Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 26 (1885)
- Issue
- Heft 71-72 (8.9.1885)
- Date
- 1885-09-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1232 schworen wird, läßt sich kaum beschreiben; für manchen, kleinen Gcwcrbtreibende» bedeutet die Ausweisung geradezu Ruin und Nahrungslosigkcit. Doch dies ist nicht Alles; noch schwerer als die augenblickliche Zerrüttung des Wohlstandes ist für die Meisten das unsichere und ungewisse Loos, dem sie entgegengehen. Sie können nach ihrer Hcimath nicht zurück, die für sie, nachdem sie sich hier eingelebt und ihr entfremdet haben, keine Hcimath mehr ist und die ihnen auch der dort herrschenden eigcnthümlichcn Verhältnisse wegen keine Existenz bieten könnte. Wohin sollen sie sich wenden, da sie überhaupt meist unbemittelt sind und, wie man zu sagen pflegt, nur von der Hand in den Mund leben. Die äußerste Nathlosigkeit und Verzweiflung hat sich daher der so hart Betroffenen bemächtigt und der Menschenfreund wird tief ergriffen von dem unverschuldeten Elende, das über so viele harmlose und friedliche Mitmenschen plötzlich hcrcingcbrochcn ist. Bedaucrnswerth sind besonders die Eultnsbca inten, die aus ihrer Stellung plötzlich hcrausgerissen und einer ungewissen Zukunft und dem Mangel entgegengehcn. Auch Wittwcn mit ihren Kinder nnntcrlicgen der Maßregel. Die christlichen Polen trifft die Ausweisung nicht im Entferntesten so hart, da dieselben meist dem Arbcitcrstande angchören und in ihrer Hcimath leicht dieselbe Beschäftigung finden, zumal sich die großen Grundbesitzer ihrer annehmen, wie ja auch ein solcher bereits sich erboten hat, hundert ansgcwicfcncn Familien auf seinen Gütern Unterkommen zu gewähren. Ferner darf nicht übersehen werden, daß der christlichpolnische Ausgewicscuc seiner ursprünglichen Hcimath durchaus nicht so entfremdet worden, wie der jüdische. Der christliche Pole bleibt seiner nationalen Denkungsart und Lebensweise treu, wo er auch sei; für ihn hat die Ausweisung nur das Schwierige und Unangenehme des Wechsels des Aufenthalts. Der jüdische Pole dagegen sucht das polnische Wesen so schnell als möglich abzulegen, und lernt bald deutsch fühlen und sprechen, so wie er auch die Kinder als Deutsche unterrichten läßt; ihm ist Polen und Galizien bereits fremd geworden. Uebrigens hat sich für die christlichen Äusgewiesenen bereits ein polnisches ComitL gebildet, das den Ausgcwiescnen mit Reisemittcln und mit Rath besteht. Hoffentlich wird auch der jüdischen Gemeinde oder vielmehr allen jüdischen Gemeinden der Provinz die Nothwendigkeit cinleuchten, ein solches Unterstützungscomitü zu bilden, da cs kaum denkbar ist, daß man dem Elende und der Nathlosigkeit der so hart betoffcnen Glaubensgenossen unthätig zusehen werde. Die Aufgabe des Comitäs würde eine vielseitige sein, thcils die Unbemittelten mit Unterstützung zn versehen, theils für Manchen Prolongation oder auch Aufhebung der Ausweisungsordre zu erwirken, endlich aber auch den Ausgewiesenen möglichst Stellung und Existenz zn verschaffen. — Gewiß ein weites Feld wohlthätigen Wirkens. R u m ä n i e n. Botin schau, 21. August. Die Stimme, welche die jüdische Deputation in London bei Lord Salisbury erhob, um der Judenverfolgung in Rumänien Einhalt zu thnn, und welche die Presse unseres Landes in Bewegung setzte, ist gewiß auch zu Ihnen gedrungen. Das gouvernemeutale Blatt „Telegraphuln" drohte uns mit Ausweisung, Revolution und Blut, falls wir nicht insgesammt formell gegen die englische Deputation einen Protest erheben würden. Die Negierung, welche unser Elend und Leiden verschuldet, will uns also zwingen, daß wir mit eigener Hand Schwerter und Dolche für unsere Brust schärfen. Allenthalben wetteifern die Behörden mitDrohungen aller Statur in allen Orten Rumäniens, um den Inden Unterschriften für gedachten Protest zu erpressen. Aber trotz aller Drohungen ließ sich der größte Theil der rumänischen Juden hierzu nicht herbei. Eine Ausnahme machten nur diejenigen, welche mit Hab und Gut von der Negierung abhangen, und ganz wenige, die ihre eigenen Brüder um 2 Centimes zn verkaufen bereit sind, und deren Assimilationssucht in eine Art Wuth ausgeartet ist. Es sind diese dieselben, welche schon seit dem Jahre 1874 auf der schwarzen Tafel der rumänisch-jüdischen Geschichte als Renegaten ekngravirt sind. In Doroschin wurde vom Rabbiner die Unterschrift erpreßt, der solche als österreichischer Nnterthan bei dem Eonsulate wieder annullirte; in Bukarest ließ der Prüftet einige angesehene Juden zu sich einladen und forderte dieselben zu einem Protest auf, was aber von ihnen standhaft verweigert wurde. In Herza, Distrikt Doroschin wurden mehrere Leute, die nicht einmal lesen können, zur Unterschrift gezwungen. E. Bottnschan. Am 9. Ab, dem jüdischen Tranertage, ereignete sich dahier folgende Gräuelscene. Herr Maier, der seit langer Zeit daselbst ansässig war, mußte, von den Behörden bedroht, die Flucht ergreifen. Unterdessen verbarg sich die geängstigte Frau des Flüchtlings auf dem Boden des Hauses. Sie hatte ihren Schlupfwinkel kaum erreicht, als die Schergen der Behörde in's Haus