wollen das Alles nicht sehen, wolle» uns cinredcn, das Leben sei so schön, biete einen gar so harmonischen Anblick, sei ein so abgerundetes, ent-

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